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„Ein System ist in Gefahr“

Brustkrebs-Screening „Ein System ist in Gefahr“

Die Sinnhaftigkeit des Brustkrebs-Screenings steht nach einem „Spiegel“-Bericht in der Diskussion. Marburger Ärzte haben dafür kein Verständnis und befürchten eine Verunsicherung der Frauen.

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Auf der Bildschirmdarstellung einer Magnetresonanz-Mammographie ist ein winziger Tumor in der Brust einer Patientin zu sehen.

Quelle: Jan-Peter Kasper

Marburg. „Unsinn in bester Qualität“ betitelt das Magazin „Der Spiegel“ seinen Bericht über den Nutzen des Brustkrebs-Screenings und befeuert damit die Kritik an dem vor neun Jahren 2005 in Deutschland eingeführten Mammografieprogramm. Seit 2005 haben Frauen zwischen 50 und 69 Jahren einen Anspruch auf eine regelmäßige Röntgenuntersuchung der Brust alle zwei Jahre.

Die Diagnose wurde vorverlegt

Professor Uwe Wagner, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe an der Uniklinik Marburg, kritisierte die Ergebnisse des Berichts. „Es ist zum Teil sehr zynisch, wie die Krankheit verharmlost wird und welche Schlüsse aus Studien gezogen werden, die vor 40 oder mehr Jahren erstellt wurden“, sagte Wagner. Einer der Hauptkritikpunkte dabei: die Feststellung des Berichts, das sich nach der Einführung der Mammografieprogramme die Hoffnung zerschlagen habe, mit dieser Früherkennung tatsächlich mehr Leben zu retten. Tatsächlich zeigen Zahlen des Robert-Koch-Instituts, dass sich die Zahl der Sterbefälle durch Brustkrebs in den vergangenen Jahren kaum verändert hat:

Brustkrebs 83,71 kB

Wagner führt das nicht nur auf die Einführung des Screeningprogramms zurück. „Wir haben uns in den vergangenen Jahren Beine ausgerissen, um die Sterblichkeitsrate zu verringern. Dazu beigetragen haben viele einzelne Maßnahmen, wissenschaftliche Fortschritte und neue Therapiemöglichkeiten.“ Ein wichtiger Teil sei aber das Screening - und das nicht nur, um die Überlebenschancen zu erhöhen. „Es ist zu einer Vorverlegung der Diagnose um zwei bis drei Jahre gekommen“, sagte Wagner. Der Krebs oder Vorformen wurden in einem frühen Stadium entdeckt und konnte deshalb auch früher behandelt werden. „Für die Patienten bedeutet dies zwar eine längere Zeit mit der Krankheit. Aber es ist auch der einfachere Weg zur Heilung“, sagte Wagner.

Nach dem „Spiegel“-Bericht geht der dänische Medizinforscher der Cochrane Collaboration Peter Götzsche dagegen davon aus, dass eine von 200 Frauen, die über zehn Jahre hinweg regelmäßig zur Mammografie gehen, unnötigerweise die Diagnose Brustkrebs erhält, anschließend operiert und oft strahlenbehandelt wird. Auch diese Zahlen seien nicht mehr zeitgemäß, sagte Wagner, „da liegen zum Teil 50 Jahre dazwischen“. Viele Operationen zur Diagnose würden längst nicht mehr gebraucht, die Bildqualität bei der Mammografie habe sich deutlich verbessert, viele Eingriffe seien minimalinvasiv und Medikamente hätten die Therapieerfolge deutlich verbessert.

„Es scheint politisch immer stärker erwünscht zu sein, diese Maßnahme zu beenden“, befürchtet Wagner. „Es ist ein System der Vorsorge in der Fläche in Gefahr“, warnte er. Dabei sei dieses System gerade hier im Landkreis sehr erfolgreich. Mit der Heilungsrate von 86 Prozent liegt Hessen über dem Bundesdurchschnitt und Marburg mit 89 Prozent noch einmal deutlich darüber. „Es ist auch eine Tücke der Diskussion, dass viele Frauen verunsichert werden.“

Neue Doppelspitze am Marburger Brustzentrum

Um die Qualität der Therapie auch zukünftig gewährleisten zu können und auszubauen, setzt das Marburger Brustkrebszentrum auf Kontinuität. Aus diesem Grund wurde die Leitung nach dem Weggang von Ute-Susann Albert auf langjährige Mitarbeiter übertragen. „Unser Ziel ist es, weiterhin die hohe Qualität anbieten zu können“, sagte Dr. Klaus H. Baumann, der gemeinsam mit Dr. Christine Köhler die Leitung übernimmt. „Die große Stärke der Marburger Einrichtung ist, dass wir alle Therapieverfahren vereinen und damit den Patientinnen ein großes Spektrum zur Verfügung steht“, sagte Köhler.

von Andreas Arlt

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