Volltextsuche über das Angebot:

5 ° / 2 ° Regen

Navigation:
Ein Thema und jeder hat eine Meinung

Sexismus-Debatte Ein Thema und jeder hat eine Meinung

Ist FDP-Politiker Rainer Brüderle ein Sexist? Und wo fängt Sexismus überhaupt an? Die OP fragt Menschen aus dem Landkreis zum Thema.

Voriger Artikel
Bundesanwalt spricht am Dienstag als Zeuge
Nächster Artikel
„Parolen unter Stammtisch-Niveau“
Quelle: Archivfoto: dpa

Marburg. So schnell kann’s gehen: In nicht mal einer Woche ist Rainer Brüderle von einem Hoffnungsträger für die FDP-Fraktion zum unliebsamen Gesprächsthema geworden. Nachdem die Liberalen gestärkt aus der Wahl in Niedersachsen hervorgingen und sich auch bundespolitisch neu aufstellten - mit Brüderle in der Position als Spitzenkandidat - stehen die politische Themen für den 67-Jährige derzeit nicht mehr so deutlich im Vordergrund. Der Grund dafür ist 29 Jahre alt, arbeitet beim „Stern“ und heißt Laura Himmelreich.

Sie hat die Sexismus-Vorwürfe gegen Brüderle aufs Tableau gebracht. Doch was ist von dieser Diskussion zu halten, die bei den angeblich anzüglichen Bemerkungen Brüderles gegenüber der Journalistin begann und in einer generellen Auseinandersetzung über den Umgang von Mann und Frau ihre Fortführung findet?

Skepsis und Wohlwollen

Marina Marschall, Rechtsanwältin aus Marburg und ehemaliges FDP-Mitglied, verfolgt die Sexismus-Debatte mit einer Mischung aus Skepsis und Wohlwollen. „Ich finde es richtig, dass Sexismus zum Thema gemacht wird, den Anlass aber hanebüchen. Ich halte das für eine Schmierenkampagne. Das, was Brüderle gesagt haben soll, würde ich nicht als sexuellen Übergriff werten. Der Zeitablauf, mit dem der Vorwurf ans Tageslicht kam, hat einen Beigeschmack. Wenn es für die junge Journalistin so etwas Gravierendes war, wieso hat sie nicht vorher etwas unternommen?“

Nach Ansicht von Marina Marschall gehe es insbesondere um Machtverhältnisse. So könne die Situation, die Veranlassung zu der Debatte gegeben hat, auch in einem anderen Licht gesehen werden: „War hier nicht eher die Journalistin in einer Machtposition und hat sich die Situation eines Politikers zu Nutze machen wollen, der nach einem anstrengenden Tag zu später Stunde an einer Bar nicht mehr über Politik reden wollte?“

Es ist das „Wie“, das Maria Marschall in der Diskussion stört, nicht das „Was“. In ihrer Arbeit als Rechtsanwältin vertritt sie häufig Frauen, die von Diskriminierung oder sexuellen Übergriffen berichten. „Die Hemmschwelle, dagegen anzugehen, ist noch immer sehr hoch. Viele haben Angst, das, was ihnen täglich widerfährt, in die Öffentlichkeit zu bringen.“

Trotzdem betont sie: „Ich wünsche mir, dass die Debatte sensibilisiert. Aber ich wehre mich dagegen, dass plötzlich in jedem Blick, der sich zwischen Mann und Frau trifft, etwas Sexistisches gedeutet wird.“

Diskussion trifft Nerv

Die Frauenbeauftragte der Stadt Marburg, Christa Winter, findet die angestoßene Debatte notwendig: „Einerseits geht es darum, die Rechte der Frauen zu stärken, andererseits ist eine öffentlich geführte Diskussion wichtig, damit die Männer ihr Verhalten reflektieren“.

Für den FDP-Fraktionsvorsitzenden der Gemeinde Weimar, Christian Fischer trifft die Debatte einen Nerv in der Gesellschaft: „Das zeigen die vielen öffentlich geäußerten Stellungnahmen. Dennoch ist man gut beraten, eine vorschnelle Verurteilung zu vermeiden“. Der Fall Brüderle sei dahingehend besonders, da die Journalistin so lange gewartet habe, bis sich der FDP-Politiker in einer entscheidenden Phase seiner Karriere befinde.

Die ehemalige FDP-Bundestagsabgeordnete Dr. Gisela Babel sieht im derzeitigen Verlauf der Debatte ein „moralisches Hochrüsten“ der beteiligten Medien. Grundsätzlich sei Sexismus ein wichtiges Thema, über das man reden müsse. Dennoch sei der Auslöser für die Diskussion nicht angemessen. „Was soll Herr Brüderle denn machen?“, fragt Babel. „Entschuldigt er sich, wird ihm das als Schuldeingeständnis ausgelegt. Bestreitet er die Vorwürfe, geht die Diskussion erst richtig los“. Deshalb bleibe ihm nur, zu den Vorwürfen zu schweigen.

von Marie Lisa Schulz und Dennis Siepmann

Umfrage

Peter Flohr (52), aus Ellenhausen: „Der Umgangston der heutigen Jugend ist vergleichsweise schlimmer. Ein Mann in so hoher Position hätte sich eine solche Aussage natürlich besser überlegen müssen. Bei einer Häufung entsprechender Aussagen kann man natürlich von sexueller Belästigung sprechen, aber bei einer einmaligen Angelegenheit ist es wohl eher als Kompliment zu sehen.“

Wolfgang Springer aus Ockershausen: „Eine einmalige Aussage wie die von Brüderle ist nicht als sexuelle Belästigung zu bewerten. Ich weiß zwar nicht, ob er die Journalistin angefasst hat, aber wegen eines derartigen Spruches ist es überzogen, von sexueller Belästigung zu sprechen."

Susanne Peter (46) aus Cappel: „Ich habe gestern zu diesem Thema eine Sendung gesehen. Demnach ist die Journalistin wohl zu später Stunde auf Brüderle zugekommen, um über politische Themen zu sprechen. Brüderle hatte dazu keine Lust und wollte angeblich nur ablenken. Die Art und Weise, wie er das tat, finde ich nicht in Ordnung. Er hatte schließlich die Wahl, einfach zu sagen, dass er nicht über Politik sprechen möchte.“

Umfrage: Svenja Stein

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr