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Ein Sinn für Kunst, ein Talent für Worte

Die OB-Kandidaten: Dr. Thomas Spies Ein Sinn für Kunst, ein Talent für Worte

Sein größtes Hobby ist die Politik. Der promovierte Arzt gehört seit 1999 dem hessischen Landtag an und ist ein gebürtiger Marburger.

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Die Marburger Kunsthalle sei ein unterschätzter Ort, was seine Bedeutung in der Kunstwelt angeht, sagt Dr. Thomas Spies, der Sohn eines politischen Künstlers.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Zum Treffpunkt am Cineplex kommt Dr. Thomas Spies mit dem Fahrrad. Und muss feststellen, dass nur noch eine Rad-Stellplatz frei ist. Diese zufällige Erkenntnis sei nicht unwichtig. Seitdem eine Studie zu dem Ergebnis kam, dass es sich in Marburg so schlecht Fahrrad fahren lässt, möchte der OB-Kandidat  nachvollziehen können, ob das so stimmt. Bei schönem Wetter, so eine erste Zwischenbilanz, ist es auf jeden Fall leichter in Marburg auf zwei Rädern voranzukommen.

Letztendlich sei alles eine Frage der Rücksichtnahme zwischen allen Verkehrsteilnehmern.

An diesem Morgen ist das Wetter wunderschön, doch weil er nur eine Anzugjacke, aber keinen Mantel trägt, ihm doch zu frisch, um das Gespräch im Freien zu führen. Der Sozialdemokrat entscheidet sich fürs Café  – und betont ungefragt, dass er keinen Kaffee trinkt. Seitdem er sich fürs  Medizin-Examen die Nächte mit Lernen um die Ohren schlagen musste und eine „Überdosis“ Kaffee zu sich genommen hatte, mag er das koffeinhaltige Getränk nicht mehr riechen und schon gar nicht trinken. Ostfriesischer Tee muss es sein. Am Tag mehr als ein Liter. So bestellt er routiniert die Mischung Morgentau – „bitte mit echter Kuhmilch“ – und muss dann einige Zeit später, nachdem das heiße Wasser so seltsam grünlich aussieht, feststellen: An diesem Morgen ist der bestellte Morgentau ein grüner Tee. „Alles gut“, reagiert Spies und nimmt‘s pragmatisch: Besser als Kaffee.

Das mit dem Kaffee muss der  Landtagsabgeordnete derzeit vielen Menschen erklären, schließlich ist er fast täglich auf  Veranstaltungen zu Gast – in Marburg. Seine Termine in Wiesbaden habe er auf ein Mindestmaß reduziert, um sich in seiner Heimatstadt – hier wurde er geboren, hier wuchs er auf, hier studierte er – ganz dem Oberbürgermeister-Wahlkampf zu widmen. Ob er wenigstens kurz nochmal Urlaub mache? Nein, 2015 nicht geplant.  Wenn er einen machen würde, dann dort, „wo ich mich austoben könnte“. „Ich brauche viel Platz zum Laufen“, sagt der  52-jährige Familienvater. Laufen kann er früh morgens auch in Marburg, im Cappeler Feld zum Beispiel. Bergwandern würde er am liebsten aber auch mal wieder – einmal die Zugspitze zu Fuß erreichen, wäre ein Wunsch, den sich der sportliche Berufspolitiker noch erfüllen möchte.

Gespür für Zukunftsthemen

Sein größtes Hobby aber ist die Politik. „Ich könnte es mir nicht vorstellen, ein anderes Gleichgewicht zu finden“, sagt Spies. Auch wenn er die Möglichkeit einer Teilzeit für hauptberufliche Magistratsmitglieder vehement befürwortet – Stadträtin Dr. Kerstin Weinbach übt ihr Amt in Teilzeit aus: Für ihn persönlich komme eine Amtsausübung nur ganz oder gar nicht in Frage. „Aber das hat etwas mit meiner Persönlichkeit zu tun.“ Grundsätzlich müssten für Frauen, insbesondere für alleinerziehende, bessere Bedingungen geschaffen werden, damit die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – auch in politischen Spitzenpositionen – besser funktioniere. Sobald Thomas Spies über Politik spricht, hat er den Faden in der Hand.Eine Sprechpause findet sich kaum. Man muss ihm ins Wort fallen, um ihn auf ein anderes Thema zu bringen.

Wie nah war er, der so leidenschaftlich und schon so lange Politik betreibt, schon einmal an einem Ministerposten? Thomas Spies lacht, überlegt verhältnismäßig lange.   „Ich glaube, dass mir viele Menschen ein Ministeramt zugetraut haben“, sagt er und erklärt, schon seit einigen Jahren zur engeren Führung der hessischen SPD zu gehören.

Aber es passe nicht zu seinem Verständnis von Politik, nach Aufstiegschancen zu suchen. „Die Frage ist, ob ich es gemacht hätte“, sagt er. „Das ist eine Frage der Bedingungen. Um jeden Preis ein Minister-Amt? Das käme niemals in Frage.“ Rückblick: Als die hessische SPD mit Andrea Ypsilanti 2008 an der Spitze kurzzeitig die Wahl – mit hauchdünner Mehrheit – für sich gewonnen hatte, war Spies als möglicher Minister gehandelt worden. Die Wahl musste bekanntlich wiederholt werden, die SPD blieb in der Opposition. Unter Ypsilantis Nachfolger Thorsten Schäfer-Gümbel sei er noch mehr in der engeren Führung, sagt Spies. Aber Kommunalpolitik sei das, worin er seine Stärken zeigen könne: Er erkenne vorzeitig wichtige Zukunftsthemen. Und die Stadt Marburg hat laut Spies die Größe, in der man Leute findet, sie für neue Ideen und Projekte zu überzeugen. Auf Landes- oder Bundesebene sei das schon schwieriger. In der Stadt sei vieles konkreter.

Babyrosa ist hässlich

Natürlich liefert Spies Beispiele und Themen, von Personalmindeststandards über Bürgerversicherung bis hin zur Digitalisierung. Die Sprechpause, sie findet sich beim Thema Politik wieder nicht. Aber er lässt sich unterbrechen, ist neugierig auf die nächste Frage. Der Tee ist noch nicht ausgetrunken, es geht weiter zu einem Ort, den sich die OP-Redaktion für den SPD-Kandidaten ausgesucht hat: Das Gespräch wird in der Kunsthalle fortgesetzt. Das überrascht und freut Spies zugleich. Der Sohn eines Malers und Bildhauers und einer Lehrerin ist mit Kunst aufgewachsen. Sein Vater Professor Joachim Spies hatte an der Hochschule der Künste in Berlin gelernt, kam nach dem Krieg nach Marburg. Viele seiner Werke sind in der Universitätsstadt öffentlich zu sehen:  Die Mosaike im Gesundheitsamt oder an der Adolf-Reichwein-Schule zum Beispiel.

In der Kunsthalle sind gerade die Wände nackt.  Die nächste Ausstellung ist in Vorbereitung, erklärt der Vorsitzende des Marburger Kunstvereins, Dr. Gerhard Pätzold. „Mit Bilderaufhängen habe ich Erfahrung. Sobald ich Auto fahren konnte, habe ich Bilder meines Vaters transportiert“, erklärt Spies. Der Mann, der über Politik ohne Punkt und Komma sprechen kann, hält inne. Er denkt über seinen Vater nach, versucht Jahresdaten korrekt wiederzugeben. Sein Vater starb 1993, Pätzold, der einst SPD-Bürgermeister in Marburg war, kannte ihn gut. Kunst war im Hause Spies auch stets politisch – Vater und Mutter waren engagierte Sozialdemokraten.  „Kunst ist etwas Substanzielles“, sagt Spies. Man brauche aber Kunst und Kultur, die den Betroffenen angemessen sei – er drückt es noch einmal anders aus: „Man kann niemandem eine fremde Kultur aufstülpen.“ Der Bezug zur Kultur sei etwas Individuelles. Aber als Sohn eines hauptberuflichen Künstlers weiß er auch: „Das verkaufte Bild ist die Butter aufs Brot.“

Die Marburger Kunsthalle sei ein unterschätzter Ort, was seine Bedeutung in der Kunstwelt angeht, sagt Spies. Er selbst hat kein Talent fürs Malen, räumt er beim Rausgehen aus der Kunsthalle ein. „Aber einen Sinn dafür“, ergänzt er und zeigt auf das Haus gegenüber: Das Babyrosa der Fassade des Welcome-Hotels sei zwar etwas verblasst, doch sei dies immer noch hässlich. Und außerdem zeichne und male er nicht, weil ihm das Ergebnis  „nicht genug wäre“. „Ich spiele gern mit Sprache, mit Worten“, sagt Thomas Spies.

von Anna Ntemiris

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