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Ein Plädoyer für konsequente Impfungen

Meldepflichtige Erkrankungen Ein Plädoyer für konsequente Impfungen

Über meldepflichtige Erkrankungen sprach die OP mit Dr. Martin Just, Fachdienstleiter für Gesundheitsaufsicht und Infektionsschutz beim Gesundheitsamt Marburg-Biedenkopf.

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Fachdienstleiter Dr. Martin Just.

Quelle: Archiv

Marburg. OP: Welche Infektionskrankheiten unterliegen jetzt wieder, welche unterlagen schon immer der Meldepflicht?

Dr. Martin Just: Für die Bundesrepublik Deutschland wurde mit der Einführung des Bundesseuchengesetzes die Meldepflicht für diverse Erkrankungen und Erregernachweise eingeführt. Seit 2001 sind die entsprechenden Bestimmungen im Gesetz zur Verhütung und Bekämpfung von Infektionskrankheiten beim Menschen (Infektionsschutzgesetz – IfSG) geregelt. Bedrohliche, lang bekannte Erkrankungen wie zum Beispiel Pest, Cholera, Tuberkulose, Syphilis, Diphtherie oder der Nachweis der entsprechenden Erreger unterlagen schon immer der Meldepflicht. Andere Erkrankungen – etwa HIV oder BSE – sind erst im Lauf der vergangenen Jahre und Jahrzehnte bekannt und diagnostizierbar geworden und aufgrund ihres jeweiligen Bedrohungspotenzials in die Meldepflicht aufgenommen worden. Erinnert sei auch an die Neue Influenza und den EHEC-Ausbruch 2011, die jeweils eine Ausweitung der bestehenden Meldeverpflichtungen nach sich zogen. Die aktuell erfolgten Ausweitungen der Meldepflicht beziehen sich im Wesentlichen auf so genannte impfpräventible Erkrankungen, also Keuchhusten, Mumps, Röteln und Windpocken.

OP: Wie ist denn das genaue Prozedere in Sachen Meldepflicht?

Just: Unterschieden wird die „Arzt-Meldung“, die in Paragraf 6 des Infektionsschutzgesetzes festgelegt ist. Hierunter fallen 15 namentlich aufgeführte Erkrankungen, die bei Verdacht, Erkrankung oder Tod der Meldepflicht unterliegen. Darüber hinaus unterliegen unter anderem. Lebensmittel-assoziierte Durchfallerkrankungen, das Auftreten einer „bedrohlichen“ Erkrankung (ohne Erregernachweis / Diagnose) beziehungsweise das gehäufte Auftreten einer gleichartigen Erkrankung dieser Regelung, wenn eine „schwerwiegende Gefahr für die Allgemeinheit“ besteht oder angenommen wird. Auch das gehäufte Auftreten von Infektionen, die im Zusammenhang mit einer medizinischen Behandlung stehen, sind vom Arzt zu melden. Bei der Labor-Meldepflicht nach Paragraf 7 des Infektionsschutzgesetzes besteht für den Nachweis von 47 aufgeführten Erregern eine namentliche und für 6 weitere Erreger eine nicht-namentliche Meldepflicht. Darüber hinaus sind Meldeverpflichtungen für Schulen und sonstige Gemeinschaftseinrichtungen in dem Gesetz festgeschrieben.

OP: Unterscheidet sich die Meldepflicht in irgendeiner Weise vom Vorgehen anderer Bundesländer?

Just: Das Infektionsschutzgesetz definiert einen Mindestumfang meldepflichtiger Erkrankungen. Durch länderspezifische Verordnungen können darüber hinaus zusätzliche Meldetatbestände festgelegt werden. So hat Hessen zum Beispiel im November 2011 die Meldepflicht für den Nachweis bestimmter Bakterien mit Antibiotika-Resistenz – sogenannte multiresistente gramnegative Erreger (MRGN) – eingeführt. Dagegen unterlagen die jüngst im IfSG aufgenommenen Erkrankungen Keuchhusten, Mumps, Röteln und Varizellen in den ostdeutschen Ländern schon immer der Meldepflicht.

OP: Welche aktuellen Zahlen gibt es, die die angenommene Steigerung der Erkrankungsfälle untermauern?

Just: Im Fall der Keuchhustenerrkankung wird tatsächlich von einer hohen, möglicherweise vollkommen unterschätzten Krankheitslast ausgegangen. konkrete Zahlen sind mir hierzu allerdings nicht bekannt. Erschwerend kommt hinzu, dass das bei Säuglingen und Kleinkindern klassische Krankheitsbild im Fall der Erkrankung Erwachsener in der Regel nicht auftritt und daher eine sicher Diagnose erschwert. Unabhängig davon ist die Stoßrichtung der Gesetzesänderung aber eine andere: Durch die namentliche Meldepflicht wird das Gesundheitsamt in die Lage versetzt, Ausbrüche dieser Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und rechtzeitig Maßnahmen zur Verhinderung einer weiteren Ausbreitung beim Auftreten von Einzelfällen einzuleiten. Dies beinhaltet die Ermittlung von Kontaktpersonen, insbesondere solche mit einer besonderen Gefährdung, z.B. Schwangere (Röteln) oder Säuglinge (Pertussis, Varizellen) und die Durchführung von postexpositionellen Immunisierungen (bei Mumps, Röteln und Varizellen) oder einer Chemoprophylaxe (bei Pertussis). Zum anderen können die Daten Hinweise auf einen möglicherweise unzureichenden Impfschutz in besonderen Bevölkerungsgruppen geben, der dann gezielt vervollständigt und optimiert werden kann. Sie geben außerdem Auskunft über die Wirksamkeit der Impfprogramme auf Bevölkerungsebene. Schließlich sind die Daten unerlässlich, damit Deutschland nachweisen kann, dass es seinen Beitrag dazu geleistet hat, das von der Weltgesundheitsorganisation WHO gesteckte Ziel der europaweiten Elimination von Masern und Röteln bis 2015 zu erreichen.

OP: Welche Ursachen für ansteigende Fallzahlen sind Ihrer Einschätzung nach denkbar?

Just: Mögliche Gründe können eine sinkende Durchimpfungsrate und damit eine abnehmende Immunität in der Bevölkerung sein.

OP: Welche Impf- oder sonstigen Vorsorgeempfehlungen gibt das Gesundheitsamt?

Just: Konsequente und zeitgerechte Impfungen gemäß Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO). Kontrolle im Rahmen der Schuleingangsuntersuchungen, gegebenenfalls zukünftig auch vor Aufnahme in einer Kindergemeinschaftseinrichtung mit dem Ziel, Impflücken gezielt zu schließen.

von Carsten Beckmann

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