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Ein Schauplatz im Kampf gegen die Wohnungsnot

Stadtteil Ortenberg Ein Schauplatz im Kampf gegen die Wohnungsnot

Alter und neuer Wohnraum am Ortenberg: Wird hier eine Chance vertan? Die Debatte um die Bebauung der "Alten Gärtnerei" zeigt idealtypisch die vielen Facetten bei der Diskussion um Auswege aus der Wohnungsnot.

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Ortenberggemeinde vermisst soziale Ziele im Bebauungsplan für die "alte Gärtnerei".

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Eigentlich ist der Ortenberg ein Wohnquartier, wie man es sich attraktiver kaum vorstellen kann: Er verfügt über zwei Grundschulen (Brüder-Grimm-Schule und Geschwister-Scholl-Schule) und zwei Kindergärten (Geschwister-Scholl-Kindergarten und Kindergarten Tabor), er ist (über den Ortenbergsteg) in weniger als fünf Minuten vom Hauptbahnhof zu erreichen und gehört damit zu den zentrumsnahen Wohnlagen in der Stadt, er hat ein kleines Zentrum überhalb des Ortenbergstegs, eine aktive Stadtteilgemeinde - und er verfügt über eine breite soziale Mischung: „Vom Studenten über den kleinen Beamten bis zum Professor haben wir alle sozialen Gruppen bei uns wohnen“, sagt Pit Metz, der Vorsitzende der Stadtteilgemeinde.

Bedarf an barrierefreien Wohnungen steigt

Wie in allen Städten hat aber auch der Ortenberg mit dem demografischen Wandel zu kämpfen: Es gibt immer mehr alte Menschen im Quartier mit den bekannten Problemen. Wie die jener alten Damen, die in der Schützenstraße in einer des Wohnungen des Bau- und Sparvereins wohnt - im dritten Stock. Die Dame wohnt billig, mag eigentlich ihre Wohnung, aber sie schafft kaum noch die Treppen.

Für Menschen wie die alte Dame wäre eine barrierefreie Wohnung ideal - schwer zu bekommen mit Menschen mit niedrigem Einkommen.

Dietrich Schewe vom Vorstand der Ortenberggemeinde erzählt diese Geschichte, um an ihr zu verdeutlichen, welche Chance bei größeren Neubauten - „und allzu viele gibt es ja nun wirklich nicht im Stadtzentrum“ - besteht. Für die Ortenberggemeinde ist aber mit der vorgesehenen Bebauung des Geländes „Alte Gärtnerei“ -zwischen Schützenstraße und Alter Kasseler Straße, östlich der gerade entstehenden Wohnanlage Campus III eine solche Chance vertan - wenn denn tatsächlich so gebaut wird, wie es im Entwurf für den Bebauungsplan vorgesehen ist.

Soziale Ziele beim Bebauungsplan der "Alten Gärtnerei" vernachlässtigt

Zukunftsträchtiges Bauen beinhaltet für die Ortenberggemeinde nicht nur die Schaffung bezahlbaren - etwa mittels einer Sozialquote - und familiengerechten Wohnraums, sondern vor allem auch die Schaffung barrierefreien, möglichst behindertengerechten Wohnraums.

All das vermisst sie beim Entwurf für den Bebauungsplan „Alte Gärtnerei“. Der Investor, die s+s-Grundbesitz GmbH wirbt in Annoncen bereits für diese geplanten Wohnungen, die von Metz als „Luxuswohnungen“ bezeichnet werden. Er wirft der Stadt unter anderem vor, nicht selbst das Grundstück erworben und bewirtschaftet zu haben, etwa um sozialen Wohnraum zu schaffen. Metz kritisiert weiter, dass die Öffentlichkeit nicht, wie im Baugesetzbuch vorgeschrieben, frühzeitig beteiligt worden sei.

Die Ortenberggemeinde hat, wie einige Anlieger auch, ihre Stellungnahme zum ersten Entwurf des bebauungsplans abgegeben. „Anregungen und Vorschläge während der Offenlage werden mit einbezogen“, teilte Stadtsprecher Ralf Laumer in diesem Zusammenhang mit. Der Bebauungsplan soll im April ins parlamentarische Verfahren gehen.

Eine Chance, zentrumsnahen, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen

Bauherr Karsten Schreyer von der s+s-Grundbesitz GmbH rechnet damit, dass er die Baugenehmigung noch im zweiten Quartal erhält. Soweit möglich, versichert er, würden die Wünsche der Nachbarn berücksichtigt. Dies betrifft im besonderen die Frage der Geschosszahl zur Schützenstraße hin als auch die Frage der Grünflächen.

Der Ortenberggemeinde geht es aber nicht in erster Linie um gestalterische Fragen. Sie sieht die soziale Balance im Stadtteil gefährdet und eine Chance vertan, zentrumsnah bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. „Wenn man mir Grundstücke schenkt, kann ich auch billiger bauen“, sagt Schreyer dazu, um dann, wieder ernst, zu ergänzen, dass er nach Abschluss des Projekts „Alte Gärtnerei“ zentrumsnah eine Wohnanlage mit günstigem Wohnraum für familien plant.

Unabhängig von der Genehmigung des Bebauungsplans haben vorbereitende Arbeiten auf dem Gelände bereits begonnen.

von Till Conrad

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