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„Ein Schrei nach humanitärer Hilfe“

Stimmen zur Abstimmung in Griechenland „Ein Schrei nach humanitärer Hilfe“

Europa ohne Griechenland sei nicht vorstellbar, sagen alle von der OP befragten Griechen. Die Mehrheit glaubt, hofft, dass nun der Weg für eine neue europäische Politik frei werden kann.

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Rentner stehen vor einer Bank in Athen, um Geld abzuheben. Die Banken waren am Montag noch geschlossen.

Quelle: Nikos Arvanitidis / dpa

Marburg. Der Ausgang des Referendums hat Dr. Hristos Karakizlis verwundert. Der Marburger Arzt hatte gedacht, dass die meisten Griechen mit Ja stimmen werden. „Auch wenn ich die Meinung der Mehrheit nicht teile, kann ich das nachvollziehen. Das Leid der Menschen ist wohl so groß, dass ihnen alles andere lieber ist als die momentane Situation.“ Er selbst wisse nicht, wie er abgestimmt hätte, wenn er in Griechenland leben würde. „Ich kann die Situation nicht vergleichen, weil ich dort nicht lebe“, sagt der Familienvater.

Eine klare Haltung hat Dr. Dora Dimitroulia, Dozentin für Neugriechische Philologie und Kulturgeschichte Griechenlands an der Philipps-Universität: „Ich bin sehr froh über das starke Nein der Griechen. Nein heißt: keine weiteren unzumutbaren Sparmaßnahmen gegen die Leidenden, wie das neoliberale Dogma es will, das genügend Unheil in Griechenland und in anderen Ländern angerichtet hat.

Chance, dass sich langfristig etwas ändert

Nein heißt: Ein anderes Europa der Gerechtigkeit und vor allem der Demokratie ist möglich.“ Wie Dimitroulia hat auch Eleni Nikolaidou zeitweise in Griechenland gelebt. Sie freut sich ebenfalls über den Ausgang des Referendums. „Ich finde, das Thema ist aber sehr differenziert zu betrachten. Das habe ich in Deutschland auch gelernt, dass man nicht von vornherein ein Schwarz-Weiß-Denken einnimmt, sondern differenziert, neu entscheidet und gegebenenfalls seinen Kurs ändert.“

In diesem Sinne sei das Votum der Griechen eine Möglichkeit, festgefahrene Strukturen in der EU zu ändern. „Mit einem Ja der Griechen würde sich langfristig nichts ändern in der Europapolitik.“ Ob das Referendum tatsächlich zu einem guten Ergebnis für Griechenland führen werde, wisse sie nicht. Der Kampf für eine andere EU-Politik fange jetzt an. „Die europäischen Werte werden nicht mehr vorgelebt“, sagt sie.

Gastronom Jiorgos Patounis ist „positiv überrascht“ über das deutliche Votum: „Ich hätte gedacht, es gibt ein knappes Ergebnis.“ Man dürfe nicht vergessen, dass 75 Prozent der Griechen für den Verbleib im Euro-Raum sind. Beide Zahlen seien ein Zeichen an die EU. Die Griechen seien mit der Abstimmung ein Risiko eingegangen, hätten aber auch gleichzeitig keine Angst vor dem Druck, den die EU-Politiker ihnen machen.

Nach fünf Monaten keine Wunder erwarten

„Das Votum ist auch ein Schrei nach humanitärer Hilfe“, so Patounis. Je mehr Informationen über die Situation in Griechenland, desto mehr werde den deutschen Bürgern klar, dass die Griechen Hilfe benötigen, sagt Patounis. Denn bislang seien mit den Hilfsgeldern die Banken gerettet worden, nun müsse man an die Menschen denken.

„Die Griechen haben den Linken-Politiker Tsipras nicht gewählt, weil sie links sind, sondern das Volk wollte einen Neuanfang. Man kann nicht erwarten, dass eine neue Regierung innerhalb von fünf Monaten all das schaffe, was in fünf Jahren versäumt worden war“, so Patounis. Ein positives Zeichen sei, dass Ministerpräsident Alexis Tsipras am Montag das Gespräch mit allen Parteispitzen gesucht habe.

Der Unternehmer Angelos Frangoulis appelliert mit einem offenen Brief an die Politiker der EU, eine Lösung zu finden. Die EU solle der griechischen Regierung Änderungspläne in der Verwaltung empfehlen und denen eine Hilfe anbieten, wie das auch der Fall bei der ehemaligen DDR gewesen sei. Zudem sollte ein konkreter Investitionsplan mit entsprechenden Fördermaßnahmen ausgearbeitet und der griechischen Regierung vorgelegt werden. Der größte Fehler sei, dass die Politiker die Bankenschulden in Höhe von Hunderten von Milliarden Euro umgeschichtet haben auf Staatsschulden.

von Anna Ntemiris

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