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Bildmeditation von Propst Helmut Wöllenstein

Ein neues Herz für mehr Herzlichkeit

Herzen gehen immer. 
Zu jeder Jahreszeit. Auch zu Silvester und Neujahr. Herzen gehen überall: 
auf der Kirmes, beim ­Karneval, auf dem Weihnachtsmarkt und auch 
auf dem Bahnhof, wo ich diese Prachtexemplare ­gefunden habe.
Propst Helmut Wöllenstein hat sich für seine Bildmeditation ein Foto mit Lebkuchenherzen ausgesucht. Archivfoto

Propst Helmut Wöllenstein hat sich für seine Bildmeditation ein Foto mit Lebkuchenherzen ausgesucht.

© Archivfoto

Marburg. Ich habe lange gesucht nach einem Motiv für die Bildmeditation der Oberhessischen Presse zur Jahreswende. Was gibt es nicht alles für Herzensbilder auf Postkarten, im Geschenkeladen, in Baumrinde geschnitzt, im Internet… Herzenskitsch und Herzenspathos. Doch die Lebkuchenherzen toppen alles.

Zuckerguss und Schokolade, das sieht schon lecker aus. Aber als Herzensnahrung gedacht, noch dazu mit „Ich liebe dich“ drauf, sind sie einfach unschlagbar. Und sie haben es auch in sich. Alles, was man braucht, für ein neues Jahr. Ganz handfeste Substanzen wie Pfeffer und Salz, Zucker und Fett, Mehl und Eiweiß, Mandeln, Nüsse, Kräuter, Vitamine, Mineralien, Spurenelemente.

Nahrhaft und schmackhaft und mit einer Botschaft. Ich liebe Dich. So ein Herz zu bekommen, das hat sich doch wirklich jeder schon einmal gewünscht. Überhaupt ein Herz zu bekommen. Nichts lässt unser Herz höher schlagen, als wenn einem ein Herz geschenkt wird. Und man es richtig fühlen kann. Oder es einem klipp und klar gesagt und auch noch um den Hals gehängt wird. Das ist für dich. Ich bin für dich.

Biblische Zusage zum Jahresbeginn

„Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch“, sagt die Jahreslosung für 2017. Eine biblische Zusage zum Jahresbeginn (Ezechiel 36,26). An allen Tagen, die vor uns liegen, soll uns Gottes Versprechen ermutigen, stärken, inspirieren und vielleicht auch provozieren: „Ich schenke euch ein neues Herz!“

Aber brauche ich überhaupt ein neues Herz? Und: Was wird aus meinem alten Herzen? Würde alles verschwinden, was mir am Herzen liegt? Mein Herz für meine Familie, für Kinder, für die Natur … Alles, was mein Herz höher schlagen lässt, was ich im Herzen trage. Herzen sind sensible Teile. Da lassen wir so schnell niemanden ran oder rein. Die wir ins Herz geschlossen haben, sind uns die allerliebsten.

In der biblischen Vorstellung sitzt im Herzen sogar noch mehr als nur Gefühle: auch der Verstand, die Einsicht, das Bewusstsein, die Fähigkeit sich zu orientieren und zu entscheiden. Es ist der Kern der Persönlichkeit, das Zentrum, von dem aus das Leben pulsiert. Also ich bin erst einmal vorsichtig, wenn jemand sagt: Ich schenke euch ein neues Herz.

Was müsste passieren, damit ich mir ein neues Herz schenken lasse? Meine Herzenssachen müssten mitgehen bei dieser Transplantation. Und es müsste etwas hinzukommen, das mein Herz erfrischt und belebt. Manche Leute kommen von einer Herzkur und erzählen, wie gut das tut, wenn das Herz wieder so schlägt, wie es soll. Wenn es weniger sticht und zwackt oder an den falschen Stellen hüpft. Das gibt es ja alles, Herzverfettung oder ein steinernes Herz. Die Bibel spricht von „Verstockung“ oder von der „Herzens Härte“.

So etwas kann sich einfach einschleichen. Am Anfang merkt man es kaum. Will einfach nur ein bisschen cooler werden, sich nicht immer alles zu Herzen zu nehmen, das Leid von anderen oder wenn einer um etwas bittet. Man kann schließlich nicht allen helfen. Doch irgendwann fängt das Herz an, diese kleinen Störungen zu zeigen.

Man ist einfach nicht mehr so lebendig

Es wird tatsächlich cool. Das Mitgefühl wird weniger. Es bewegt einen nicht mehr alles. Man gewöhnt sich an die Gewalt, an den Hass, an die Verrohung, die sich zurzeit überall breit machen und in die „Volksseele“ hineinfressen. Man findet das vielleicht sogar ganz nützlich. Bis man merkt, da ist etwas fremd und klumpig in einem geworden. Man ist einfach nicht mehr so lebendig. Kann sich nicht mehr richtig freuen.

Da wird es höchste Zeit, ein neues Herz zu bekommen. Ein Herz, das wieder ganz anders mitgeht und sich öffnet. Das mit anderen leiden, das sich aber auch freuen kann. Ein Herz, das an Herzlichkeit zulegt. Weitherziger würde es werden, großherziger, barmherziger. Zu anderen und auch zu mir selbst. Weil ich manchmal hart zu mir bin. Viel von mir verlange. Ungnädig auf meine Fehler sehe. Ein Bibelwort sagt: „Wenn uns unser Herz anklagt, dann ist Gott größer als unser Herz“ (1. Joh. 3,20).

Auch das würde dem Herzen guttun, wenn es nicht für alles allein den Maßstab geben müsste. Es macht das Herz frei, wenn ich zu ihm sagen kann: Gott ist größer als du. Und ich werde ab jetzt nicht immer alles ganz ernst nehmen, was du dir da wieder zurechtpochst. Denn manchmal ist es ein Hasenherz, will einem schier in die Hosentasche rutschen. Es lässt sich anstecken von einer Welle der Angst, wo es doch realistisch und bei Lichte gesehen wenig zu fürchten gibt. – Da ist es gut, wenn das Herz an der biblischen Herzenserneuerung teilnimmt.

Zum Beispiel mit der Aussicht, die der Hebräerbrief nennt: „Das ist ein köstlich Ding, dass das Herz fest werde, welches geschieht aus Gnade“ (13,9). Fest soll das Herz werden. Mutig denen gegenüber, die Angst schüren und unsere Welt ins Chaos stürzen wollen.
Und von ganzem Herzen lieben soll das neue Herz, Gott lieben und den Nächsten und sich selbst. Also herzlich sein, beherzt handeln, herzhaft genießen können. Nicht halbherzig, sondern von ganzem Herzen.

Herzen gehen immer. Herzen gehen jeden Tag. Und wir gehen, solange unser Herz geht. Deshalb ist es eine schöne Verheißung: Ein neues Herz. Herzerneuerung im neuen Jahr. Jeden Tag ein kleines Stück neue Herzkraft, Herznahrung, Herzerfrischung. Von dem, der die Herzen erforscht und weiß, was sie brauchen. „Ich schenke euch ein neues Herz und lege einen neuen Geist in euch.“

von Helmut Wöllenstein


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