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"Ein Sieg des gesunden Menschenverstands"

Kriegsdenkmal Bortshausen "Ein Sieg des gesunden Menschenverstands"

Das Kriegsdenkmal in Bortshausen muss abgebaut werden. Das geht aus einem Schreiben des Hessischen Innenministeriums hervor.

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An Ostern demonstrierte die Marburger Friedensbewegung gegen das Kriegsdenkmal in Bortshausen.Foto: Michael Hoffsteter

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Das Kriegsdenkmal, das die „Kameradschaft Marburger Jäger/2. Panzergrenadierdivision“ im Mai 2011 auf ihrem Grundstück in Bortshausen aufgestellt hat, verstößt gegen geltendes Baurecht und muss entfernt werden. Diese Auffassung vertreten sowohl das Innenministerium wie auch der Gießener Regierungspräsident als Aufsichtsbehörde.

Zur Erinnerung: Gegen die Aufstellung des Denkmals hatte es Proteste von Anwohnern und später auch einer Bürgerinitiative gegeben. Sie kritisierten die militaristische und nationalistische Tradition der „Kameradschaft Marburger Jäger“ und forderten den Rückbau des Denkmals - eine Forderung, der sich das Stadtparlament im vergangenen Herbst anschloss. Der Gedenkstein müsse in den richtigen historischen Kontext gestellt werden.

Das Parlament beschloss außerdem, die Geschichte der Marburger Jäger durch die Marburger Gechichtswerkstatt kritisch aufarbeiten zu lassen und stellte dafür einen Betrag von 10000 Euro zur Verfügung.

Nachdem trotz des Beschlusses das Denkmal noch immer stehen blieb, richtete einer der Anwohner eine Petition an den Hessischen Landtag. Der überwies die Angelegenheit an das Innenministerium, und das stellte jetzt fest: Das Kriegsdenkmal hätte nicht aufgestellt werden dürfen.

Der Grund: Das Grundstück ist - obacht! - ein Kleingarten im Sinne des Bundeskleingartengesetzes, seine Nutzung muss wesentlich durch die Gewinnung gartenbaulicher Erzeugnisse beitragen und darf nicht überwiegend den Charakter eins öffentlichen, wenn auch nicht frei zugänglichen Denkmalplatzes haben.

„Werden bauliche Anlagen und Grundstücke im Außenbereich im Widerspruch zu den Vorschriften des Baurechts errichtet, müssen die Bauaufsichtsbehörden geeignete Maßnahmen treffen, um rechtwirdrige Anlagen und Nutzungen zu beseitigen“, schreibt das Ministerium weiter.

„Ein Sieg des gesunden Menschenverstands“, kommentiert dies Anwohner Karsten Engewald, „sicher hat der breite politische Protest gegen das Kriegsdenkmal dazu beigetragen“, vermutet DGB-Sekretär Dr. Ulf Immelt für das Bündnis gegen das Kriegedenkmal.Linken-Stadtverordneter Jan Schalauske spricht von einer „Blamage für die Stadtverwaltung“, die die Rechtswidrigkeit der Steinaufstellung hätte erkennen müssen. „Wir haben das Denkmalschutzrecht geprüft, aber nicht das Baurecht“, räumt Bürgermeister Dr. Franz Kahle auf OP-Anfrage ein. Er kündigte an, die Stadt werde den Grundstückseigentümer, also die „Kameradschaft Marburger Jäger“ zunächst formlos von der Sachlage informieren und darum bitten, den Stein zu entfernen. Das weitere Vorgehen hänge von der Reaktion des Grundstückseigentümers ab, sagte Kahle, der aber eines ausschloss: Dass die Stadt sich mit dem Land oder dem RP in einen Rechtsstreit begibt.

Massaker an der Zivilbevölkerung

Unterdessen ist ein Zwischenbericht der Geschichtswerkstatt über die Geschichte der Marburger Jäger fertig und beim Kulkturamt der Stadt Marburg abgegeben. Der ausführliche Bericht soll im Frühjahr 2013 fertig sein und etwa 130 bis 150 Seiten stark sein, kündigte Projektleiter Thomas Werther an.

Der Zwischenbericht beleuchtet nicht nur die Rolle der Marburger Jäger beim Völkermord an den Herero im damaligen Deutsch-Südwestafrika 1905/1906 und an der Zerschlagung des Aufstands in der Pariser Kommune 1870/71, sondern auch ihre Beteiligung an Massakern an der Zivilbevölkerung in der belgischen Kleinstadt Dinant nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und an Demonstranten im oberschlesischen Königshütte.

Nach 1945 trafen sich die Mitglieder des verbotenen Jägerbataillons 11 heimlich weiter, ab 1950 wurden Jägertage abgehalten. Ab 1979 nannte man sich „Kameradschaft Marburger Jäger - 2.PzGrenDiv“. Aus ihr gründete sich die „Fördergemeinschaft für Soldatenverbände im Landkreis Marburg-Biedenkopf“, die in der Folge mehrmals heftig wegen ihrer Nähe zu Nazis kritisiert wurde.

„Der Abriss lässt noch einiges erwarten für den Abschlussbericht“, sagt Werther. Er geht davon aus, dass der Abschlussbericht die anstehende 200-Jahr-Feier der Marburger Jäger im Jahr 2013 „ins richtige Licht rücken wird.“

von Till Conrad

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Karsten Engewald zeigt Dr. Olga Karumuao aus Namibia das Kriegerdenkmal in Bortshausen. Sie ist entsetzt.

Dr. Olga Karumuao (57) ist eigens nach Marburg gereist, um das Denkmal zu sehen, mit dem auch der Soldaten gedacht wird, die an dem Völkermord an den Herero 1904 bis 1908 beteiligt waren.

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