Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Ein Stück Freiheit steht in Flammen

Brandstiftung Ein Stück Freiheit steht in Flammen

"Brandstiftung", sagt die Polizei. "Bitter", sagt Madeline Breßler. Sie musste mit ansehen, wie direkt vor ihrem Küchenfenster zwei Roller und das Auto ihres Freundes in Flammen aufgingen. Hunderte Euro und der Glaube an die Menschheit kostet der Brand die 22-Jährige.

Voriger Artikel
Knaller-Experimente schleudern Bälle in Himmel
Nächster Artikel
Vorfahrt achten am ganzen Ortenberg
Quelle: Marie Lisa Schulz

Marburg. Ein bisschen ratlos steht Maximilian von Roeder am Straßenrand. Neben ihm seine Freundin Madeline Breßler. Beide haben sie die Hände in den Hosentaschen vergraben. Beide schwanken sie zwischen Wut, Verbitterung und Galgenhumor. „Eine Unterschrift, bitte“, unterbricht der Mitarbeiter des Abschleppdienstes die wortlose Stille. Maximilian unterschreibt und ahnt im selben Moment: Diese Unterschrift wird nicht die letzte sein, die er in den kommenden Monaten leisten muss. Er rümpft die Nase. Der beißende Geruch verbrannten Gummis liegt in der Luft. Auf der Ladefläche des Abschleppwagens reckt sich anklagend ein verbrannter, ineinander verknoteter Blechhaufen in die Luft. „Sein Auto, mein Roller und der Roller eines Nachbarn“, erklärt Madeline Breßler und deutet auf den Schrotthaufen. Gestern noch auf Hochglanz poliert, heute rußverschmiert. Der Roller – ihr ganzer Stolz. Ein bisschen Luxus im sonst eher bescheidenen Studentenleben.

In der Nacht zu Samstag wurde die Feuerwehr in die Pasternakstraße am Ortenberg gerufen. Nachbarn hatten das Feuer bemerkt und die Feuerwehr alarmiert. Danach versuchten sie die WG-Bewohner, zu denen auch Madeline und Maximilian gehören, zu wecken.

Explosion der Reifen im Haus zu spüren

„Unser Mitbewohner kam zeitgleich mit dem Klingeln der Nachbarn ins Zimmer gestürmt. Wir konnten aus dem Bett das Flackern des Feuers sehen, dachten aber erst, dass die Küche brennt“, erinnert sich die 22-Jährige. Nicht die Küche sondern die vor dem Fenster parkenden Fahrzeuge des Paares waren es, die in Flammen standen. „Die Explosion der Reifen konnten wir sogar spüren“, ist Madeline Breßler noch immer geschockt. Immer wieder schüttelt sie den Kopf. Fragt „Was hat das für einen Sinn? Wenn einer einen Diebstahl begeht, bereichert er sich ja noch. Aber das hier ist purer Vandalismus. Mein Glaube an die Menschheit ist erschüttert.“ Auto und Roller – für das Studentenpaar nicht überlebenswichtig. Aber hilfreich. Um Wasserkisten den steilen Berg hinauf zu transportieren – eben für die kleinen und großen Anschaffungen des Alltags. „Es ist ein Stückchen Freiheit, das hier in Flammen aufgegangen ist“, seufzt Madeline.

Die Ermittlungen der Polizei dauern derweil noch an. „Wir gehen von Brandstiftung aus“, erklärt Polizeisprecher Martin Ahlich und fügt hinzu „Bis jetzt ist es aber ein Einzelfall.“ Kurz nachdem der Brand in der Pasternackstraße gemeldet wurde, klingelte erneut bei der Feuerwehr das Telefon. Wieder ein Brand. Nur vierhundert Meter von den brennenden Fahrzeugen entfernt, hatten Unbekannte zwei gelbe Säcke in Brand gesteckt. „Es ist möglich, dass zwischen der örtlichen und zeitlichen Nähe ein Zusammenhang besteht.“ Eine Aussage, die das junge Paar beunruhigt.

Haftpflichtversicherung deckt Schaden nicht ab

„Man fragt sich natürlich, wieso gerade unser Roller, wieso unser Auto?“, so Madeline Breßler. Eine Antwort darauf hat sie bisher nicht gefunden. Mittlerweile erinnert nur noch ein schwarzer Fleck auf dem Straßenasphalt an den nächtlichen Brand. Nicht sichtbar, dafür aber spürbar, ist das mulmige Gefühl, das die 22-Jährige seit der Tatnacht verspürt. „So einen Roller kann man nicht einfach mit einem Streichholz anzünden. So etwas muss man planen“, gibt sie zu bedenken. Gemeinsam mit ihrem Freund hofft sie nun, den Schaden von der Versicherung ersetzt zu bekommen. Die Chancen dafür stehen schlecht. Denn Maximilian und Madeline hatten für beide Fahrzeuge nur eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen. Mehr Sicherheit gab das Studentenportemonnaie dann doch nicht her.

„Haftpflicht ist die Versicherung, die dann greift, wenn man einem anderen Schaden zufügt. Also ist der Schaden in diesem Fall nicht abgedeckt“, erklärt Maschamay Poßekel, Pressesprecherin der Versicherung DEVK. „Eine Teilkasko-Versicherung hätte in dem Fall schon gereicht.“

Hätte, wäre, würde. Damit kann das junge Paar gerade nichts anfangen. Es muss darauf hoffen, dass der Täter gefasst wird. „Wenn man weiß, wer das getan hat, muss der Verursacher zahlen“, lässt Maschamay Poßekel zumindest einen kleinen Hoffnungschimmer.

Bis dahin heißt es für die beiden Geschädigten aber: umsatteln. Auf Bus, Bahn und Fahrrad. Der Ärger und die Wut – sie sind noch nicht verflogen. Und langsam mischt sich auch ein bisschen Melancholie dazu. „Ich habe den Roller kurz vor meinem Abitur geschenkt bekommen.“ Der erste eigene fahrbare Untersatz, das erste bisschen Unabhängigkeit. Nun liegt er verschmort auf dem Schrottplatz. Und mit ihm eine Portion Unbedarftheit.

  • Die Polizei bittet um Hinweise zu verdächtigen Beobachtungen, insbesondere in der Nacht zum Samstag, 6. Juli, zwischen 1.30 und 2 Uhr. Hinweise bitte an die Polizei Marburg, Tel. 06421/406-0.

von Marie Lisa Schulz

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr