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Ein Überleben aus Mosaikstückchen

Trude Simonsohn zum Jahrestag des Kriegsendes Ein Überleben aus Mosaikstückchen

Trude Simonsohn gehört zu den letzten Holocaust-Zeitzeugen. Am Freitag, dem 70. Jahrestag der Befreiung, war die Auschwitz-Überlebende zu Gast in der Jüdischen Synagoge, um von ihrem Schicksal zu berichten.

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Trude Simonsohn las Freitag zum 70. Jahrestag des Kriegsendes in der Marburger Synagoge.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Wenn man überlebt hat und es kann, hat man die Pflicht, für alle zu reden, die es nicht mehr können.“ Davon ist Trude Simonsohn überzeugt. Seit vielen Jahren berichtet die Jüdin deshalb über ihr Schicksal. „Mein Überleben besteht aus vielen kleinen Mosaikstückchen“, sagt die 94-Jährige. Ein sehr großes Mosaikstück wurde bereits in ihrer Kindheit gelegt. Hier wird Trude einen enormen Teil ihrer Kraft sammeln, die sie für ihr Leben brauchen wird.

Trude wird 1921 in der tschechischen Stadt Olmütz geboren, wo sie zweisprachig und als Einzelkind in einem liberalen Elternhaus aufwächst. „Natürlich wurde ich verwöhnt“, sagt Trude und lacht. „Ich hatte eine sehr glückliche Kindheit.“

Trude Simonsohn gehört zu den letzten Holocaust-Zeitzeugen. Am Freitag, dem 70. Jahrestag der Befreiung, war die Auschwitz-Überlebende zu Gast in der Jüdischen Synagoge, um von ihrem Schicksal zu berichten.

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Doch als am 15. März 1939 im Zuge der Annexion der Tschechoslowakischen Republik die deutsche Wehrmacht einmarschiert, wird das Leben für die junge Jüdin schwerer. „Ab dem 15. März 1939 hat mich keiner mehr gekannt. Keiner lächelte mir auch nur heimlich zu.“

Am deutschen Gymnasium wird sie so sehr diskriminiert, dass sie sich entscheidet, die Schule abzubrechen und stattdessen eine Berufsausbildung zu machen. Diese wird ihr jedoch verweigert. Im September 1939 wird ihr Vater verhaftet und in das KZ Dachau verschleppt. Auch ihre Mutter wird deportiert – wohin, das weiß sie nicht.

Nach dem Attentat auf Reinhard Heydrich im Juni 1942 gerät auch Trude wegen angeblichen Hochverrats und illegaler kommunistischer Tätigkeit in Einzelhaft. Dort erfährt die 21-Jährige, dass ihr Vater gestorben ist. „Mich verließen alle Kräfte.

Es gab jetzt keinen mehr, dem es wichtig war, dass ich lebe.“ In diesem Moment der tiefsten Verzweiflung kommt ein weiteres neues Mosaikstück in ihr Leben. Ein tschechischer Maurer, der eine gegenüberliegende Wohnung renoviert, spricht ihr jeden Tag Mut zu. „Ich wusste nicht mal, wie er heißt, aber er hat mir Kraft gegeben.“

Unvorstellbar viel Kultur in all dem Elend

Nach sechs Monaten wird Trude in das Ghetto Theresienstadt gebracht, wo das Unfassbare geschieht: Sie sieht ihre Mutter wieder. Eigentlich war Theresienstadt eine Stadt für etwa 7000 Menschen. Die meiste Zeit halten sich in dem Ghetto aber um die 55.000 Menschen auf. Trude und ihre Mutter leben mit 30 Frauen und Kindern in einem Zimmer. „Es gab viel Ungeziefer und viele Epidemien“, erinnert sich Trude.

Doch in all der Unmenschlichkeit gibt es immer wieder Momente der Menschlichkeit. „Es gab unvorstellbar viel Kultur: Musik, Theater, Kunst“. Weitere Mosaikstücke für Trude. Einem Vortrag über das hellenistische Judentum hört sie gebannt zwei Stunden lang vom kalten Steinboden aus zu.

„Zwei Stunden lang hatte ich das Gefühl, an einer Universität und nicht in einem Ghetto zu sein.“ In Theresienstadt lernt sie auch „den Mann meines Lebens“, den jüdischen Sozialpädagogen und Juristen Berthold Simonsohn kennen, den sie erst 1949 in Zürich standesamtlich heiraten können wird. Vorerst muss eine rituelle Heirat genügen.

Doch diese Lichtmomente können die Dunkelheit in Theresienstadt nie ganz verdrängen. „Es gab immer wieder Transporte.“ Auch ihre Mutter wird eines Tages deportiert. Trude will sie begleiten, doch ihre Mutter lässt sie nicht. „Jetzt hast du jemanden, zu dem du gehörst. Bleib bei ihm“. An diese Worte erinnert sich Trude noch heute. „Ich habe bis heute das Gefühl, dass meine Mutter mit ihrem Tod mein Leben erkauft hat“, sagt sie mit brüchiger Stimme. Ihre Mutter wird in Auschwitz ermordet.

Erinnerungen an Auschwitz sind verblasst

Im Oktober 1944 wird auch Trude nach Auschwitz deportiert. Sie erinnert sich, wie sie kahlgeschoren und nackt unter den Augen von SS-Soldaten durch einen langen Gang läuft. Alle anderen Erinnerungen seien wie verblasst. „Ich glaube, dass, so wie ein Körper, auch eine Seele ohnmächtig wird, wenn sie nichts mehr ertragen kann.“

Sie überlebt Krankheiten, harte körperliche Arbeit und im Januar 1944 auch den „Todesmarsch“ ins KZ Merzdorf. Dort wird sie mit wenigen anderen Überlebenden am 9. Mai 1945 durch die Rote Armee befreit. Zum ersten Mal seit Langem muss sie keine Angst mehr um ihr Leben haben. Acht Stunden voller Hoffnung reist sie nach Prag.

Doch dort sagt man ihr, dass sie die einzig Überlebende ihrer Familie ist. „Das war der allerschlimmste Moment nach der Befreiung.“ Erst später erfährt sie, dass ihr Mann in einem Außenlager des KZ Dachau überlebt habe. Ihn wiederzusehen war ein großes Glück. Doch das junge Paar muss sich ganz neu aneinander gewöhnen.

„Man geht nicht ungestraft durch so eine Hölle. Man ist nicht mehr derselbe Mensch.“ Nach dem Krieg arbeitet das Ehepaar Simonsohn für die jüdische Flüchtlingshilfe in der Schweiz. Trude kann endlich eine Ausbildung zur Krankenpflegerin machen und behandelt in einem Sanatorium in Davos Mitglieder der zionistischen Jugendbewegung, die in den Lagern an Tuberkulose erkrankt sind.

„Ich habe kein Talent zum Hass. Hass tötet“

Sie widmet sich in Zürich ab 1948 der Betreuung traumatisierter Kinder und Jugendlicher, die durch den Holocaust zu Waisen geworden sind. 1950 zieht das Ehepaar zunächst nach Hamburg und 1955 nach Frankfurt am Main, wo Trude im Vorstand der Jüdischen Gemeinde für Sozialarbeit und Erziehungsberatung Verantwortung übernimmt.

„Ich habe kein Talent zum Hass. Hass tötet“, antwortet Trude auf die Frage einer Zuhörerin, was sie nach allem, was sie erlebt hat, den Deutschen gegenüber empfinde und wie sie damit umgehe. „Aber ich werde wütend, wenn jemand behauptet, es hätte kein Auschwitz gegeben.“

Wütend mache sie auch, dass in Deutschland so wenige Widerstandskämpfer geehrt werden. Doch wie habe sie das alles überstanden, hakt eine andere Zuhörerin nach. „Was mir geholfen hat, war, dass es immer Menschen gab, die in den entscheidenden Momenten etwas Gutes für mich getan haben.“

von Ruth Korte

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