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Ein Rad - kein Talent

OP-Serie: Abenteuer Sport Ein Rad - kein Talent

"Wo ist eigentlich die Bremse bei so einem Einrad?", fragte ich mich - und fuhr gegen die Wand. Es gibt keine - lautet die Antwort und spätestens da beschließe ich, in der Risikobewertung alle ­Sterne zu vergeben.

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Ein Rad ist ihr zu wenig: OP-Redakteurin Marie Lisa Schulz musste feststellen, das "kinderleicht" oft richtig schwer ist.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Der Mann, in dessen Hände ich mein Leben lege, wiegt 32 Kilo und trägt Strumpfhosen. Komplimente macht er aber wie ein Großer. Gar nicht so erbärmlich seien meine ersten Versuche. Kein hoffnungsloser Fall - aber irgendwie auch kein Naturtalent. Ich kann ihm seinen zurückhaltenden Optimismus nicht übelnehmen.

 

Der Oberkörper schwankend, die Augen weit aufgerissen, bohren sich die Finger meiner linken Hand in seine Schultern. Auch Marc (10), meine Stütze auf zwei Beinen, reißt die Augen auf - vor Schmerz. Aber der Gentleman schweigt. Meine rechte Hand krallt sich in der von Grundschullehrer Sebastian von Hagen fest. Ihm habe ich diesen Balanceakt zu verdanken. In meinem Kopf hat nur eine Frage Platz: Was mache ich hier eigentlich?

Einrad fahren - so lautet die simple Antwort. Und das ist, laut Marc, „kinderleicht“. Er habe einen Tag gebraucht, bis er die ersten Meter ohne Stütze zurücklegen konnte. Einen Tag, denke ich schnaubend. Was dieser 32-Kilo-Junge in einem Tag lernt, kann ich doch wohl in 45 Minuten beherrschen. Sebastian von Hagen nimmt mir diese Illusion. Je älter der Fahranfänger, desto länger dauern erste Erfolge. Und irgendwie schlucke ich diese Wahrheit. Widerspruchslos.

Und während ich von Marc und dem Grundschullehrer von Hagen im Zeitlupentempo durch die Halle geschoben werde, kreuzen immer wieder Einräder meinen Weg. Klitzekleine und riesengroße. Gelbe, blaue, rosafarbene. Die Kinder der vierten Klasse der Waldschule Wehrda bewegen sich sicher auf den Rädern durch die Halle. Seit Februar üben sie. Woche für Woche, Pause für Pause.

Die Kinder haben ihren Eltern etwas voraus

Von Hagen hat einen Traum.Er will so vielen Kindern wie möglich das Einradfahren beibringen. Wieso? „Weil es die Koordination und Konzentration schult“, so der Grundschullehrer. Und weil es den Kindern ein hohes Maß an Selbstvertrauen schenke. „Die Kinder können damit etwas, was ihre Eltern nicht können. Sie sind ihnen in einer Sache weit voraus.“

Irgendwie bin ich aus dem Alter raus, in dem ich mich mit meinen Eltern messen möchte. Ich akzeptiere, dass es Sachen gibt, die sie immer besser können werden als ich. Kochen beispielsweise. Und nach zehn Minuten Einrad fahren, pardon, fallen, bin ich der festen Überzeugung: Auch das würden meine Eltern besser machen. Ganz sicher.

20 Kinder üben bei ­konzentrierter Stille

Und während ich mich an Marc festkralle und zögerlich in die Pedale trete, lerne ich eine neue Lektion: Nicht aufgeben. Immer wieder aufsteigen. Üben. Das Gleichgewicht finden, den Mut fassen, schneller, fester, entschiedener zu treten. Sebastian von Hagen hält mich mittlerweile nicht mehr nur am Händchen. Er fasst mich mit entschlossenem Blick am Kragen. Ich fühle mich wie eine Marionette. Richte mich automatisch im Oberkörper auf. Jeder Muskel ist angespannt. Und siehe da. Es rollt. Halbwegs zumindest. Verletzungen, erzählt Sebastian von Hagen, seien eher die Ausnahme. Klar, ein paar Prellungen und blaue Flecken gehören dazu. Aber zum Fahrenlernen gehöre nun einmal auch das korrekte Fallenlernen. Gut, denke ich mir.

Zum ersten Mal lasse ich meinen Blick durch die Halle schweifen. Ich sehe Mädchen, die auf einem Ball balancieren, sehe Jungs, die mit Tüchern jong­lieren, sehe Schülergruppen, die abenteuerliche Fahrfiguren einstudieren. Der reinste Zirkus. Irritiert stoppe ich meine betreute Einradfahrt und registriere: In der Turnhalle ist es mucksmäuschenstill. Ab und an ist ein Kinderlachen zu hören. Hier und da der dumpfe Knall, wenn ein Einrad auf den Boden fällt. Kein Geschrei, kein Gezeter. Konzentrierte Stille. Auch ich lasse mich von der Stimmung anstecken, werde ruhig und lasse mich durch die Halle schieben. „Kinderleicht“ denke ich euphorisch, bevor das Einrad nach vorn kippt und ich mit einem dumpfen Schlag auf meinen Füßen zum Stehen komme. „Kinderleicht“, seufze ich, „kann verdammt schwer sein.“

von Marie Lisa Schulz

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