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Ein erster Schritt in Richtung Sicherheit

„Solidarität mit Lesbos“ Ein erster Schritt in Richtung Sicherheit

Nach wie vor erreichen täglich von der Türkei aus  Flüchtlinge Lesbos. Schon für eine halbe Million Menschen war die griechische Insel die erste europäische Station auf ihrer Flucht.

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Trügerische Strandidylle auf Lesbos. Das Foto zeigt einen Haufen Rettungswesten, die von ankommenden Flüchtlingen zurückgelassen wurden.

Quelle: Zoltan Balogh

Marburg. Es ist nicht viel mehr als ein Steinwurf – die Distanz zwischen der türkischen Küste und dem Strand von Lesbos. Wer es schafft, auf türkischer Seite Polizei und Küstenwache zu umgehen, wer sein Leben einem der Schlepper mit ihren Schlauchbooten anvertraut, hat – wenn alles gut geht – nach ein bis zwei Stunden wieder festen Boden unter den Füßen. Viel mehr aber auch nicht.

Lavinia Frank und Lena Reis wissen, wie prekär die Lage der zahllosen, auf Lesbos ankommenden Männer, Frauen und Kinder aus Syrien, Afghanistan und dem Irak ist. Die beiden Psychologiestudentinnen von der Marburger Philipps-Universität arbeiteten im Sommer für Nicht-Regierungsorganisationen in Istanbul und machten sich von dort aus mit der Situation auf der Insel vertraut.

Internationale Helfer versorgen Ankommende

„Dort sind viele internationale Helfer Tag und Nacht damit beschäftigt, die Ankommenden zu versorgen“, berichten die beiden im Gespräch mit der OP. Vieles sei sehr improvisiert, doch über soziale Netzwerke gelinge es, die Hilfe von der Ankunft auf der Insel über die Beförderung in die provisorischen Camps bis hin zur Weiterreise aufs griechische Festland zu organisieren.

Zurück in Deutschland, starteten Lavinia Frank und Lena Reis die Hilfsaktion „Solidarität mit Lesbos“. Zurzeit sammeln sie und weitere Helfer Schlafsäcke und Isomatten, die sie Ende des Jahres selbst nach Lesbos bringen und dort verteilen wollen. „Was sich von hier aus kaum jemand vorstellen kann – auch dort ist es jetzt richtig kalt, und es regnet“, sagt Lena Reis, die gemeinsam mit ihrer Kommilitonin bereits rund 80 Schlafsäcke aus dem gesamten Kreisgebiet und darüber hinaus einsammeln konnte. Die beiden Organisatorinnen und ihre Gruppe haben mittlerweile zahlreiche Unterstützer für ihr Projekt gefunden: So sammelt zum Beispiel die Evangelische Kindertagesstätte Julienstift aus Marburg Schlafsäcke und Isomatten und ruft zu Geldspenden auf. Der Asta der Uni Marburg ist mit im Boot, ebenso der Marburger Weltladen, der Sachspenden entgegennimmt und diese an „Solidarität mit Lesbos“ weiterleitet.

Spenden über die Crowdfunding-Seite

Unter der Internetadresse www.betterplace.org/p35474 richtete Lena Reis eine sogenannte Crowdfunding-Seite ein, wo sich potenzielle Spenderinnen und Spender detailliert über die Projekte und den Stand der Finanzierung durch Spenden informieren können.

„Unsere Reisekosten und die Unterbringung tragen wir selbstverständlich selbst“, erklärt Lavinia Frank. Doch da sie dezentral an mehreren Orten der gut 1600 Quadratkilometer großen Insel arbeiten werden, müssen sie zum Beispiel ein Mietauto finanzieren. Ein Blick auf die Crowdfunding-Seite verrät: Hinter diesen Punkt können die beiden Helferinnen aus Marburg-Biedenkopf schon mal einen Haken setzen, ebenso wie hinter die Kosten für den Transport der Hilfsgüter.

Auf dieser Seite appelliert Lena Reis: „Die Aufmerksamkeit auf die Situation geflohener Menschen zu richten, ist unerlässlich.“ Gleichzeitig sagt sie: „Die lokale Unterstützung Geflohener ist ebenso wichtig wie die Forderung nach legalen Einreisemöglichkeiten nach Europa.“ Weiterhin sammelt „Solidarität mit Lesbos“ Geld für die Einrichtung einer Campküche, für Regenkleidung, für Lebensmittel.

Die Zeit auf Lesbos wird kein Urlaub

Wer Kontakt mit Lena Reis und Lavinia Frank aufnhmen möchte, erreicht sie per E-Mail unter der Adresse refugees-lesbos@web.de. Weil sie nicht innerhalb einer großen Organisation arbeiten, sind Frank und Reis sicher, dass Sach- und Geldspenden wirklich zu 100 Prozent ihre Adressaten erreichen.

Mit einer Mischung aus Euphorie und Unsicherheit werden sie am 28. Dezember in den Flieger steigen: „Uns ist klar, dass die drei Wochen auf Lesbos kein Urlaub werden“, meint Lena Reis. Eher drei Sieben-Tage-Wochen mit vollem Einsatz, unkalkulierbaren Schwierigkeiten  und emotional belastenden Eindrücken: „Nicht alle erreichen Lesbos lebend“, erinnert sich die 21-Jährige an die Erfahrungen des zurückliegenden Sommers. Doch die kaum auslöschbaren Bilder angespülter Ertrunkener scheinen ein umso größerer Ansporn zu sein, denen zu helfen, die auf der Flucht vor Krieg und Terror einen ersten kleinen Schritt unversehrt hinter sich gebracht haben.

von Carsten Beckmann

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