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Ein kritischer Geist tritt ab

Kreisbauernverband Ein kritischer Geist tritt ab

Am Samstag wählen die Mitglieder des Kreisbauernverbands einen Nachfolger für ihren Vorsitzenden Erwin Koch. Zur Wahl antreten werden voraussichtlich mehrere Bewerber - oder auch Bewerberinnen.

Die kleinbäuerliche Landwirtschaft in den benachteiligten Gebieten, wie in Erwin Kochs Heimatdorf Diedenshausen, ist das Steckenpferd des 67-Jährigen.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Was Namen angeht, sage ich nichts zu meinem Nachfolger, wir lassen uns doch nicht von der Zeitung unsere Wahl kaputt machen.“ Ein Satz, wie er für Erwin Koch typisch ist. Der 67-jährige streitbare Diedenshäuser muss am Samstag von dem Amt, zu dem er drei Mal in Folge und für insgesamt neun Jahre berufen wurde, abtreten - er hat die Altersgrenze erreicht.

Mit den Neuwahlen beim Kreisbauernverband ist es so eine Sache, sie folgt ihren eigenen Regeln: Wer einmal gewählt ist, bleibt auch im Amt, bis er selbst abtritt oder zu alt geworden ist, meint Erwin Koch. Kandidaten, die vom Vorstand vorgeschlagen worden seien und nicht aus der Versammlung heraus, die hätten in der Vergangenheit erst gar keine Chance gehabt - deshalb verzichtet der Vorstand auch auf eine Empfehlung, sagt der Vorsitzende.

Und dann, dann ist es den Landwirten auch noch am liebsten, wenn sie am Tag der Wahl den von ihnen favorisierten Kandidaten quasi aus dem Hut zaubern können für eine Wahl mit Knalleffekt.

So wünscht man sich das auch diesmal, wie eine OP-Telefonumfrage unter Landwirten im Landkreis ergeben hat. Namen fallen natürlich doch - bei manchen ist mit einem Anruf geklärt, dass daraus wohl nichts wird. So sagt Landwirt Reiner Nau aus Wittelsberg: „Nein, ich will das nicht machen - den Aufwand scheue ich.“ Aus der Vorstandsarbeit beim Kreisbauernverband weiß er, was der Vorsitzende so alles zu leisten hat.

„Weiterreden, wenn das Mikrofon abgedreht wird“

Es sind viele Termine, die auf den künftigen Kreisbauernverbands-Vorsitzenden zukommen. „Schauen Sie sich das an“, sagt Erwin Koch und zeigt seinen Terminkalender. Versammlungen, Gesprächstermine, eine Demo in Bad Homburg am Donnerstag - „und am Freitag, da kümmere ich mich dann einmal um meinen Hof“, erklärt der 67-Jährige, der Ackerbau betreibt und die Unterstützung seiner beiden Söhne hat. Einmal hat er Buch geführt. 408 Stunden seien es im Laufe von drei Monaten gewesen, die er als Verbandsvorsitzender geleistet hat. „Es muss schon jemand sein, der Zeit für dieses Amt aufbringen kann“, sagt Koch, „und es muss jemand sein, der mit lauter Stimme weiterredet, wenn ihm das Mikrofon abgedreht wird.“

Erwin Koch kennt das. „Ist mir mit der hessischen Landwirtschaftsministerin Lucia Puttrich tatsächlich passiert. Mit der Nachfolgerin, der Priska Hinz, geht das besser. Die bleibt stehen und diskutiert, statt wegzulaufen“, sagt Politiker-Schreck Erwin Koch, der seinen Ansprechpartnern auch schon einmal hartnäckig argumentierend hinterherläuft, wenn sie nicht stehenbleiben und mit ihm sprechen wollen.

Auch oder gerade im eigenen Verband kommt es darauf an, Rückgrat zu beweisen. Davon ist Erwin Koch fest überzeugt. „Beim Deutschen Bauerntag in Bamberg haben sie mich ausgebuht und gesagt: Jetzt setz‘ dich hin und halt‘s Maul“, erzählt der kernige Diedenshäuser, der sich noch immer über die Empfehlung dieses Verbandstags aufregt, die Milchquote nicht über den April 2015 zu verlängern. „Das ganze Geld, elf Milliarden Euro sind es, die die Bauern in die Quote investiert haben, die sind jetzt einfach weg aus der Landwirtschaft“, ereifert er sich. Ein Votum für die Quote? „Nein, nur für das Geld, das drinsteckt“, stellt Koch klar und betont: „Die Quote hat den Milchbauern hier doch nichts gebracht - von 2730 Milchhöfen in Marburg-Biedenkopf, die es vor 30 Jahren noch gab, haben maximal 170 überlebt, das ist ja schon kein Strukturwandel mehr, das ist ein Strukturbruch“, schimpft er. Schimpfen, das kann Erwin Koch. Auch beim deutschen Bauerntag 2011 in Koblenz stellte er diese Fähigkeit unter Beweis. Da pochte er darauf, dass christlich-soziale und kleinbäuerliche Werte im Leitbild des Deutschen Bauernverbands verankert sein müssten und bekam Kontra von einem Vertreter aus den neuen Bundesländern, der gesagt habe, man möge im Leitbild eines Wirtschaftsvereins auf „religiöses Brimborium“ verzichten. Da höhnte Erwin Koch: „Und ohne Gott und Sonnenschein bringen wir die Ernte ein.“ Das habe die Versammlung wachgerüttelt, so ist er überzeugt - und die christlichen Werte schafften es dann doch noch ins Leitbild.

„Selbst auf den scheppen Äckern wächst genug“

Soziales Denken und Handeln, für die Kleinen da zu sein, die Unterstützung brauchen, und den Großen immer mal wieder kräftig auf die Füße zu treten: Dazu fühlte sich Erwin Koch in seiner Funktion als Kreisbauernverbands-Vorsitzender berufen. „Man muss auf die Schwächeren achten, nicht auf die Großmäuler mit ihren Millionen“, sagt er und stellt sich seinen Wurzeln gemäß auf die Seite der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und der Familienbetriebe.

„Vor allem kämpfe ich für die Landwirte in den benachteiligten Gebieten“, sagt er. Damit steht er für einen Großteil der Wirtschaftsflächen im heimischen Landkreis.

Für das Präsidium des Deutschen Bauernverbands hat er diesbezüglich nur Geringschätzung übrig, denn das Mitglied mit dem kleinsten Hof bewirtschafte einen Betrieb mit 285 Hektar Fläche. „97 Prozent der Landwirte finden sich damit im Deutschen Bauernverband nicht wieder.“

„Es gibt ja auch geeignete Frauen“

Auf Kreisebene müsse das anders sein, deshalb wünscht Koch sich auch, dass sein Nachfolger oder seine Nachfolgerin, „gibt ja auch geeignete Frauen“, von einem Hof in einem der benachteiligten Gebiete kommt. „Mein Nachfolger wird auch dafür zu streiten haben, dass die Ausgleichszahlungen für diese Höfe erhalten bleiben. Denn bei uns regnet es ja, und selbst auf den scheppen Äckern im Hinterland werden um die drei Tonnen Getreide pro Hektar geerntet, das liegt immer noch über dem Weltdurchschnitt.“ Wenn Erwin Koch am Samstag loslässt, so will er dies ohne Wehmut tun. „Ich hatte eine tolle Zeit, es hat mir so viel Spaß gemacht“, sagt er. Ob der zu wählende neue Kreisbauernverbands-Vorsitzende die Sorge haben muss, dass täglich ein Anruf von Erwin Koch bei ihm eingeht? „Nein, auf keinen Fall“, sagt der Diedenshäuser, „der Erwin Koch, der macht sein eigenes Ding.“

„Die Weichenstellung für die nächsten Jahre“

Damit stellt er klar, dass er sich auf übergeordneter Ebene weiterhin einzumischen gedenkt, „beispielsweise gilt es, politisch für die Abschaffung der Hofabgabeklausel einzutreten und für eine bessere Förderung der jungen Landwirte, die Betriebe übernehmen wollen“, sagt er und denkt an ein Engagement in einem Arbeitskreis, der dafür eintritt. Am Samstag wird es dann ernst - ein wichtiger Tag für die Landwirtschaft in Marburg-Biedenkopf, „die Weichenstellung für die nächsten Jahre“, sagt Koch und hofft, dass viele zur Wahl kommen. Jedes Mitglied - 2100 gibt es im Landkreis, 1700 davon mit noch aktiver Landwirtschaft - kann sein Votum abgeben. „Es wird schon noch Überraschungen bei der Wahl geben“, ist Koch sich sicher, „gewiss wird sich mehr als nur ein Kandidat zur Wahl stellen.“

Einer, mit dessen Kandidatur womöglich zu rechnen ist, könnte der Landwirt Ulrich Zick aus Fronhausen sein. Sein Namen fällt häufig im Zusammenhang mit der bevorstehenden Wahl. Zick selbst hält sich jedoch bedeckt. „Das ist noch unklar - und im Vorfeld möchte ich mich nicht äußern.“ Andere, wie Reiner Nau, winken gleich ab - dem Vernehmen nach interessiert der Wittelsberger sich aber dafür, den Kreislandwirt Martin Henz zu beerben, wenn dieser im kommenden Jahr altersbedingt abtritt.

Eine, auf die man noch kommen könnte, ist die engagierte Landwirtin und CDU-Kommunalpolitikerin Karin Lölkes aus Obersimtshausen in der Gemeinde Münchhausen. Eine streitbare Frau, die stets die Perspektiven der Landwirtschaft in politische Diskussionen einfließen lässt und die mit Beharrlichkeit und erfrischendem Frohsinn zu überzeigen vermag.

Beim Telefonat mit der OP ist Karin Lölkes zurückhaltend. „Die Wahl ist doch erst am Samstag“, sagt sie, „da kann ich Ihnen jetzt nichts zu sagen.“ Ein Dementi sieht anders aus.

von Carina Becker

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