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Ein soziales Ticket für Bus und Bahn

Vergünstigungen für Bedürftige Ein soziales Ticket für Bus und Bahn

Es soll Bedürftigen eine bessere Teilhabe am Leben ermöglichen und dafür sorgen, dass etwa für Harz-IV-Empfänger das Fahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln bezahlbar wird. Die Rede ist von einem Sozialticket, wie es die Linke im Kreistag seit Jahren fordert.

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Das Diakonie-Ticket ermöglicht Leistungsempfängern in Kassel die vergünstigte Nutzung des ÖPNV.

Quelle: Carina Becker

Marburg. Bislang gibt es nur den Austausch unter Fachleuten - und die Hoffnung, dass Bund und Land eine Initiative starten, die Bedürftigen den Kauf von vergünstigten Bus- und Bahnfahrkarten ermöglicht. Darauf hofft der Erste Kreisbeigeordnete und Verkehrsdezernent für Marburg-Biedenkopf, Dr. Karsten McGovern, zugleich Mitglied im Aufsichtsrat des Rhein-Main-Verkehrsverbunds, der zu einer Fachtagung ins Kreishaus eingeladen hatte

Fachleute von örtlichem und überörtlichen Personennahverkehr tauschten sich während der Tagung über die Möglichkeiten eines Sozialtickets aus, eines Scheins, der Bedürftige für vergleichsweise wenig Geld zur Nutzung von Angeboten im Öffentlichen Personennahverkehr berechtigt.

Dabei stellte McGovern klar, dass es für ihn zunächst darum gehe, dieses Thema in die landes- und bundespolitische Diskussion zu tragen, in der Hoffnung auf eine Finanzierung, für die er durch den Landkreis organisiert derzeit keine Möglichkeit sieht. „Das ist eine Landesentwicklungsaufgabe“, stellte er klar. „Es geht schließlich auch um bessere Mobilität auf dem Lande.“

Beispiele für das soziale Ticket

Als Beispiele dafür, wie solche Initiativen gelingen können, dienten Erfahrungsberichte aus dem Dortmunder Raum und aus Kassel. Für das Gebiet des Verkehrsverbunds Rhein-Ruhr (VRR) trug der Grünen-Landtagsabgeordnete Mario Krüger vor, Aufsichtsratsmitglied beim VRR und Mitinitiator des dortigen Sozialtickets, sowie der Pfarrer Gerd Bechtel, Geschäftsführer des Diakonischen Werks Kassel, der maßgeblich an der Einführung des Diakonietickets in Nordhessen beteiligt war.

Mario Krüger berichtete über das Sozialticket, das zunächst als Pilotprojekt im VRR sowie im Nahverkehrs-Zweckverband Niederrhein (NVN) lief. Auslöser sei eine rot-grüne Kooperationsvereinbarung gewesen, ausgerichtet auf 1,14 Millionen Leistungsempfänger in diesem Gebiet, die mit einem Ticket zum Preis von 29,90 Euro zunächst rund um die Uhr, später ab 9 Uhr die öffentlichen Verkehrsmittel nutzen konnten. Das entspricht laut Krüger einem Rabatt von rund 60 Prozent aufs normale Fahrkartenangebot. 6,5 bis 7,5 Prozent der Berechtigen nähmen es in Anspruch, in der Stadt mehr Menschen als auf dem Lande. Finanzieller Mehraufwand dadurch: 50 Millionen Euro. 15 Millionen gab es als Zuschuss vom Land in der Projektphase. Krüger berichtet über den Aufschrei der Kämmerer, den es hinsichtlich der Finanzierung gab. Doch Kreise, Kommunalaufsicht und die Bezirksregierung Düsseldorf trugen das Projekt mit.

Wenn Denksperren trotz Geldmangels fallen

Seit Beginn dieses Jahres gibt es das Sozialticket als Regelangebot in Form des „Tickets 1000“, das ist eine Monatskarte. Inhaber können mit bis zu drei Kindern auf diesem Ticket fahren, 88000 Personen nutzen diese Möglichkeit aktuell. Finanziert wird das Angebot mit einem Landeszuschuss von 30 Millionen Euro.

McGovern freute sich über Krügers Vortrag, weil mit diesen Impulsen aus Nordrhein-Westfalen „eine Denksperre fällt, wenn man sieht, dass Sozialleistungen trotz Geldmangels eingeführt werden können“.

Auch die Informationen, die Diakonie-Geschäftsführer Gerd Bechtel vortrug, ermutigten zu neuen Denkmodellen, wie sie in Kassel Schule gemacht haben. Dort gibt es für Leistungsempfänger Entlastung durch ein so genanntes Diakonieticket, das durch das Engagement einer Kirchengemeinde und durch ehrenamtlichen Einsatz etabliert wurde.

15000 Berechtigte, die von einem Sozialticket profitieren könnten, gibt es im Landkreis. Im RMV-Gebiet unterbreiten die Städte Frankfurt, Bad Homburg, Gießen und Mühlheim bereits vergünstigte ÖPNV-Angebote für Leistungsempfänger, in der Stadt Marburg gibt es den so genannten Stadtpass, der vergünstiges Busfahren im Stadtgebiet ermöglicht.

„Das Ganze soll ein Gedankenanstoß sein“, sagte McGovern zu der Gesprächsrunde. „Wir sollten überlegen, wie so etwas wie das Sozialticket bei uns gelingen könnte und wie wir die Parteien, die in Hessen zur Wahl stehen, dazu bewegen können, dafür Geld aufzuwenden.“

Vorschläge für solche und ähnliche Modelle unterbreitete die Fraktion Die Linke im Kreistag in den vergangenen Jahren wiederholt. Zuletzt hob sie dabei nicht nur den Faktor Daseinsvorsorge und Teilhabe hervor, sondern auch den umweltpolitischen Hintergrund. Im Mai beantragte sie einen kompletten „Nulltarif“ für den ÖPNV - „in einem ersten Schritt könnten die armen Menschen im Landkreis durch einen Kreissozialpass von der Finanzierung des ÖPNV freigestellt werden“, hieß es in dem Antrag.

von Carina Becker

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