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Ein Tag der Söldner für die Helfer

Fluthilfe aus Marburg Ein Tag der Söldner für die Helfer

Auch wenn das Spiel der Mercenaries verloren ging, für die Fluthelfer aus Marburg-Biedenkopf war der Tag ein voller Erfolg. Vor Ort erzählen sie von ihrem Einsatz in Sachsen.

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Trikottausch: Michael Dübbert (27) von der DLRG und Footballer Marc Spear (32) von den Mercenaries trafen sich nach dem Spiel.

Quelle: Helena Weise

Marburg. Es herrscht gute Stimmung am Sonntagnachmittag im Georg-Gaßmann-Stadion. Trotz dieses regnerisch trüben Wetters. Stephan Schienbein, stellvertretender Pressesprecher des Landkreises Marburg-Biedenkopf, steht lachend in einem Kreis von Feuerwehrleuten und Lebensrettern und isst Bratwurst. Gleich daneben bereitet sich ein Haufen Muskelpakete auf das Spiel vor und vor der Zuschauertribüne tanzen Cheerleader.

Anlass für dieses ungewöhnliche Bild: Der Einsatz in Sachsen während der verheerenden Flut im Juni dieses Jahres. Schon frühzeitig sendete Sachsen einen Hilferuf, unter anderem an Hessen. Seit Ende Mai war die Lage an den Flüssen des Landes gespannt, durch Dauerregen und Gewitter mussten vielerorts Einwohner evakuiert werden.

Als die Meldung am dritten Juni eintraf, sendeten das Rote Kreuz, die Deutsche Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), das Technische Hilfswerk und die Feuerwehr noch am gleichen Tag 120 Einsatzkräfte und 25 Fahrzeuge in das Katastrophengebiet.

Der Einsatz

Stephan Schienbein ist stolz auf diese bunt zusammengewürfelte Truppe von Freiwilligen aus dem ganzen Landkreis. „Wir hatten schon damit gerechnet, dass wir zum Einsatz gerufen werden“, sagt er. „Wir hatten die Flutkatastrophe tagelang in den Medien verfolgt und waren dementsprechend schnell zur Abfahrt bereit. Innerhalb von 5 Stunden waren wir für einen auf 5 Tage angesetzten Einsatz startklar.“

Das so schnell hinzubekommen, sei eine organisatorische Herausforderung gewesen. Immerhin seien die Helfer für Arbeitgeber und Familie tagelang ausgefallen. Und das bei völliger Ahnungslosigkeit über ihre genaue Aufgabe vor Ort. „Das einzige, was wir wussten, war, dass wir irgendwo in Sachsen helfen müssen. Als Montag Abend dann der Marschbefehl kam, fuhren wir sofort mit 25 Fahrzeugen in einer riesigen Kolonne los.“

Doch dann kam erst einmal ein Dämpfer: Als die 120 Mann morgens um 5 Uhr in Dresden einliefen, konnten sie entgegen ihrer Erwartungen nicht direkt mit anpacken. Sie wurden als Reservekräfte in den Bereitschaftsdienst eingeteilt. „Wir wollten sofort helfen. Da zehrte diese Warterei ganz schön an der Motivation und war im Nachhinein der anstrengendste Teil der Reise. Auch, wenn wir diese Reserve rein sachlich für absolut notwendig hielten, war es für unsere Leute ein müßiger Kontrast zu der Eile einige Stunden vorher.“

Als das Land sie aber wenige Zeit später nach Mühlberg schickte, in einen Ort circa 70 km elbabwärts, sei von Warten keine Rede mehr gewesen. 25.000 Sandsäcke mussten gefüllt und am Deich verbaut werden - ein riskanter und anstrengender Einsatz. „Das war eine unheimlich kritische Situation“, erzählt Schienbein. „Schließlich war der Damm kurz davor zu brechen. Gegen 2 Uhr nachts war jeder von uns am Ende, aber erst um 4 Uhr morgens war die Rettungsaktion vorbei und der Deich gerettet. Das war ein riesiges Erfolgsgefühl!“, strahlt der Fluthelfer.

Die größte Hilfe

Auch Zugführer Ulrich Welter vom Roten Kreuz erinnert sich gerne an den Einsatz. „Am meisten beeindruckte mich die Herzlichkeit der Leute vor Ort“, erzählt er. „Die schönste Erfahrung war, als uns ein junges Ehepaar mit einem kleinen Kind, das selbst nicht viel hatte, einen Sack mit Spielzeug überreichte, das wir später an betroffene Kinder verteilen konnten. Ein andernmal hat uns eine Frau Blechkuchen vorbeigebracht, um uns zu stärken.“

Stephan Schienbein stimmt ihm zu. „Die Unterstützung der Leute vor Ort und hier zu Hause hat uns sehr geholfen. Arbeitgeber zum Beispiel haben den Fluthelfern ohne Weiteres freigegeben. Unheimlich motivierend waren aber auch all die Unbeteiligten, die ihre Unterstützung gezeigt haben. Erhobene Daumen durchs Fenster auf der Autobahn, ein Applaus als Willkommensgruß zu Hause und Menschen, die von Autobahnbrücken den Einsatzkräften zujubelten. Das hat uns ganz schön motiviert.“

Samstag Abend, den achten Juni, seien die Helfer schließlich erschöpft, aber glücklich zu Hause eingetroffen. „Mir hat diese Aktion gezeigt, was unser Team alles erreichen kann“, sagt Schienbein. „Immer wieder, wenn einer von uns müde wurde, motivierten und pushten ihn die anderen. Es war ein sehr anstrengender Einsatz aber auch eine tolle Erfahrung.“

Bald darauf hätten die die Marburger Mercenaries die Fluthelfer eingeladen, bei ihrem Spiel gegen die Rhein-Neckar Bandits aus Mannheim Gast zu sein. Nun stehen die Feuerwehrautos dicht gedrängt vor dem Stadion und die Einsatzhelfer veranstalten im Anschluss an das Spiel ein Wettkicken auf dem Feld.

„Dieser Tag war eine tolle Möglichkeit, mit interessierten Leuten in Kontakt zu kommen!, bedankt sich Schienbein. „Außerdem durfte die ganze Familie mit, das war eine schöne Idee, der Fluthilfe noch einmal zu gedenken.“

von Helena Weise

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