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Ein kontrastreiches Leben

Sehbehindertentag Ein kontrastreiches Leben

Unsere Gesellschaft wird immer älter. Eine Folge: Die Zahl der Sehbehinderten wächst. Schätzungen gehen davon aus, dass in Deutschland etwa 1,2 Millionen Menschen betroffen sind.

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Ewald Hüngsberg und Linda Hirsch am Treppenaufgang „Enge Gasse“ zwischen Pilgrimstein und Wettergasse. Die Noppen-Platten im Vordergrund warnen Menschen, die einen Blindenstock
benötigen, vor dem Treppenabgang.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Auf einmal ist da nur noch eine graue Fläche. Wo vorher die Treppenstufen noch deutlich zu erkennen waren, verschwimmt nun alles vor den Augen. „Sehbehinderte Menschen sind auf eine kontrast­reiche Umgebung angewiesen“, erklärt der Mobilitätsbeauftragte Franz Josef Breiner vom BSBH (Blinden- und Sehbehindertenbund in Hessen). Besonders ältere Menschen seien häufig mit dem Problem konfrontiert, dass die Sehkraft irgendwann nachlässt, erklärt Breiner.

Dies könne unter besonderen Umständen in kurzer Zeit zu einer massiven Einschränkung führen. Dann verschwimmen Konturen und die Sturzgefahr steigt immens. Laut statistischem Bundesamt gibt es jährlich mehr als 1 000 Tote durch Treppenstürze. Eine Gefahr, die auch in Marburg besteht.

Zahlreiche Auf- und Abgänge winden sich entlang der Oberstadt und ver­binden die Straßen in kleinen Gässchen miteinander. Eine besonders markante Stelle ist die „Enge Gasse“ (Asthma-/Nikotintreppe) zwischen Pilgrimstein und Wettergasse.

Generell ist die besondere Markierung der Treppenabsätze in einem anderen Farbton ein wirkungsvolles Mittel, um sehbehinderten Menschen den Auf- oder Abstieg zu erleichtern. Und genau darum ging es gestern im Rahmen des seit 1998 jährlich stattfindenden bundesweiten Sehbehindertentag (siehe Hintergrundkasten): Kon­traste schaffen. Auffällige schwarze Markierungen zieren nun die Treppenabsätze der „Engen Gasse“. Dazu warnen genoppte Bodenplatten, die mit dem Blindenstock ertastet werden, vor dem nahenden Treppenbeginn.

Im Sommer mehr Hindernisse

Aber nicht nur Treppen können eine Gefahr für Menschen darstellen, die nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr sehen können. Als sehbehindert gilt übrigens, wer mit Brille auf keinem Auge 30 Prozent der normalen Sehkraft erreicht. Wer unter fünf Prozent bleibt, ist hochgradig sehbehindert.

Problematische Stellen lauern eben auch auf der Straße und werden für Sehende oftmals gar nicht als solche erkannt. „Das können einfache Blumenkübel sein oder abgestellte Fahrräder“, erklärt Breiner. Und gerade an warmen Tagen steige in der Marburger Oberstadt die Zahl der Hindernisse. Denn dann ziehe es die Gäste, Besucher und Bummler natürlich gerne vor die Restaurants. Die ausladende Bestuhlung in den Gassen könne so zum Problem werden. „Vieles ist natürlich nicht gut umzusetzen.

Allein schon wegen der Topo­graphie“, sagt Breiner, „aber wir äußern unsere Wünsche und sagen auch, wenn wir glauben, dass etwas baulich nachgebessert werden muss.“ Allgemein bemühe sich die Stadt Marburg aber sehr – auch mittels eines „runden Tisches“ –, den Anliegen der Sehbehinderten und Blinden entgegenzukommen.

Dennoch komme es eben immer wieder dazu, dass architektonisch-bauliche Vorstellungen für einen öffentlichen Platz oder ein Gebäude mit denen der Blinden- und Sehbehindertenverbands kollidierten. Zum Beispiel dann, wenn es um Beleuchtungsfragen geht. In den Boden eingelassene Lichtquellen mögen schick sein, auf eingeschränkt Sehende können sie jedoch irritierend wirken, erklärt Breiner. Ebenso stehe es um nicht durchgängig beleuchtete Wege.

Grüner Star, Diabetes, Makula-Degeneration – es gibt vielfältige Ursachen für Augenprobleme. Um Betroffenen eine Hilfestellung zu geben, gibt es in Marburg die Beratungsstelle „Blickpunkt Auge“. In Zusammenarbeit mit Augenärzten, Fachverbänden und Behörden geben die Mitarbeiter praktische Tipps. Ein Problem liege jedoch häufig in der Kontaktaufnahme, sagt Breiner: „Viele haben Angst.“ Angst, sich eingestehen zu müssen, dass man Hilfe benötigt. Doch braucht es vielleicht nur kontrastreiche Markierungen, damit es weitergeht.

von Dennis Siepmann

 
Hintergrund

Laut Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es mehr als eine Million sehbehinderte Menschen in Deutschland. Um auf die Bedürfnisse dieser Menschen aufmerksam zu machen, hat der Deutsche Blinden- und Sehbehindertenverband (DBSV) im Jahr 1998 einen eigenen Aktionstag eingeführt: den Sehbehindertentag.Er findet jährlich am 6. Juni zu einem bestimmten Thema statt, dieses Jahr geht es um Kontraste.

Passend dazu erscheint anlässlich des Sehbehindertentages die neue Fachbroschüre „Kontrastreiche Gestaltung öffentlich zugänglicher Gebäude“, die vom Verband der deutschen Lack- und Druckfarbenindustrie unterstützt wird. Der DBSV gibt zudem eine neue Kontrastbestimmungstafel heraus. Sie dient dazu, den ungefähren Kontrast zwischen zwei Farben zu ermitteln, die Produktion wird von Novartis Pharma unterstützt.

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