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Ein Schönschreiber ohne Arme

OP-Serie "Leben in Leichenpredigten" Ein Schönschreiber ohne Arme

In Teil eins unserer Serie "Leben in Leichenpredigten“"steht ein armloser Kalligraph im Mittelpunkt, der im ausgehenden 16. Jahrhundert Berühmtheit erlangte.

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Dieser Kupferstich zeigt, wie Thomas Schweicker geschrieben hat.

Quelle: Staatsbibliothek Berlin

Marburg. Als besonders spannendes Beispiel eines erfolgreichen Lebens trotz einer körperlichen Behinderung sieht Johanna Pöppelwiehe das Leben von Thomas Schweicker (1540 bis 1602) an. Die Mitarbeiterin der Forschungsstelle für Personalschriften begab sich auf die Spur des „armlosen Schreibers“, dessen Biographie sich aus einer Predigt nach seinem Tod erschließen lässt.

Thomas Schweicker war im Jahr 1540 als Sohn des Bäckers Hans Schweicker und seiner Frau Dorothea aus Schwäbisch Hall bereits ohne Arme zur Welt gekommen. Als Ursache dafür werde in der Leichenpredigt genannt, dies sei „ein Werk Gottes“ gewesen, erläutert Pöppelwiehe im Gespräch mit der OP.

Schweickers Behinderung, die heute als Amelie bezeichnet wird, entstand vermutlich durch die Abschnürung seiner Arme im Mutterleib. In der damaligen Zeit waren die möglichen Ursachen für diese Art von Behinderung aber noch gar nicht bekannt, erklärt Pöppelwiehe.

Ein "Wunderman"

Abergläubische Zeitgenossen hätten seine Fehlbildung unter anderem als Folge des „bösen Blicks“ gedeutet. So beschreibt Johannes Weidner in seiner von dem Bruder des Verstorbenen in Auftrag gegebenen Leichenpredigt, dass die Mutter Thomas Schweickers während ihrer Schwangerschaft einem armlosen Bettler begegnet sei, der vor der Tür des Schweicker‘schen Wohnhauses um Almosen gebeten habe. Die Behinderung des Mannes habe sie erst bemerkt, als sie ihm etwas habe reichen wollen. Dann sei sie davon zugleich entsetzt und fasziniert gewesen und sei ihm hinterhergelaufen, um ihn zu beobachten. Dabei sei sie „unversehens durch Nachbarn abgewarnt“ worden und habe sich so erschrocken, dass sie später vermeintlich als Folge der Begegnung mit dem Bettler einen Sohn mit der gleichen Behinderung geboren habe.

In der Leichenpredigt wird Schweicker aufgrund seiner schreiberischen Fertigkeiten als „Wunderman“ bezeichnet. Klar ist, dass in der Folge bereits der junge Thomas Schweicker durch seine Eltern eine besondere Förderung erhielt. So wurde er zunächst zur deutschen Schule geschickt und kam dann in die Lateinschule. Dort bekam er einen eigenen abschließbaren Tisch für seine Schreibutensilien zur Verfügung gestellt.

Mit der schulischen Bildung, die seine spätere Berufstätigkeit ermöglichte, habe er schon großes Glück gehabt, macht Johanna Pöppelwiehe deutlich. Ein Behindertenschicksal im 16. Jahrhundert habe ansonsten eher so ausgesehen, dass die Behinderten trotz all ihrer Defizite schwer körperlich hätten arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Eine Alternative hätte eventuell noch darin bestanden, zu betteln.

Befriedigung der Neugier

Der Beruf des Kalligraphen beinhaltete einerseits das Schönschreiben als Auftragsarbeit und andererseits Elemente der Kunstmalerei. Wie genau die Karriere des Schreibers ohne Arme begann und dann weiter verlief, das lässt sich aus der Leichenpredigt nur schwer erschließen. Ein wie auch immer geartetes Studium Schweickers wird zwar bei der Lebensbeschreibung nicht erwähnt. Er habe aber im Selbststudium theologische, historische und literarische Werke gelesen. Und er habe sich „im schreiben vielfältig geübt“, wie Weidner in der Leichenpredigt berichtet. Fest steht auf jeden Fall, dass er ein bekannter Schreiber wurde, dessen Ruhm sich auch an vielen Höfen der Frühen Neuzeit verbreitete. So ließen sich unter anderem Kaiser MaximilianI. und Kurfürst LudwigVI. von der Pfalz die Arbeiten von Schweicker zeigen oder bestaunten eine „Vorführung“ seiner Fähigkeiten.

„Es ist anzunehmen, dass die Audienzen Schweickers nicht nur dem Zweck dienten, seine Schriften zu bewundern, sondern auch die Neugier nach dem Anblick des armlosen Kalligraphen zu befriedigen“, merkt Pöppelwiehe an.

Wie musste man sich nun die praktische Ausübung von Thomas Schweickers Schreibkunst vorstellen? Das Titelblatt der Leichenpredigt zeigt in einem Kupferstich eine Ansicht des Schreibers, wie er sich in einen weiten Umhang gehüllt und mit einer Mütze bedeckt konzentriert über eine Schreibtafel beugt. Dabei hat er beide Knie angewinkelt. Zwischen dem ersten und zweiten Zeh seines rechten Fußes hält er eine Schreibfeder. Neben ihm liegen Arbeitswerkzeuge wie ein Tintenfass, ein Lineal sowie eine Schreibfeder und ein Zirkel.

Auf der Schreibtafel stehen die Worte „Deus est mirabilis in operibus suis“ (Gott ist wunderbar in seinen Werken). Hiermit wird wiederum ein Bezug zum Text der Leichenpredigt genommen. In dem unter der Abbildung abgedruckten Epigramm kommt Schweicker selbst zu Wort. Darin beschreibt er auch, wie er vor allem unter Zuhilfenahme seiner Füße sein Leben ohne Arme meistert. So heißt es dort wörtlich: „Dieweil ich das es gott erbarm/Hab weder finger hend noch arm/und mich also behelfen muss/schreib ich doch dis mit meinem fus/(...)Essen und Trincken über Tisch! Mit meinem Fuß ich bhend erwisch/Schreib mahl schnitz und bind Bücher ein/Das Armbrust kann ich brauchen fein.“

Die 1976 gegründete Forschungsstelle für Personalschriften an der Philipps-Universität Marburg ist seit 1984 eine Arbeitsstelle der Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz. Sie wird von Dr. Eva-Maria Dickhaut geleitet. Nach der Katalogisierung der Leichenpredigten-Bestände in Hessen, Schlesien und Sachsen konzentriert sich die Arbeit der Forschungsstelle seit 2006 auf Thüringen. Außerdem hat sie mehrere Datenbanken ins Netz gestellt, die fortlaufend aktualisiert werden und in denen unter anderem nach Namen, Orten und Berufen recherchiert werden kann.

von Manfred Hitzeroth

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