Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / 1 ° wolkig

Navigation:
Ein neues Aussehen für den Stadtteil

Richtsberg-Serie (8) Ein neues Aussehen für den Stadtteil

Die Unzufriedenheit aktiver Bürger über ihre „schlafende Stadt“ hatte Mitte der 80er Jahre ihren Weg in das Marburger Stadtparlament gefunden. Seitdem hat sich tatsächlich viel getan.

Voriger Artikel
Räder werden diebstahlssicher durch Code
Nächster Artikel
Stadtfest-Schläger muss ins Gefängnis

Die Jugendgruppe der Bürgerinitiative für Soziale Fragen arbeitete mit an der Ausweitung des Wegenetzes.

Quelle: Karl-Heinz Jacobi

Marburg. In den vergangenen 26 Jahren seit 1987, dem Jahr, in dem die Stadt den offiziellen Antrag auf Aufnahme in das Landesprogramm „Einfache Stadterneuerung“ gestellt hatte oder den vergangenen 20 Jahren seit 1993, dem Jahr, in dem die Aufnahme des „Projekts Richtsberg“ letztendlich bewilligt wurde - in diesen Jahren ist der Stadtteil tatsächlich allmählich erwacht, bunter und lebendiger geworden.

Seit 1985 beschäftigt sich der Magistrat verstärkt mit der Situation am Oberen Richtsberg. „Unser Ziel ist es, die städtebaulichen, sozialen und Wohnungsprobleme im Rahmen eines Sanierungsprojekts gemeinsam mit den Bürgern des Richtsbergs zu lösen“, heißt es in einer Stellungnahme des damaligen Oberbürgermeisters Hanno Drechsler (SPD).

In den Jahren 1987/88 wird ein sogenanntes Entwicklungsgutachten durch eine Planergruppe von Diplomingenieuren und Städtebauarchitekten aus Flörsheim erarbeitet. In der Einleitung legt es dar, dass der Stadtteil neben allen sichtbaren Problemen (siehe Teil 7, erschienen am 23. Oktober) auch ein Opfer des sich wandelnden Zeitgeistes ist: „So war in den 50er und 60er Jahren der Wunsch nach Neuem sehr stark, die Absage an alles Alte war in der Kunst, der Architektur und im Städtebau vertreten. (…) Erst durch den grundlegenden Umschwung der öffentlichen Meinung Ende der 70er Jahre war die Kraft vorhanden, gegen diesen Prozess anzugehen. (…) Dieser Umschwung hat jedoch eine derartige Eigendynamik erhalten, dass heute oft alles Alte, Verwinkelte, Verschachtelte, Irrationale positiv bewertet wird, das Neue, Geradlinige, Rationale, als negativ eingeschätzt wird.“

Das 100 Seiten starke Gutachten umfasst neben einer infrastrukturellen und städtebaulichen Bestandsaufnahme des Richtsbergs, einer Sozialstrukturuntersuchung, einer Gesamtbefragung der Stadtteilbevölkerung und dem Aufzeigen der Problemfelder auch Vorschläge an Handlungsstrategien.

„Als ich nach Marburg gekommen bin, habe ich den Richtsberg als unwirklich erlebt“, sagt Dr. Heinrich Scherer, der von Anfang an an der Umsetzung dieser Handlungsstrategien beteiligt war. „Große Häuser, riesige Weiten, Unübersichtlichkeit. Und es gab das Gerücht, dass da problematische Leute wohnen, dass soziale Spannungen vorhanden sind und sich vieles im Bereich des Kriminellen bewegt“, erinnert Dr. Scherer sich im Gespräch mit der OP. Letzteres habe sich nicht bestätigt.

Spielplätze wurden gebaut, Fassaden bemalt

Im Jahre 1986 wird Dr. Scherer als Mitarbeiter des Fachdienstes Stadtplanung der Stadt Marburg für das „Stadtökologische Forschungsvorhaben Marburg Richtsberg“ eingesetzt. Es wird zu seinem Lebensprojekt. Anhand einer langen Liste an Vorhaben, die zum Großteil bis heute laufen, wird der Richtsberg „erneuert“. Scherers wichtigster Ansatzpunkt dabei: die Kommunikation - zum einen mit den Menschen, unter denen viele sind „mit denen es das Schicksal nicht gut gemeint hat“ wie er sagt. Und andererseits das Gespräch mit den Wohnungsbaugesellschaften, die nicht darauf achteten, die Bewohner zu durchmischen.

Zentraler Schwerpunkt des Projekts wird die sogenannte Wohnumfeldgestaltung, durch die sich die Bewohner mit ihrem Haus und dem Wohnumfeld identifizieren und Nachbarschaften wachsen konnten. Die Steigerung der Wohnzufriedenheit sollte die Fluktuation im Stadtteil verringern. Es wurden Zäune und Hecken gezogen, in einem Beschäftigungsprojekt Mietergärten angelegt, Spielplätze gebaut, die Fassaden bemalt, Straßen raser-unfreundlich gestaltet, Wege und Plätze definiert und durch Vereine und Angebote dafür gesorgt, den Stadtteil tatsächlich lebendiger zu gestalten.

Nach knapp 30 Jahren der Arbeit auf dem Richtsberg ist Dr. Scherer von seinem Büro für Stadterneuerung auf dem Oberen Richtsberg wieder in das Stadtplanungsamt in der Barfüßerstraße umgezogen. Stolz zeigt er Auszeichnungen und Preise, die er und seine Mitarbeiter, insbesondere sein Kollege Jürgen Kaiser, für die Früchte ihrer Arbeit bekommen haben. „Vieles hat sich verändert und verbessert“, sagt er rückblickend. „Insbesondere die Infrastruktur. Und dass wir das, was wir als gesichtslose städtebauliche Masse angenommen haben, individualisieren konnten.“ Eine echte Bilanz traut er sich aber nicht zu: „Das sollen andere beurteilen“, sagt Dr. Scherer bescheiden.

von Kristina Gerstenmaier

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr