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Ein Mahnmal gegen das Vergessen

Synagoge Ein Mahnmal gegen das Vergessen

Am Sonntag wird der „Garten des Gedenkens“ eingeweiht, der als eine Gedenkstätte für das am 9. November 1938 von den Nationalsozialisten zerstörte jüdische Gotteshaus fungieren soll.

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Der Garten des Gedenkens an der Universitätsstraße nimmt allmählich Konturen. In der Rasenfläche in der Mitte sind die Zettelkästen mit Zitaten von Zeitzeugen eingelassen.

Quelle: Thomas Breme

Marburg. Die letzten Vorarbeiten laufen auf Hochtouren. Der Platz der alten Synagoge in der Universitätsstraße wird in diesen Tagen zu einem „Garten des Gedenkens“ umgebaut. Nach mehreren Jahren der Planung und Baudurchführung einschließlich einer archäologischen Dokumentation ist am früheren Standort der Marburger Synagoge, die 1938 durch Brandstiftung zerstört wurde, eine neue Gedenkstätte entstanden.

In den zurückliegenden Jahren wurde auf dem Grundstück der ehemaligen Synagoge jeweils am 9. November an die Reichspogromnacht erinnert. Anstelle dieser Gedenkfeier findet in diesem Jahr ausnahmsweise eine andere Art des Gedenkens statt. Am kommenden Sonntag, 11. November, ab 16 Uhr, wird nun dieser „Garten des Gedenkens“ eingeweiht.

„Das ist einer der außergewöhnlichsten und wichtigsten Termine in meiner Amtszeit“, ist sich Oberbürgermeister Egon Vaupel der Bedeutung der Einweihung des Gedenkortes bewusst. Damit werde ein Prozess zum Abschluss gebracht, der mit der Rückgabe des Grundstücks an die Jüdische Gemeinde mehr als 50 Jahre nach der Zerstörung der Synagoge und der Enteignung durch die Nationalsozialisten begonnen habe. „Jetzt wird ein Mahnmal gegen das Vergessen des Holocaust geschaffen. Es soll daran erinnern, dass so etwas nie wieder passiert“, sagte Vaupel.

„Das ist ein besonderer Anlass. Nach Jahren des Nachforschens und der Vorbereitung wird nun dieser Platz eingeweiht, der eine würdigere Art des Gedenkens ermöglichen soll“, sagte Dr. Monika Bunk, die stellvertretende Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, auf Anfrage der OP.

An den Vorplatz schließt eine Grünfläche an. Der öffentliche Garten wird noch mit Rosen bepflanzt. Dahinter steckt eine besondere Überlegung: Im antiken Jerusalem waren die Rosen die einzigen Blumen, die innerhalb der Stadtmauern gepflanzt werden durften.

Das Zentrum der neuen Gedenkstätte bildet ein skulpturaler Rahmen aus weißem Beton, der eine Rasenfläche und einen Baum umschließt. Nach außen ist die Skulptur als Parallelogramm gestaltet. Nach innen formt der Rahmen ein Quadrat aus, das den ehemaligen Versammlungsraum der Synagoge genau nachzeichnet.

Über eine schmale Treppe werden die Besucher der Gedenkstätte auf das Podest geleitet und stoßen auf eine Glasplatte im Boden, die einen Blick nach unten ermöglicht. Man erkennt, dass sich im Untergrund noch Relikte der Synagoge verbergen: Die Öffnung liegt direkt über der gut erhaltenen Mikwe, die vor einigen Jahren ausgegraben wurde.

In den Rasen eingelassen sind zehn Zettelkästen. Darin befinden sich Zettel mit Zitaten, die die beiden Künstler Oliver Gather und Christian Ahlborn bei Interviews mit jüdischen Zeitzeugen in Israel gesammelt haben.

„Es ist schwer, zu vergessen. Leute haben schreckliche Sachen mitgemacht, und manche haben das Glück, dass es wie ausgewischt ist“, sagte einer der Befragten.

„Warum habe ich nie schwimmen gelernt? Juden machen ein Bad schmutzig. Ich hätte so gerne schwimmen gelernt! Meine Enkelkinder - sie leben in Haifa - gehen ins Meer. Ich kann nur am Ufer ein bisschen mit den Füßen rein, aber nicht zu tief“, so lautet das Zitat in einem anderen Zettelkasten. Auch Erinnerungen an den Brand der Synagoge und die Pracht des ehemaligen jüdischen Gotteshaus sind auf weiteren Zitat-Zetteln nachzulesen. Eine der Befragten war Ilse Feibel, die abwechselnd in Israel und Frankfurt lebt. Sie wird am Sonntag als ein Ehrengast für die Einweihung der Gedenkstätte erwartet. Sie wurde 1917 in Marburg geboren und kann sich noch gut an das Gebäude der Synagoge erinnern. „Dieser Ort berührt mich, wenn ich hinkomme. Ich hab den Stein dort gesehen. Und ich habe gesehen, dass jetzt was gebaut wird da, so im Untergrund. Es berührt mich und Erinnerungen sind in mir wach“, erzählte sie in einem Interview für das Zettel-Projekt.

von Manfred Hitzeroth

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