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Ein aufgelockertes Wohnen im Grünen

50 Jahre Richtsberg Ein aufgelockertes Wohnen im Grünen

Die 60er Jahre waren das Jahrzehnt des Mauerbaus, der großen Studentenproteste und der ersten Großen Koalition. Aber es war auch das Jahrzehnt, in dem landauf-landab sogenannte Trabantenstädte aus dem Boden gestampft wurden.

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Karge Weiten in den 60er Jahren während der Bauphase, üppiges Grün heute.Fotos: Hessische Heimstätte, Kristina Gerstenmaier

Marburg. So entstehen ab 1962 Berlin-Gropiusstadt, ab 1964 Wiesbaden-Klarenthal oder ab 1968 Darmstadt-Kranichstein. Und auch in Marburg werden bis April 1964 insgesamt 25 Hektar Wald gerodet, damit im November 1963, ganz im Sinne der Zeit in der Berliner Straße der erste Spatenstich für die ersten beiden Bauabschnitte für die Marburger Trabantenstadt erfolgen kann.

Diese sogenannten Trabanten- oder auch Schlafstädte, die da entstehen, gebaut, um den Wohnraumbedarf der Kernstädte zu decken und mit einer hohen Anzahl an Sozialwohnungen, sind als reine Orte zum Schlafen für Pendler konzipiert. An Einkaufsmöglichkeiten plante man nur das Nötigste, öffentliche Einrichtungen wie Kindergärten, Schulen oder gar Ämter waren in den Planungen nicht vorgesehen, geschweige denn Arbeitsplätze. Funktional sollten sie sein und möglichst billig. Gemäß der vorherrschenden Bauphilosophie dieser Zeit wurden die höchsten Häuser auf die höchsten Erhebungen gesetzt.

„Die Großraumanlagen der 60er und 70er Jahre waren eine Antwort der Stadtplaner auf das rasche Wachstum der Stadt. In ihr steckt bis heute das Ideengut der ,Charta von Athen‘ mit der Forderung nach Licht, Luft und Sonne als Abkehr der Stadt des 19. Jahrhunderts“, schreibt Diethelm Fichtne,r ehemaliger Leiter der Stadtplanung, Stadtsanierung und Denkmalpflege in Marburg in einem Aufsatz über die Stadtplanung in Marburg nach dem Zweiten Weltkrieg. Und: „Dieser Stadtteil zeigt eine Siedlungsform, wie sie zu dieser Zeit allgemein üblich ist. Die traditionellen, straßenbegleitenden Bauformen werden zugunsten des Idealtypus einer gegliederten und aufgelockerten Stadt verlassen. Baukörper werden zu diesem Zweck frei in den Raum hineingestellt.“

Bewusst wurden die Grüngürtel zwischen Mittlerem und Oberen Richtsberg verschont, um den Stadtteil aufzulockern und dem Charakter einer Betonwüste entgegenzuwirken.

Neubauten boten allen modernen Luxus

Und doch waren diese Wohnviertel, insbesondere in Marburg, für weite Teile der Bevölkerung attraktiv. Wer noch keine der Neubaubauwohnungen, die in den 50ern über die ganze Kernstadt verteilt entstanden waren (siehe Teil 2), ergattert hatte, wohnte in der Oberstadt oder Weidenhausen, wo von der heutigen Idylle noch wenig zu spüren war - verbreitet ohne Zentralheizung, das Klo außerhalb des Hauses, beengt und schlecht gedämmt. So lockten die Neubauten im neuen Stadtviertel, das Platz für alle bot und mit allem modernen Luxus, von der Zentralheizung bis hin zu warmem fließenden Wasser ausgestattet, die Toilettenbenutzung in aller Gemütlichkeit inklusive, viele Marburger Beamte und Universitätsbedienstete auf den Richtsberg. „Wohnen im Grünen“, so hieß der Slogan, mit dem die Hessische Heimstätte ihre neuen Wohnungen bewarb.

Am 22.Oktober 1964 meldet die OP: „Nur selten sah man in den vergangenen Jahren so viele Stadträte und Stadtverordnete aller Fraktionen bei einem Richtfest wie am Sonnabend auf dem Richtsberg. (…) Die am Sonnabend gerichteten Wohnungen sind die ersten im Zuge der Bebauung des Abschnittes A. Die Erschließungsmaßnahmen, die diesmal von der Hessischen Heimstätte in eigener Regie durchgeführt wurden, um ein zweites „Schlammhausen“ zu vermeiden, sind restlos abgeschlossen. Versorgungsleitungen, Strom, Wasser sowie Entwässerungsleitungen liegen neben oder unter den Straßendecken, deren Gesamtfläche Architekt Wolfgang Schreyer mit rund 10 000 Quadratmeter beziffert.“

In den folgenden zehn Jahren entstanden in vier Bauabschnitten erst der Mittlere, dann der Obere Richtsberg mit 1207 Mietwohnungen und immerhin 165 Privathäusern und zuletzt die Siedlungsgemeinschaft Badestube mit weiteren 50 Häusern. Insgesamt konnte er etwa 8000 Menschen einen Wohnraum bieten.

Der hohe Anteil an Privathäusern, die den Stadtteil durchsetzen, sollte eine „Ghettoisierung“ vermeiden Es waren Universitätsbedienstete und städtische Mitarbeiter, Mittelständler, die in diese Häuser, aber auch in die großen Blocks zogen.

„Zuletzt wohnte ich mit meiner Familie in Weidenhausen. Die winkelige Wohnung hatte 2 Zimmer und Küche, insgesamt 33 Quadratmeter“, zitiert die OP vom 16. Februar 1989 die Bewohnerin Hildegard Reiter. „Nur ein Zimmer war im Winter beheizbar. Zur Toilette ging es über den Hof. Die neue Wohnung war ein Paradies, ich konnte jetzt nachts im Nachthemd auf die Toilette gehen.“

„Betuchte Menschen“in der Erfurter Straße

Und so finden sich im „Adressbuch der Stadt Marburg a. d. Lahn“ von 1967 als am Richtsberg wohnhaft unter anderem die international anerkannte Cellistin Angelika May, Professor Wolfgang Klafki, einer der bekanntesten deutschen Erziehungswissenschaftler, der Geschäftsführer des Studentenwerks, Karl Egermann, Stadtverordnetenvorsteherin Christa Czempiel, der CDU-Politiker und spätere Ministerpräsident Dr. Walter Wallmann oder auch Otto John, der erste Präsident des Bundesamts für Verfassungsschutz.

„In den 70er Jahren versammelten sich vor allem in der Erfurter Straße wichtige und betuchte Menschen“, weiß Walter Bernsdorff, zu jener Zeit Oberstudienrat am Institut für Leibesübungen und 1966 selbst mit seiner Frau und den sieben Kindern an den Richtsberg gezogen, zu berichten. Auch er hatte zuvor sehr beengt in einer renovierungsbedürftigen Mietwohnung am Wilhelmsplatz gewohnt.

Und doch hatten die Neu-Richtsberger gerade in der Anfangszeit mit vielen Herausforderungen zu kämpfen. Im nächsten Teil der OP-Serie stehen die Richtsberger selbst im Mittelpunkt.

von Kristina Gerstenmaier

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Serienauftakt

Im Jahr 1963 verkaufte das hessische Forstamt das Waldgebiet oberhalb der psychiatrischen Klinik an die Stadt. Die Grundlage für die Entstehung des größten Marburger Stadtteils war geschaffen.

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