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Ein bisschen Frieden zum Geburtstag

Zeitzeugen: 70 Jahre Kriegsende Ein bisschen Frieden zum Geburtstag

Als der Schrecken des Zweiten Weltkrieges in Europa sein Ende nahm, hatten sie in anderer Hinsicht Grund zum Feiern. Drei „Geburts­tagskinder“ des 8. Mai erinnern sich zurück an das Kriegsende.

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Amerikanische Truppen marschierten 1945 in zahlreiche deutsche Städte (hier Köln) ein, auch durch den Landkreis fuhren Panzer. Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation des Deutschen Reichs.

Quelle: Archiv, dpa

Landkreis. Am Freitag vor 70 Jahren, am 8. Mai 1945, endete – zumindest auf dem europäischen Kriegsschauplatz – der verheerendste Krieg, den die Menschheit bisher erlebt hat. Damals, unmittelbar nach der Kapitulation, vielleicht noch nicht für jedermann eine uneingeschränkt positive Nachricht – heute jedoch umso mehr ein Grund, zu feiern. Für einige sogar aus doppeltem Anlass: Die OP sprach mit drei Zeitzeugen aus dem Landkreis, die am 8. Mai Geburtstag haben.

Herta Kraus aus Stadtallendorf erlebte ihren 11. Geburtstag in der damaligen Heimat nahe der tschechischen Grenze. Mit der Mutter hatte sie die Wiese um das Haus der Großeltern geschnitten, als eine Vorhut russischer Soldaten samt Offizieren anrückte. Das Haus erschien ihnen als Nachtquartier geeignet. „Die Soldaten nahmen die frischen Heuhaufen mit in den Wald und schliefen darauf. Die Offiziere hatten eine riesige Bratpfanne dabei und kochten sich die Eier unserer Hühner zum Abendessen“, berichtet die 80-Jährige.

Geburtstag ohne Kuchen

In den Wochen zuvor seien schon viele Flüchtlinge aus weiter östlich gelegenenen Regionen durch ihren Heimatort Mastig gekommen. „In dieser Zeit hat Mutti viel Kaffee gekocht und die Flüchtlinge versorgt, denn es war bitterkalt.“ Dann erzählt Kraus sichtlich bewegt von ihrer Flucht aus der Heimat. Mit 30 Kilo Gepäck ging es über die Stationen Arnau, Hohenelbe, Bad Schandau und Schwerin nach Gadebusch. „Die Soldaten, die in den Wochen nach dem 8. Mai kamen, wüteten und haben uns schließlich vertrieben.“

Herta Kraus erinnert sich an ihren 11. Geburtstag am 8. Mai 1945. Foto: Lauer

Quelle: Philipp Lauer

Einen Geburtstagskuchen gab es 1945 nicht – erst an Weihnachten im Jahr darauf wurde der erste Streuselkuchen seit langem gebacken, erinnert sich Kraus: „Das Blech haben wir auf einen selbst gebauten Ofen gestellt und uns überraschen lassen. Er war köstlich.“

Als der Vater in Dieburg aus amerikanischer Gefangenschaft entlassen wurde und die passende Genehmigung erhielt, konnte die Familie gemeinsam ins Waldecker Land ziehen. Anfang der 50er Jahre ging es für die Familie dann nach Stadtallendorf. Ein Besuch in der alten Heimat ist schon länger geplant und wurde zuletzt gesundheitsbedingt aufgeschoben: „Vielleicht klappt es ja nach dem Geburtstag mal.“ Diesen feiert Kraus mit der Familie.

Jugend-Freund stirbt bei Hauseinsturz nach Bombe

Johannes Birkenstock aus Heskem-Mölln feiert am Freitag seinen 78. Geburtstag. Genau an seinen achten Jahrestag erinnert er sich aber nicht mehr. „Wir haben unten im Dorf gewohnt“, weiß er noch. Allein mit seiner Mutter und seiner Schwester, die erst 1944 geboren wurde. „Wir haben damals nicht viel gehabt“, berichtet er. „Alle vier Wochen gab es vielleicht einmal ein Stück Butter.“ Um die Familie durchzukriegen, ging die Mutter zum Bauern, um dort auf dem Feld zu helfen. Bezahlt wurde nicht mit Geld, sondern mit Rüben und Kartoffeln. „Das ging auch nach dem Krieg noch so weiter“, sagt er. „Erst als wir ein paar Jahre später in ein neues Haus gezogen sind, ging es wieder aufwärts.“

Sein Vater kehrte bereits 1946 wieder nach Heskem zurück – als einer der wenigen Überlebenden der Schlacht von Stalingrad. Dort zog er sich schon früh eine Fußwunde zu – „die hat ihn vermutlich gerettet“, so Birkenstock. Viel über die Ostfront gesprochen habe der Vater aber auch später nicht, denn „das wollte er gern vergessen“. Einzig „dass es dort unheimlich kalt war“, hat Birkenstock von seinem Vater erfahren. Seine Mutter hatte deshalb auch während des Krieges „in einer Tour Wollsocken gestrickt“, die sie an die Front schickte.

Johannes Birkenstock wurde am Tag des Kriegsendes 8 Jahre alt. Foto: Gassner

Quelle: Peter Gassner

Viel stärker im Gedächtnis geblieben als der 8. Mai ist Birkenstock der 28. März 1945, als die Amerikaner den Landkreis befreiten. „Der Bürgermeister musste damals eine weiße Fahne am Kirchturm hissen. Und ich habe an diesem Tag zum ersten Mal Panzer gesehen.“ Drei Tage lang „sind die ununter­brochen hier durchgefahren“. Einige von ihnen seien auf den Feldern in Heskem stecken geblieben, sodass die Soldaten dort ihre Zelte aufschlugen.

Das erste Mal Schokolade gegessen

„Die Amerikaner waren eigentlich ganz nett“, sagt Birkenstock. „Die haben uns sogar mal einen Schokoriegel gegeben – was Schokolade überhaupt ist, habe ich vorher gar nicht gewusst.“ Bevor dieser freundliche Kontakt mit den einst feindlichen Truppen überhaupt zustande kommen konnte, gab es aber auch Erlebnisse, „die ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen kann“. Noch in Erinnerung geblieben ist ihm zum Beispiel der Brand einer Marburger Papierfabrik nach einem Fliegerangriff. „Die verbrannten Papierschnipsel sind bis hier nach Heskem geweht worden“, berichtet er. Und auch bei der Bombardierung des 100 Kilometer entfernten Kassel habe man den „silber-grauen Himmel“ sehen können.

Auch die Angst, dass die Bomber ins Dorf kommen, sei immer da gewesen. „Einmal hat es ein Fliegergefecht bei Ebsdorf gegeben, bei dem einer – ob Amerikaner oder Deutscher, weiß ich nicht – abgestürzt ist. Wir waren in einer Gastwirtschaft und haben uns dort unter den Tischen versteckt. Anschließend waren wir neugierig und wollten uns die Absturzstelle anschauen. Dort war aber alles abgesperrt.“ Einen Einschlag einer Bombe habe es ebenfalls gegeben. Sie landete im Vorgarten eines Hauses, das anschließend in den tiefen Krater abgerutscht ist. „Ich war in dem Haus oft zu Gast, weil ein Freund von mir dort gewohnt hat. Eine Stunde später hätte es mich vielleicht auch erwischt. Es hat dabei sieben Tote gegeben; und wie mein toter Freund aus dem Haus rausgetragen wurde, habe ich heute noch genau vor Augen.“

Johannes Birkenstock kommen angesichts des besonderen Datums keine Erinnerungen hoch, sagt er. „Dafür war ich damals noch zu jung.“ Sein Geburtstag ist für ihn nicht anders als der anderer Menschen, und auch eine größere Feier hat er nicht geplant. Am Sonntag will er lediglich im Familienkreis essen gehen.

Maria Will feierte ihren 20. Geburtstag 1945 mit ihren Freunden im Wald. Foto: Lauer

Quelle: Philipp Lauer

„Im Wald waren wir für uns und haben gesungen“

Maria Will aus Stadtallendorf feierte am Freitag vor siebzig Jahren ihren 20. Geburtstag in Dahn, in der Südwestpfalz. Die alliierten Truppen waren derzeit bereits da. „Am 21. März kamen die Amerikaner mit großen Panzern angefahren“, berichtet die 89-Jährige. „Wir haben weiße Taschentücher an Kochlöffel gebunden. Unser Haus nutzten sie dann als Schreibstube.“ Zur Feier des Geburtstages ging es mit Freunden aus der kirchlichen Jugendgruppe in den Wald. „Wir sind zu einem schönen Eck auf einen Fels gekraxelt, haben die frische Luft genossen und ein paar Volkslieder gesungen. Da waren wir für uns.“ Am Freitag gibt es ein großes Fest mit der Familie und der einzigen noch lebenden Schwester aus Koblenz: „Man wird ja nur einmal 90.“

von Peter Gassner
und Philipp Lauer

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