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Ein vergessenes Beispiel für Toleranz

Reformation Ein vergessenes Beispiel für Toleranz

Anlässlich des Jubiläums von Martin Luthers Reformationsthesen beging die Universitätsstadt mit Vertretern aus Rumänien die Veranstaltung "Die Reformation als europäisches Bildungsereignis".

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Im Fürstensaal des Landgrafenschlosses verfolgten mehr als 80 Zuschauer die Rede von Rumäniens Botschafter Emil Hurezeanu. Uni-Präsidentin Prof. Katharina Krause überreichte Reinhart Guib, dem Bischof der Evangelischen Kirche in Rumänien, ein ­Geschenk.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Noch vor 80 Jahren­ lebten in Rumänien rund 300.000 Siebenbürger Sachsen, heute beläuft sich die Zahl nur noch auf ungefähr 40.000. Gemessen an den knapp 20 Millionen Einwohnern des Landes eine eigentlich zu vernachlässigende Größe. Doch die großen Taten der deutschsprachigen Bewohner Siebenbürgens, eine Region im Herzen Rumäniens, wirken noch heute nach.

Diese deutschstämmigen ­Rumänen, die bereits im Mittelalter aus dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation nach Rumänien auswanderten, haben maßgeblich zur Evolution des Landes am Schwarzen Meer beigetragen - insbesondere im Hinblick auf Schule und Bildung. Das machten am Donnerstag mehrere Redner vor 80 Zuschauern bei der Veranstaltung „Reformation als Bildungsereignis“ im Fürstensaal des Landgrafenschlosses deutlich.

Neben Professorin Katharina­ Krause, Präsidentin der Philipps-Universität, Norbert Kartmann (CDU), hessischer Landtagspräsident, Emilian Horaiu Hurezeanu, dem rumänischen Botschafter in Deutschland und Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach nahmen zwei Kleriker teil: Professor Martin Hein, Bischof der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, sowie Reinhart Guib, Bischof der Evangelischen Kirche A.B. in Rumänien, deren Verkündungssprache Deutsch ist.

„Die Reformation war in Rumänien primär eine Bildungsbewegung. Die Siebenbürger Sachsen waren durch die Annahme der lutherischen Thesen entscheidend für die Organisation des Schulwesens unseres Landes“, erklärte Guib in exzellentem Deutsch. Noch heute­ wirke der deutsche Einfluss nach: „Viele Kinder wählen in der Schule Deutsch als erste Fremdsprache.“

Siebenbürger ist der Präsident

„Wir nennen sie unsere Deutschen“, meinte Hurezeanu über die Siebenbürger und hob unter anderem den massiven Beitrag der Siebenbürger hinsichtlich Kirchenbau und moderner Landwirtschaft hervor. Ferner war das erste Buch in ­Rumäniens Geschichte ein von Siebenbürgen gedruckter lutherischer Katechismus. Zurzeit wird das Land am Schwarzen Meer sogar von einem Deutschstämmigen regiert. Der Siebenbürger Sachse Klaus Johannis, ehemaliger Bürgermeister von Marburgs Partnerstadt Hermannstadt, wurde 2014 zum Präsidenten gewählt.

Prof. Wolf-Friedrich Schäufele, Dozent für evangelische Theologie an der Philipps-Universität, unterstrich die bemerkenswerte Toleranz in Rumänien während des 16. Jahrhunderts: „Seit dem Mittelalter bestanden Multikulturalität und Multiethnizität. Die Volksgruppen waren oft unterschiedlichen Bekenntnisses. Aber bereits damals lebten Katholiken, Lutheraner, Calvinisten und Unitare friedlich nebeneinander.“ Eine für damalige Verhältnisse einzigartige Konstellation, da auch Predigtfreiheit sowie Verbot religiöser Diskriminierung gesetzlich festgehalten wurden.

von Benjamin Kaiser

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