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Ein Manifest gegen die Selbsttötung

Hospiz Ein Manifest gegen die Selbsttötung

Zu einem machtvollen Bekenntnis gegen aktive Sterbehilfe wurde der Festakt zum 40-jährigen Bestehen des Malteser Ambulanten Hospiz- und Palliativdienstes.

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Bundesminister Hermann Gröhe (hinten von links), Weihbischof Dr. Karlheinz Diez, Malteser-Kreisbeauftragter Hans Gottschlich, Malteser-Präsident Dr. Constantin zu Brandenstein-Zeppelin und Susanne Kränzle vom Hospiz- und Palliativverband (Zweite von rechts) ehren Else Scharf, Mareike Kindel, Karin Ahrens, Professor Dr. Rüdiger Pfab und Irmgard Heß für langjährige ehrenamtliche Arbeit im ambulanten Hospiz- und Palliativdienst.

Quelle: Till Conrad

Marburg. „Die Hospizbewegung ist die Antwort auf die Todesspritze, die nichts anderes ist als Euthanasie“, sagte der Präsident des Malteser Hilfsdienstes, Dr. Constantin von Brandenstein-Zeppelin. Er forderte ein Gesetz gegen die aktive Sterbehilfe - und fand in dieser Forderung einen einflussreichen Fürsprecher, nämlich Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU), der eigens aus seiner Heimatstadt Neuss angereist war, um den Ambulanten Hospiz- und Palliativdienst in Marburg zu ehren.

Gröhe bekannte sich in seinem Festvortrag zu der Forderung, jede Form der Selbsttötung müsse unter Strafe gestellt werden. Das entspreche nicht nur seinem christlichen Glauben, sondern verschaffe auch „der Lebensschutzorientierung in der Rechtsordnung unseres Grundgesetzes“ Geltung.

Voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2015 wird der Deutsche Bundestag darüber entscheiden, wie aktive Sterbehilfe und medizinisch assistierte Selbsttötung strafrechtlich zu bewerten seien. Einen Fraktionszwang werde es nicht geben, auch keine Empfehlung aus dem Gesundheitsministerium. Als Abgeordneter werde er aber für die strafrechtliche Verfolgung jeglicher Form von Selbsttötungshilfe stimmen, versprach der Ehrengast.

Gleichwohl verstehe er die Ängste von Menschen vor der künstlichen Lebensverlängerung durch die Apparatemedizin. „Aber diese Ängste muss keiner haben“, sagte Gröhe und wies auf rechtlich bindende Möglichkeiten wie Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht hin. Der Gesetzgeber habe außerdem die Bedingungen für den Einsatz schmerzlindernder Mittel - etwa durch die Änderung des Betäubungsmittelrechts - verbessert. Fort- und Weiterbildungsmöglichkeiten in der Palliativmedizin seien deutlich verbessert worden.

Das Recht auf ein würdevolles Sterben

Gröhe wies auf die „Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen“ hin, die schon von fast 1000 Organisationen und weit über 10000 Einzelpersonen unterzeichnet wurde. Ihr Kernanliegen: „Jeder Mensch hat ein Recht auf ein Sterben unter würdigen Bedingungen.“ Im Bundesgesundheitsministerium ist im Nachgang zu dieser Charta ein Forum entstanden, das an der konkreten Umsetzung arbeitet. Dabei geht es um die Umsetzung des Rechts an guter, qualifizierter, zugewandter Pflege ebenso wie die Definition der Ziele ärztlichen Handelns - etwa im Zusammenhang mit der Gabe schmerzstillender Mittel, die aber lebenszeitverkürzende Nebenwirkungen haben könnten.

Unverzichtbar sind, so Gröhe, in diesem Zusammenhang die bundesweit etwa 1500 ambulanten Hospizdienste in Deutschland. „Sie sorgen dafür, dass Schwerstkranke und Sterbende in der Mitte unserer Gesellschaft aufgehoben sind“, sagte der Minister.

1974 gründeten der damalige Leiter der Universitäts-Strahlenklinik, Professor Friedhelm Heß, und seine Frau Irmgard Heß eine Laien-Initiative, die sich zur Aufgabe machte, schwerstkranke Tumorpatienten zu betreuen und ihnen ihr Leiden zu erleichtern.

„Damals“, so erzählte Professor Dr. Rüdiger Pfab, der Vorsitzende des Fördervereins ambulanter Hospiz- und Palliativpflegedienste in Marburg, in seinem medizinischen Rückblick, gab es immer weniger Zeit in den Kliniken, sich um Sterbende und Schwerstkranke zu kümmern: „Sie entwickelten sich immer mehr zu Forschungszentren“ - auch in Marburg. Die Initiative des Ehepaares Heß jedenfalls entwickelte sich zu einem Dienst für alle schwerstkranken Menschen - nicht nur für Krebspatienten. 2003 wurde die Initiative in die Hände der Malteser übergeben - „diese Arbeit entspricht dem Menschenbild und der Arbeit der Malteser“, wie von Brandenstein-Zeppelin sagte.

Die Malteser seien mit bundesweit 178 ambulanten Hospiz- und Palliativdiensten führend in Deutschland.

Ob der ambulante Hospizdienst in Marburg tatsächlich der älteste in Deutschland ist, wie Hans Gottschlich, der Kreisbeauftragte der Malteser Marburg, sagte, oder nicht ganz, ist eigentlich nebensächlich. Er begründete jedenfalls in Deutschland eine Tradition mit, die zur Erfolgsgeschichte geworden ist.

Heute arbeiten 100000 Menschen in Deutschland haupt- und ehrenamtlich bei der Betreuung von Schwerstkranken und Sterbenden sowie ihrer Angehörigen mit, wie Susanne Kränzle vom geschäftsführenden Vorstand des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands anmerkte.

Heilige Elisabeth begründet Hospiz-Tradition

Und: Der Hospizdienst knüpft an die Arbeit der heiligen Elisabeth an, die in Marburg die Hospizarbeit begründete. Daran erinnerte Dr. Gottfried Knoblauch zu Hatzbach, der Präsident der Landesärztekammer Hessen. Er erinnerte im Übrigen an die „Maxime ärztlichen Handelns“: Heilen manchmal, lindern oft, trösten immer!“ „Wir Ärzte sind zum Trösten verpflichtet“, sagte Knoblauch zu Hatzbach und gab nicht ohne Stolz bekannt, dass in Hessen schon 327 niedergelassene Fachärzte für Allgemeinmedizin zertifizierte Palliativmediziner seien.

Und das, obwohl es in Hessen keinen einzigen Hochschullehrstuhl für Palliativmedizin gibt, in ganz Deutschland nur sieben. Hier müsse etwas getan werden, sagte Knoblauch zu Hatzbach, um das einzulösen, was Gesundheitsminister Gröhe in seinem Beitrag gefordert hatte: „Ich will, dass in Deutschland Menschen nicht durch die Hand eines Menschen sterben, aber an der Hand eines Anderen.“

von Till Conrad

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