Volltextsuche über das Angebot:

12 ° / 9 ° Regenschauer

Navigation:
Ein offenbar hoffnungsloser Fall

Aus dem Gericht Ein offenbar hoffnungsloser Fall

Es gibt auch im Berufsleben verlässliche Konstanten. Für Oberamtsanwalt Reinhard Hormel ist dies ein Straftäter, der ihn seit 1992 durch sein Berufsleben bei der Staatsanwaltschaft begleitet.

Voriger Artikel
Eine Polizeistation zum Anfassen
Nächster Artikel
"Ein anderer Blick auf die Menschen"

Besucher betrachten bei einer Messe in Berlin neue TV-Geräte. Ein Betrüger bot solche Ausstellungsstücke günstig an.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Das strafrechtliche Vorleben des 46-Jährigen lässt sich im Bundeszentralregister nachlesen.  Der hafterfahrene Biedenkopfer, der heute in Gießen lebt, ist dort mit 23 Vorstrafen vertreten. Jetzt stand der arbeitslose Hilfsarbeiter  erneut vor den Schranken der Gerichtsbarkeit und wiederum vertrat Reinhard Hormel die Anklage vor dem unter Vorsitz von Richter Dirk Schauß tagenden Marburger Amtsgericht.
Hormel klagte seinen Stammkunden wegen sechs Straftaten an, begangen an unterschiedlichen Orten im Landkreis und in Gießen, die sich in zwei Deliktgruppen ordnen lassen: Drei vorsätzliche Fahrten ohne Führerschein, davon eine tateinheitlich mit fahrlässiger Trunkenheitsfahrt und Unfallflucht sowie drei Betrugsfälle.

Laut Anklagesatz war der Angeklagte am 2. Dezember 2012 gegen 0.40 Uhr im Zustand der absoluten Fahruntüchtigkeit (1,53 Promille)  mit seinem Auto im Heskemer Kreisel unterwegs, in dem er geradeaus fuhr und von Betonelementen gestoppt wurde. Ohne sich um den angerichteten Schaden in Höhe von 343,87 Euro  zu kümmern, verließ er sein Auto und flüchtete zu Fuß. Den Führerschein konnte die Polizei nicht abnehmen – er hat diesen schon 2004 eingebüßt.

Das hielt ihn aber nicht davon ab, am 20. März 2013 mit seinem Auto durch Biedenkopf und Buchenau zu fahren.  Am 24. April 2014 machte er Gladenbach am Steuer seines Autos seine Aufwartung.  Doch damit nicht genug: Am Vortag seiner Verhandlung in Marburg fuhr der Angeklagte unerschrocken mit seinem Auto nach Wetzlar: zu einer Vernehmung bei der Kriminalpolizei, wie Reinhard Hormel am Rande der Verhandlung berichtete.

Bei den drei Betrugsfällen bediente sich der Angeklagte einer von ihm schon in der Vergangenheit erfolgreich praktizierten Masche. Er erschlich sich durch regelmäßige Besuche das Vertrauen von Kleinstunternehmern mit Migrationshintergrund und gab vor, diesen hochwertige Haushaltsgeräte und Unterhaltungselektronik zum halben Preis besorgen zu können.
Dazu gab er sich als Beauftragter eines Fachmarktes für den Verkauf überschüssiger Ware aus. Marburger Opfer lotste er zum Geschäftsabschluss nach Gießen, Gießener Schnäppchenjäger nach Marburg. Vor Ort ließ er sich das Geld übergeben und verschwand spurlos.
Auf diese Weise ergaunerte er sich laut Anklagesatz am 18. Oktober 2012 in Marburg 1 050 Euro, am 20. März 2013 in Gießen 1 400 Euro und am  4. Februar 2013 in Marburg 400 Euro.
Der Angeklagte gab über seine Verteidiger ein vollumfängliches Geständnis zu den angeklagten Taten ab und verzichtete auf weitere Erklärungen. Dass Gericht entließ darauf den Großteil der zehn geladenen Zeugen und hörte auf Wunsch der Anklage zwei der zur Verhandlung erschienenen Geschädigten.

Angeklagte macht munter weiter: 7200 Euro ergaunert

Auf dem Wunschzettel eines Gießener Änderungsschneiders standen ein Trockner für 1 060 Euro, eine Nikon-Kamera für 569 Euro und ein iPhone für 500 Euro. Sein ihm nur mit Vornamen bekannter Neu-Kunde habe ihm zugesagt, die drei Geräte für zusammen 1 050 Euro zu besorgen – inklusive Rechnungen und Garantie. Für die Übergabe der Geräte sei er nach Marburg  in ein Parkhaus gelotst worden.   Dort habe er dem Angeklagten das Geld übergeben, mit dem dieser spurlos verschwunden sei.

Der zweite Geschädigte, Inhaber eines Marburger Schnellrestaurants, wurde nach eigenem Bekunden von dem Angeklagten „zwei Wochen lang voll gelabert. Er kam täglich zum Essen und hat immer wieder gesagt: ,Wenn Du was brauchst, bekommst Du von mir günstige Ausstellungsstücke mit Rechnung und Garantie‘“, berichtete der Zeuge.  
Sein Einkaufszettel: Ein TV-Gerät für 3 000 Euro, ein iPad für 799 Euro, ein Staubsauger für 570 Euro und ein  Kaffeeautomat für 600 Euro für zusammen nur 1 400 Euro – mit Rechnungen und Garantie.
Der Geschädigte übergab das Geld auf dem obersten Deck eines Gießener Parkhauses an den Angeklagten, der zur „Sicherheit“ seine Jacke und den Regenschirm zurückließ – und auf Nimmerwiedersehen verschwand. Zu Gesicht bekam er den Angeklagten noch einmal im Geschäft eines gemeinsamen Bekannten am gleichen Tag: Dort sah er auf dem Überwachungsvideo, wie der Betrüger aus seinem Geldumschlag einen 50-Euro-Schein zückte, um bei dem gemeinsamen Bekannten Schulden zu bezahlen.

Reinhard Hormel beantragte für den Angeklagten eine Gesamtfreiheitsstrafe von einem Jahr und sechs Monaten sowie eine Führerscheinsperre von zwei Jahren. Der Angeklagte habe sich in den vergangenen Jahrzehnten weder für Geld noch durch Freiheitsstrafen beeindrucken lassen und mache immer so weiter. Eine weitere Bewährungsstrafe sei Strafvereitelung im Amt, stellte Hormel klar. Und dem Angeklagten drohe ein Nachschlag: Am 17. Juli 2014 und zwei Wochen vor der Verhandlung habe er seine Masche in Wetzlar durchgezogen: Schaden: 2 700 und 4 500 Euro.
Die Verteidigung bekannte, dass ein weiteres Verfahren vorliege und verneinte eine neuerliche Bewährungschance für den Angeklagten. Wegen des werthaltigen Geständnisses sei eine Freiheitsstrafe von einem Jahr und drei Monaten ausreichend.   

von Matthias Mayer

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr