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"Ein stupides Abrechnungssystem"

Finanzierung der Hochschulmedizin "Ein stupides Abrechnungssystem"

Das Universitätsklinikum beklagt gemeinsam mit allen anderen Universitätsklinika in Deutschland die chronische Unterfinanzierung der Hochschulmedizin.

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Die Leitung des Uniklinikums beklagt die Unterfinanzierung der Hochschulmedizin in Marburg.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Gerhard E., Ende 50, ist als ehrenamtlicher Feuerwehrmann bei einem Löscheinsatz dabei. Um kurz nach Mitternacht, um 0.50 Uhr, wird ihm übel - die Kollegen alarmieren den Rettungsdienst. Im Notarztwagen zeigt das EKG, dass E. einen schweren Herzinfarkt erlitten hat. Das Herzkatheterteam am Uniklinikum wird alarmiert und in Rufbereitschaft versetzt, um 1.18 Uhr beginnt der Transport zu den Lahnbergen.

Und es kommt noch schlimmer für E.: Um 1.24 Uhr hört das Herz auf zu schlagen, es kommt zu Kammerflimmern. E. wird reanimiert, um 1.44 tritt aber erneut Kammerflimmern auf. Wieder holen die Ärzte E. ins Leben zurück. Am UKGM wird die Notfallherzlungenmaschine klargemacht.

Um 1.54 Uhr trifft Gerhard E. im Schockraum ein, um 2.15Uhr beginnen die Ärzte mit der Notfallkatheterintervention. Die Operation ist um 4.30 Uhr beendet, E. kommt auf die Intensivstation. Er lebt. Heute kann er seinem Hobby, dem Bergwandern, wieder nachgehen.

Für Gerhard E. ist die Geschichte gut ausgegangen. Das UKGM, so berichtet Privatdozent Dr. Clemens Kill, der Leiter des Zentrums für Notfallmedizin am UKGM in Marburg, hat in diesem Fall draufgezahlt.

23000 Euro, so Kill, hat das UKGM dafür bekommen, dass es Gerhard E. das Leben gerettet hat. 1000 Euro sind für die Rufbereitschaft draufgegangen, 7000 Euro für die Notfallherzlungenmaschine, 15000 Euro für das Impella-System, also eine hochmoderne Herzpumpe, weitere 500 Euro für Koronarstent und sonstiges Material - morgens um 4.30 Uhr hat das UKGM die Erstattung durch Krankenkassen und Sonderentgelte schon verbraucht. „Die anschließenden neun Tage medizinischer Betreuung und Pflege gingen aufs Haus“, berichtet Kill.

Natürlich sind alle froh, dass es gelungen ist, das Leben von E. zu retten. „Deswegen sind wir Ärzte.“ „Die Fallpauschale kann aber nicht das letzte Wort sein in der Abrechnung hochschulmedizinischer Leistungen“, sagt Dr. Gunther K. Weiß, der kaufmännische Geschäftsführer am UKGM. „Wir brauchen eine ergänzende Finanzierung.“

Auch Professor Helmut Schäfer, der Dekan des Fachbereichs Medizin der Philipps-Universität, singt das Klagelied der Unterfinanzierung: „Der medizinische Fachbereich ist auf ein wirtschaftlich stabiles Klinikum angewiesen“, sagt er: Nur so könne man die Hauptaufgabe der Universitätsmedizin erfüllen, nämlich die medizinische Forschung. Die Universitäten bekommen beispielsweise nur die klinischen Studien für die Erprobung neuer Medikamente finanziert, nicht aber die Erprobung von Therapiestrategien - „ein umfängliches Geschäft im öffentlichen Interesse.“

Ähnlich wie in Marburg geht es auch den Uniklinika an den anderen 32 Standorten in Deutschland. Insgesamt, so klagen der Medizinische Fakultätentag und der Verband der Universitätsklinika Deutschland, fehlen der Hochschulmedizin etwa eine Milliarde Euro. Nur fünf der 33 Universitätsklinika, darunter das UKGM, schreiben mit Mühe eine schwarze Null. „Die Hochschulmedizin erledigt eine Reihe von Sonderaufgaben im deutschen Gesundheitswesen“, sagt Weiß: von der Notfallversorgung über Extremkostenfälle und interdisziplinäre Zentren bis hin zur Diagnose und Therapie seltener Krankheiten. Das Marburger „Zentrum für unerkannte und seltene Erkrankungen“ unter der Leitung von Professor Jürgen Schäfer spielt da beispielsweise eine herausragende Rolle. „Wer soll sich darum kümmern, wenn nicht wir?“, fragt Schäfer. Aber auch in diesem Fall: Die Krankenkassen zahlen nicht kostendeckend. „Die Fallpauschale ist ein stupides Abrechnungssystem, das anstelle des politischen Willens die Versorgungsstrukturen in Deutschland bestimmt“, kritisiert Schäfer.

Gerhard E. im Übrigen wäre gestorben, hätte er seinen Herzinfarkt 50 Kilometer weiter nördlich erlitten. Die Behandlung im Universitätsklinikum hat sein Leben gerettet.

von Till Conrad

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