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Ein Stadtspaziergang mit (fast) allen Sinnen

Sehbehinderung Ein Stadtspaziergang mit (fast) allen Sinnen

OP-Praktikant Thorsten Oberbossel hat angesichts der Diskussion um barrierefreie Verkehrswege den Praxistest für Blinde gemacht. Sein Weg beginnt mit dem Einstieg in den Bus in Wehrda und endet in der Oberstadt.

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Der Sehbehinderte Thorsten Oberbossel fährt mit dem Bus durch Marburg.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Ich fahre auf dem Weg zu einer Verabredung am Hauptbahnhof von meinem Wohnviertel in Wehrda los. Heute regnet es mal wieder! Das macht die Sache nicht angenehmer. Die meisten Bushaltestellen haben Wartehäuschen, mindestens aber eine breite Plakatwand und einen Pfeiler mit darauf montierten Fahrplänen. So höre ich oder ertaste ich meine Bushaltestelle.

Wenn ein Bus kommt, frage ich zur Sicherheit den Fahrer nach der Linie, um nicht in den falschen einzusteigen. Ist es der richtige, suche ich mir einen Sitzplatz. Weit genug vor der nächsten Haltestelle erklingt ein elektronischer Gong und die Stationsansage. Ich habe noch einige Stationen Zeit. Als die Haltestelle „Hauptbahnhof“ angesagt wird, kann ich ganz bequem aussteigen. Die modernen Busse haben ja nur noch eine Stufe zum Ein- und Aussteigen.

Jetzt bin ich am Bahnhof. Ich laufe die Straße bis zu den vier Stufen entlang. Dabei muss ich aufpassen, wo wieder mal irgendwelche Baustellenbeschränkungen sind. Nach einigen Minuten Wartezeit höre ich mein sprechendes Handy klingeln. Mit einer Tastenkombination erhalte ich die Ansage der Telefonnummer. Es ist die Person, mit der ich mich eigentlich am Hauptbahnhof treffen wollte. Ich möchte bitte zur Elisabethkirche kommen. Für ein Taxi ist der Weg zu kurz für den Preis. Mit dem Bus wäre es in den nächsten zehn Minuten nicht möglich. Da lohnt sich das Hinlaufen eher als alles andere, auch wenn es regnet.

Weg unter der Hochbrücke: alleine kaum zu schaffen

Ich gehe nun vom Bahnhof weg, wobei ich die Ausfahrt für die Taxis überquere. Dann geht es erst einmal bis zur Überquerung unter der Autobahnbrücke. Das ist für mich immer ziemlich schwierig, weil die Fahrgeräusche von der Autobahn und der Hall alle anderen Fahrgeräusche überlagern. Es gibt hier zwar tütende Ampeln, aber bei starkem Verkehr, so wie gerade jetzt, muss ich mich sehr stark konzentrieren. Jetzt ist hier auch noch ein größerer Bauabschnitt mit verwinkelten Durchgängen zwischen einzelnen Verkehrsbarrikaden.

Dann muss ich noch über die beiden Verkehrsinseln weg, die die breite Straße unterteilen. Ich bitte einen Passanten, mir bei der Überquerung zu helfen. So komme ich doch noch durch die Baustelle.

Von hier aus geht es allein weiter. Ich marschiere stramm bis zur Kreuzung Bahnhofsstraße/ Robert-Koch-Straße. Da gibt es auch eine tönende Ampel. Diese tütet mir zu, dass gerade eine Grünphase ist. Wunderbar! Ich überquere die Straße und marschiere weiter. Jetzt ist es ja nur noch ein Weg zur Ecke Bahnhofsstraße/Elisabethstraße. Ich biege links ab und gehe weiter den Bürgersteig entlang.

Ich höre darauf, wie links von mir die Wände und Zufahrten klingen. Einfahrten und Häuserfronten wechseln einander ab. Ich schnuppere und kriege noch den leichten Hauch vom Mexicali mit, das hier auf dieser Straßenseite liegt. Dann bekomme ich auch den eindeutigen Essensgeruch von der Lokomotive an der Ecke Elisabethstraße/Ketzerbach in die Nase.

Einige Dutzend Meter vor mir höre ich auch schon den Autoverkehr von der Deutschhausstraße und das rhythmische Tüten der Fußgängerampel. Endlich höre ich den Widerhall meiner Schritte und meines Stockes von weiter links. Da ist der Vorplatz der Elisabethkirche. Ich bin da. Nun drehe ich mich um 90 Grad nach links und gehe die Treppenstufen zum Vorplatz hinunter. Dort werde ich schon erwartet.

Kompliziert: Mehrfachkreuzungen

Das war noch einer der leichteren Wege. Komplizierter sind Mehrfachkreuzungen mit Inseln, die mitten auf der Kreuzung hingebaut sind. Da nützen dann auch die akustischen Ampeln nicht viel.

Wir beschließen, irgendwo in der Oberstadt etwas essen zu gehen. Da mein Bekannter bei der Gelegenheit noch etwas in der Biegenstraße besorgen möchte, nehmen wir nicht den Weg durch den an die Deutschhausstraße angrenzenden Pilgrimstein zum Steinweg hinauf. Es geht vielmehr zunächst auf der Deutschhausstraße weiter Richtung Biegenstraße.

Für und wider abgesenkteBordsteinkanten

An der Biegenstraße benutzen wir die Ampel, um auf die andere Straßenseite zu wechseln. Hier hilft die Absperrung, dass wir nicht mitten in der Kurve, in der der Überweg liegt, auf der Fahrbahn weiterlaufen. Rechts rein in die Biegenstraße geht es weiter Richtung Pilgrimstein.

Dass an einigen Bürgersteigen die sicheren Überwege durch leichte Rampen gekennzeichnet sind, kann schon irritieren. Um den Konflikt zwischen Blinden und Rollstuhlfahren zu lösen, so Thorsten Büchner von der städtischen Arbeitsgruppe Barrierefreies Bauen, wurde beschlossen, vor den Absenkbereichen Indikatoren für blinde und sehbehinderte Fußgänger aufzubringen. Dadurch können diese rechtzeitig erkennen, wann sie ein abgesenktes Stück Bordstein vor sich haben. Beispiele dafür bieten Universitätsstraße und der Marbacher Weg.

Gäbe es diese Oberflächenänderungen für Blinde nicht, so gerieten diese bei den Absenkungen zu leicht auf die Fahrbahn, weil die klare Abgrenzung zwischen Bürgersteig und Fahrbahn verschwindet. Durch die Indikatoren sind die blinden und sehbehinderten Fußgänger eben frühzeitig gewarnt und halten sich mehr an der Innenseite des Bürgersteiges.

Die Stadtverwaltung legt großen Wert auf Barrierefreiheit. Es gibt gleich zwei runde Tische zum Thema Barrierefreiheit. Der eine erörtert zwei Mal jährlich die anstehenden Hochbauprojekte. Der andere, so Edith Pfingst vom Presseamt der Stadt Marburg, behandelt zweimal im Jahr anstehende Tiefbauprojekte. An diesen runden Tischen sitzen die Vertreter der Behindertenverbände und Fachleute der Baubehörde und anderer städtischer Abteilungen. Für die Beseitigung und/oder Vermeidung von Barrieren gibt es einen Extraposten im städtischen Haushalt.

Natürlich sind die abgesenkten Bürgersteige nicht nur für Rollstuhlfahrer gut. Auch junge Eltern mit Kinderwagen profitieren von abgesenkten Überwegen.

Marburg könnte ein Vorbild werden

An Leckereck und Lahncenter vorbei kommen wir zum Pilgrimstein. Dort müssen wir wieder über eine Insel. Eine relativ leise Ampel gibt Ton, als es Grün wird. Rechts herum geht es nun in Richtung Oberstadtaufzug. Manchmal werden Fahrräder an den Bürgersteigrand geparkt. Das kann etwas verwirren. Doch heute geht es ohne Hindernisse.

Ich höre das etwas stärker hallende Echo vom nach hinten versetzten Eingang zu den Oberstadtaufzügen. Wir nehmen den rechten der beiden. Die Tasten sind alle mit erhabenen Zahlen und Symbolen und Brailleschrift markiert. Ein elektronisches Klingelzeichen verkündet, wann wir oben angekommen sind. Hinaus aus dem Aufzug geht es auf die kopfsteingepflasterte Wettergasse bergauf Richtung Marktplatz.

Alles in allem kann ich sagen, dass ich größtenteils uneingeschränkt in der Stadt herumlaufen kann. Sicher ist noch einiges zu bauen und einzurichten, was die größtenteils unabhängige Bewegungsfreiheit angeht. Außerdem könnte bei der Beschilderung darauf geachtet werden, dass die Breite der Schilder durch einen gesonderten Fuß auch mit Blindenstöcken abgetastet werden kann. Denn der Pfahl alleine weist nicht aus, wie breit das auf ihm angebrachte Schild ist. Dieses und einige weitere Möglichkeiten müssten noch berücksichtigt werden. Dann könnte Marburg als Vorbild für barrierefreies Bauen dienen.

von Thorsten Oberbossel

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