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Ein Zeichen für den Zusammenhalt

Statt Marktfrühschoppen Ein Zeichen für den Zusammenhalt

Vertreter aus drei Religionen beteten auf dem Marktplatz für Flüchtlinge. Die Veranstaltung der Stadt fand erstmals statt. Der sonst am ersten Sonntag im Juli stattfindende Marktfrühschoppen war abgesagt worden.

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Die Gruppe Sama Damaszener spielte Musik aus Syrien. Einen weiteren musikalischen Beitrag bot Mohamed Kodmani.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Eine Handvoll Verbindungsstudenten - erkennbar an den Schärpen - steht am Marktplatz. Die jungen Männer blicken auf die öffentliche Veranstaltung vor dem Rathaus und ziehen dann wieder los in Richtung Schloss. Vor Jahren wäre diese Szene an einem ersten Sonntag im Juli undenkbar gewesen. Verbindungsstudenten aus nah und fern kamen an jedem ersten Julisonntag vor dem Rathaus zusammen, um mit den Marburgern beim Marktfrühschoppen zu feiern.

Die Geschichte des kürzesten Volksfests Deutschlands hat spätestens seit gestern ein gänzlich neues Kapitel: Der Marktfrühschoppen fand nicht statt, stattdessen versammelten sich Menschen aus verschiedenen Kulturen und Religionen, um unter dem Motto „Vielfalt-Stadt-Einfalt“ Solidarität mit Flüchtlingen zu zeigen und für sie zu beten.

Fest der Kulturen "Vielfalt statt Einfalt" - OB Egon Vaupel : Foto / Michael Hoffsteter

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Veranstaltung "ein Experiment"

Zum Hintergrund: Der Marktfrühschoppen war in den vergangenen Jahren zunehmend in die Kritik geraten wegen der Teilnahme auch von als extrem rechts geltenden Burschenschaften. Der ausrichtende Marktfrühschoppenverein hatte die Veranstaltung deswegen im Frühjahr abgesagt. „Ja, ich vermisse den Marktfrühschoppen. Ich hätte das Fest gern ohne die Beteiligung der Rechten“, sagte Axel Koch von der Südstadtgemeinde und dem Marktfrühschopppenverein auf Anfrage der OP. „Ich bin aber heute gern bei dieser Kulturveranstaltung. Wir haben uns jetzt auf dieses Konzept geeinigt.“

Ähnlich äußerte sich auch Hans-Christian Sommer, der frühere Verkehrsdirektor Marburgs. „Diese Veranstaltung ist ein Experiment“, sagte Sommer und bedauerte, dass auch jetzt wieder die Polizei im Einsatz sei, um den Marktplatz zu bewachen. Die Polizei war zwar mit Kräften in Zivil und Uniform in der ganzen Oberstadt unterwegs, doch gab es nach ihren Angaben keine Vorkommnisse.

Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD) erklärte, Marburg wolle zeigen, dass es gegen rechte Positionen sei. Er erinnerte an die Anti-Pegida-Demo im Januar, als 3500 Menschen auf die Straße gingen, um gegen rechte Strömungen ihre Stimme zu erheben.

Dass es gestern nur etwas mehr als hundert Menschen waren, könne er aufgrund der prallen Hitze gut nachvollziehen.

Jesus war ein Flüchtling

In Marburg leben rund tausend Flüchtlinge und Menschen aus mehr als 150 Nationen. „Vielfalt entsteht durch Zusammenhalt. Toleranz allein reicht nicht“, sagte Vaupel und sprach von einer „Politik der Wertschätzung“. „Gastfreundschaft herrscht dort, wo Kirchen sind“, zitierte er den Reformator Martin Luther, um zu ergänzen: „Die Universitätsstadt Marburg ist eine Stadt der Kirchen.“ Das Programm war bewusst fokussiert auf die Ansprachen der Vertreter der drei Religionen.

Dr. Bilal El-Zayat und Shaich Assem sprachen für die islamische Gemeinde, Amnon Orbach und Monika Bunk vertraten die jüdische Gemeinde. Alexander Hirsch repräsentierte die Evangelische Allianz Marburg, Propst Helmut Wöllenstein die evangelische Landeskirche und Albert Köchling von der Pfarrgemeinde St. Peter und Paul vertrat die Katholiken. Alle Religionsvertreter betonten, dass in ihren heiligen Büchern - Bibel, Thora und Koran - Flüchtlinge eine Rolle spielen. Abraham war ein Wirtschaftsflüchtling, Mose ein politischer Flüchtling, so Orbach. El-Zayat wies darauf hin, dass die gläubigen Moslems derzeit fasten. Dies ermögliche es ihnen besonders, sich mit denen verbunden zu fühlen, die hungern. Köchling und Hirsch sprachen von Jesus, der selbst Flüchtling war. Köchling bat die Marburger, ihr Herz für Asyl­bewerber aufzuschließen, und berichtete von Kirchengemeinden wie in Wehrda und Cappel, die Unterkünfte für Flüchtlinge bereitstellen.

Am Schluss berichtete die junge Marburger Medizinerin Hiba Sino, ein Kurdin aus Syrien, über ihr persönliches Flüchtlingsschicksal. Sie las ihre Rede sehr schnell ab, sodass die vielen leidvollen Aspekte ihrer Biografie im schnellen Redefluss fast untergingen - zumal viele Zuhörer nach einer Stunde in der Mittagssonne sichtlich erschöpft waren. „Ich wünsche uns allen den Weltfrieden“, sagte Hiba Sino.

von Anna Ntemiris

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