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Ein Plädoyer für eine Masernimpfung

Expertenmeinung Ein Plädoyer für eine Masernimpfung

In einem Beitrag für die OP setzt sich Professor Michael Lohoff, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Krankenhaushygiene an der Philipps-Universität, mit den Argumenten gegen eine Masernimpfung auseinander.

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Nachdem es Masern-Krankheitsfälle in Marburg gegeben hat, ist eine Diskussion über das Impfen enstanden.

Quelle: Archivbild

Marburg. Lohoff kommt aus der wissenschaftlichen Betrachtung zu dem Schluss, dass es keine Alternative zur Masernimpfung gibt. Ein flammendes, hoch emotionales Plädoyer eines Experten lesen Sie hier:

Nestschutz

Es handelt sich um Antikörper, also Serum-Eiweißstoffe, die von der Mutter als Antwort auf eine Impfung oder eine Infektion gegenüber einem bestimmten Erreger gebildet wurden. Ab einer gewissen Menge schützen sie die Mutter vor einer (gegebenenfalls erneuten) Infektion mit demselben Erreger. Die Antikörper werden auf das Kind übertragen, zunächst im Mutterleib, später dann über die

Muttermilch

Diese Quelle versiegt mit dem Abstillen. Danach halbiert sich ihre Menge im kindlichen Blut pro Monat um etwa die Hälfte. Nach wenigen Monaten ist damit ein Niveau erreicht, welches das Kind vor der jeweiligen Infektion nicht mehr schützen kann. Der Nestschutz endet. Dieser Zustand ist normalerweise spätestens am Ende des ersten Lebensjahres erreicht. Ab diesem Zeitpunkt ist das Kind gefährdet für den jeweiligen Erreger, außer es wird gegen ihn geimpft.  

145.700 Maserntote

Genau diese kleinen Kinder sind die Hauptgefährdeten bei einer Maserninfektion. Dies erfährt man auf der Homepage der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Dort liest man, dass im Jahr 2013 insgesamt 145.700 Maserntodesfälle weltweit vorkamen, und dass dies zumeist Kinder unter fünf Jahren betraf.

Man erfährt weiter, dass gegenüber 2000 in 2013 75 Prozent weniger Personen an Masern starben, und dass gleichzeitig die Impfrate von 73 Prozent auf 84 nach oben ging.

Wenn ich also in einem Leserbrief von der „verantwortungsvollen Entscheidung“ lese, Kinder erst im jugendlichen Alter gegenüber Masern zu impfen, so fehlt mir dazu jegliches Verständnis. Wenn ich in einem anderen Leserbrief von „selbstredend tragischen Todesfällen“ lese, so kann ich dies nur noch als Zynismus empfinden. Wehe den Eltern, die auf diese Weise ein Kind verlieren, in dem Wissen, dass sie den Tod durch Impfung hätten verhindern können!

Sterblichkeit

In westlichen Ländern entspricht die Sterblichkeit an Masern drei Personen pro tausend Kranken. Dies kann man beispielsweise nachlesen in einem Artikel von Walter A. Orenstein in der Zeitschrift: Journal of Infectious Diseases, Band 189, Seiten S4-S16 aus dem Jahr 2004. Die Krankheit bricht bei 95 Prozent der Infizierten aus – es gibt also kaum Infizierte ohne Krankheit.

Nebenwirkungen

Die Fäden für die Erfassung der Nebenwirkungen laufen beim Paul-Ehrlich-Institut (PEI) zusammen, dem Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arbeitsmittel. Sowohl behandelnde Ärzte als auch pharmazeutische Unternehmen, die Impfstoffe herstellen, sind zu einer Meldung auffälliger Nebenwirkungen gesetzlich verpflichtet. Wer dieser Verpflichtung nicht nachkommt, macht sich strafbar.

Darüber hinaus findet man auf der Homepage des PEI einen Meldebogen, der von jeglicher Privatperson ausgefüllt werden kann, die eine Meldung zu potentiellen Impfnebenwirkungen machen möchte.

Am PEI gibt es eine ganze Kommission, die diese Nebenwirkungen dann sichtet und auf Plausibilität überprüft. Wichtig ist, dass deren Mitarbeiter in keiner Weise Beziehung zur pharmazeutischen Industrie haben, also nicht etwa besonderes Interesse daran besitzen, vermeintliche Nebenwirkungen als nichtig zu erklären.

Pro Jahr werden in Deutschland zwischen einer und zwei Millionen Impfdosen gegen Masern verabreicht. In 2013 gab es insgesamt 309 Verdachtsmeldungen für Impfnebenwirkungen, dabei war kein einziger Todesfall. Nach Überprüfung betrafen mit drei Ausnahmen sämtliche Impfmeldungen entweder vorübergehende Erscheinungen mit Ausheilung oder Meldungen mit unvollständigen oder nicht nachvollziehbaren Angaben, oder selten unzulässige Verbindungen mit der Impfung.

Die erwähnten drei Fälle betrafen zweimal die Diagnose „Autismus“. Zur Verbindung von Autismus und Maserninfektionen gibt es aber eine sehr ausführliche amerikanische Studie, die den Zusammenhang ausschließt. Autismus ist eine relativ häufige Krankheit, sodass ein zeitlicher Zusammenhang zwischen Impfung und erstem Auftreten der Krankheit statistisch in wenigen Fällen ohnehin auftreten muss. Im dritten Fall wurde ein „Cogan-Syndrom“ festgestellt, für das es bisher keinen beschriebenen Zusammenhang zur Maserninfektion gibt.

Bilanz

Würden also diese eine Million Geimpfter pro Jahr eine natürliche Maserninfektion durchmachen, wären dabei 3000 Todesfälle zu beklagen. Dem stehen bei der Impfung kein Todesfall und drei schwerere Nebenwirkungen mit höchstwahrscheinlich nicht vorhandenem Zusammenhang gegenüber.

Der Impfstoff

Der eingesetzte Impfstoff ist ein Lebendimpfstoff aus abgeschwächten Erregern. Es wird eine abgemilderte Form der Krankheit ausgelöst, dies führt zu Symptomen wie Fieber und Gliederschmerzen, und zeigt dadurch eine erfolgreich verlaufende Impfung an. Selbstverständlich ist aber dann, dass dieser Impfstoff für eine Person mit deutlich geschädigtem Immunsystem möglicherweise riskant ist.

Die Aussage in einem Leserbrief, dass der Impfstoff damit ja doch nicht so harmlos sei, bezieht sich auf die Population von Menschen, die etwa an Leukämie erkrankt sind, oder eine Cortison-Behandlung benötigen, und für ihre Immunsuppression tatsächlich selber nichts können.

Immunsystem

Es gibt im Darm des Menschen mehr als 1000 verschiedene Bakterienarten, es gibt große Mengen unterschiedlicher, aber eher harmloser Erkältungskeime. Diese beeinflussen das Immunsystem und verändern es – dazu gibt es Studien. Muss man also nun partout auch noch Infektionen mit den etwa zehn Erregern durchmachen, die möglicherweise lebensbedrohlich sind, um „sein Immunsystem zu stärken“? Wieso?

Die Freiheit der Wahl

Nein, man ist in seiner Wahl für eine Impfung nicht frei! Ein Kind von fünf Jahren ist entscheidungsunfähig und ist abhängig von einer korrekten Entscheidung seiner Eltern. Nicht umsonst gibt es die gesetzliche Möglichkeit des Entzugs des Pflegerechtes, falls Eltern in deutlich erkennbarer Weise und dauerhaft schlecht für ihre Kinder entscheiden.

Und nochmals nein, denn in einem funktionierenden Sozialsystem, wie es unsere Gesellschaft sein sollte, gibt es auch deswegen keine freie Entscheidung, weil man für die erwähnten Immungeschädigten mitdenken muss. Da diese nicht geimpft werden können, und die natürliche Maserninfektion für sie hoch gefährlich ist, sind sie geradezu davon abhängig, dass ihr Umfeld die Krankheit nicht bekommt oder überträgt.

Dieser „Herdenschutz“ für andere ist damit eine unmittelbare Verantwortung füreinander, ähnlich wie eine Krankenkasse, in die ich mein Leben lang einbezahle – und glücklich sein darf, wenn ich möglichst wenig von diesem Geld selbst wieder abschöpfen muss.

Zutrauen in die Schulmedizin

Eine Leserbriefschreiberin schreibt in der OP: „Impfschäden werden bagatellisiert oder eben einfach nicht erwähnt“. Wie ist das zu verstehen? Unterstellt man der gesamten Heerschar der impfenden Ärzte, dass sie gesetzeswidrig handeln – oder unterstellt man dem PEI, dass es korrekt abgelieferte Meldungen willentlich verschleiert? Beides sind unerträgliche Unterstellungen! Für mich stellt sich hier die Frage nach dem Vertrauensverhältnis der Autorin zur Schulmedizin.

Würde sie sich beispielsweise bei einer Blinddarmentzündung von einem Chirurgen operieren lassen – oder bevorzugen, an der Seitenkrankheit (siehe „Der Medicus“) zu sterben? Ich würde den Spieß persönlich sogar umdrehen. Eine Person, die ohne Medizinstudium zu medizinischen Fragen schlauer ist, als ich mit Medizinstudium, würde ich nicht behandeln. Sie sollte sich ärztliche Kollegen mit besser passfähigem Wissen suchen.

Moralische Aspekte

Schwer erträglich ist auch die Bemerkung, dass sich die Impfgegner Gedanken um die Seele des Säuglings machen. Darf ich das so verstehen, dass ich als Impfbefürworter mir diese Gedanken nicht mache? Das verbitte ich mir!

Was das Thema Impfen mit einer „ganzheitlichen Betrachtung“ des Menschen – oder einem Fehlen derselben – zu tun hat, erschließt sich mir ebenfalls nicht. Und dass wir zwar den Säugling vor unnötigen Eingriffen schützen wollen – ihn aber dann der Masernerkrankung aussetzen, verstehe ich auch nicht. Ich bitte um Nachhilfe!

Die Impfung macht sicher

Abschließend darf ich noch vermelden, dass meine beiden Kinder geimpft wurden. Sie leiden nicht an Autismus, und sind auch sonst gerade und wohl geraten. Und ich habe das wohlige Gefühl, dass sie bedenkenlos in eine Schule oder in einen Linienbus hineingehen können, sie sind nämlich vor den wesentlichen übertragbaren Krankheiten durch Impfung geschützt – Diphtherie, Tetanus, Hepatitis, eitrige Meningitis, Mumps, Röteln und eben auch Masern.

Ich kann also nicht geimpfte Jugendliche, die diese Zeilen vielleicht lesen, nur auffordern, gegenüber ihren Eltern maximal renitent auf einer Impfung (zumindest gegen die übelsten Erreger) zu beharren. Es geht um ihren höchsteigenen Körper und ihre Gesundheit, nicht um grundsätzliche philosophische Erörterungen ihrer Eltern.

von Professor Michael Lohoff

Hintergrund
Zahl der Masernfälle auf 22 gestiegen

Die Zahl der Masernerkrankungen ist von zuletzt zwölf auf nun 22 gestiegen. Dies teilte das Gesundheitsamt gestern gegenüber der OP mit.

Bei den Infizierten handelt es sich um Schüler der Marburger Waldorfschule
oder um deren Geschwisterkinder. Diese besuchen zum Teil auch andere Einrichtungen als die Waldorfschule. Um welche es sich dabei handelt, gab das Marburger Gesundheitsamt nicht bekannt. „Sie waren aber während der infektiösen Phase, also in der Zeit, in der sie an­steckend waren, zu Hause“, versichert Landkreis-Sprecher Stephan Schienbein.

Das generelle Betretungsverbot, das für die Waldorfschule verhängt wurde, ist mittlerweile wieder aufgehoben.

In Einzel­fällen jedoch gilt es weiterhin für solche Schüler, die Kontakt zu Erkrankten hatten und nicht sicher immun sind. Die Dauer des Betretungsverbots ist in diesen Einzelfällen abhängig vom letzten infektiösen Kontakt.

Der Fall von Masernerkrankungen an der Marburger Waldorfschule hatte in den vergangenen Wochen eine hitzige Debatte um das Thema Masernimpfungen und Impfpflicht ausgelöst.

von Ruth Korte

 
 
 
Linksammlung

Informationen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) finden Sie unter diesem Link.

Den aktuellen Bericht des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) gibt es hier.

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