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Ein Lückenschluss im Wassernetz

Wasserfernleitung Ein Lückenschluss im Wassernetz

Das Regierungspräsidium Gießen hat grünes Licht gegeben für den Bau einer Wasserfernleitung. Durch die 13-Millionen-Euro-Investition schaffen zwei Wasserversorger ein lückenloses Netz von Neustadt bis Viernheim.

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Leitungswasser aus Brunnen im Marburger Raum können sich die Verbraucher ab Ende 2016 / Anfang 2017 wohl auch in Frankfurt schmecken lassen.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Die neue Wasserleitung wird fast 13 Kilometer lang. Die Rohre der Pipeline werden einen Durchmesser von gut einem halben Meter haben. Ab Ende 2016 / Anfang 2017 soll Wasser über die Leitung vom Osten der Stadt Gießen über die Kommunen Pohlheim und Fernwald bis in den Süden des Stadtgebiets Lich fließen. Auch Wasser aus den Brunnen im Wohratal und Stadtallendorf – heimisches Wasser, das der Zweckverband Mittelhessischer Wasserwerke (ZMW) an seinen Projektpartner, die Oberhessischen Versorgungsbetriebe AG (OVAG) verkaufen will – und das die OVAG wiederum ins Rhein-Main-Gebiet weiterverkaufen will.

Für die Projektpartner ein Vorhaben, bei dem es um Wirtschaftlichkeit, Preisstabilität und Versorgungssicherheit innerhalb eines großen Gebiets geht, wie ZMW-Geschäftsführer Wolfgang Kummer gegenüber der OP ausführt. Für heimische Umweltschützer „reine Geschäftemacherei, die zu Lasten der Natur geht“, wie Dr. Anne Archinal von der Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“ erklärt.

„Auch damals keine Umweltbeeinträchtigungen“

„Das neue Leitungsstück eröffnet die Möglichkeit, die Wasserförderung so zu gestalten, dass sie durch den Verbund insgesamt deutlich stärker umwelt- und ressourcenorientiert organisiert werden kann“, sagt Kummer und führt aus: „Das heißt, es wird im Verbund dort gefördert, wo die Grundwasserstände am höchsten sind.“

Doch was bedeutet dies für Marburg-Biedenkopf und den benachbarten Vogelsberg?  Wie viel Wasser von hier müssen ZMW und OVAG über die neue Leitung transportieren und in welchem Zeitraum, damit sich die Investition in den Fernleitungsbau lohnt? „Da die Förderung aus Wohratal und Stadtallendorf Bestandteil eines Gesamtkonzeptes ist, kann diese Frage gar nicht exakt beantwortet werden“, sagt Kummer und erklärt, dass die Versorgungsbetriebe mit rund zwei bis zweieinhalb  Millionen Kubikmetern jährlich kalkulieren. Diese Menge sei nötig, um das Projekt mit einem „Nullergebnis“ abzuschließen, „dann ist die Leitung nach etwa 40 Jahren abgeschrieben“. Kummer betont, dass die Wasserabgabe seit Mitte der 1990er Jahre um rund 20 Prozent gesunken sei und belegt dies mit Zahlen – Wasserabgabe 1977: 20,05 Millionen Kubikmeter; 2013: 16,55 Millionen Kubikmeter.

„Mit der Abgabe an andere Versorger außerhalb des Verbandsgebietes wird eine Förderung erreicht, wie sie schon über Jahrzehnte hinweg betrieben wurde“, sagt der Geschäftsführer und vertritt die Ansicht, dass „auch damals keinerlei Umweltbeeinträchtigungen entstanden sind“. Er erklärt, dass „im wesentlichen Fördergebiet wegen der Lehmdeckschicht zwischen Grund- und Oberflächenwasser keine physikalische Verbindung besteht, so dass die Förderung auch keine Auswirkung auf die Oberflächengewässer auslösen kann“. Trotzdem, so sagt Kummer zu, werde der ZMW ein engmaschiges Monitoringnetz installieren.

Weiterverkauf als Preisentlastungs-Argument

Ausgangspunkt für die Pläne zum Weiterverkauf des Wassers sind aus ZMW-Sicht die Bewohner-Verluste des  mittelhessischen Raums – und die demographischen Gewinne der Rhein-Main-Region. „Allein  Frankfurt hat zurzeit einen jährlichen Zuwachs an Bevölkerung von rund 15 000 Menschen zu verzeichnen, die zu einem erheblichen Teil aus dem mittelhessischen Raum zugewandert sind“, sagt Kummer. Von daher folge die Wasserversorgung der abwandernden Bevölkerung nach.
Der Weiterverkauf von Wasser – für den ZMW ist dies ein Weg, um weitere Verbraucher zu gewinnen und einem Preissteigerungseffekt entgegenzuwirken. „Weiterverkaufte Mengen wirken tendenziell preisentlastend“, sagt Kummer. Ohne diesen Effekt würde sich die Situation wohl so entwickeln wie auf der Abwasserseite, die sich keinen weiteren Kostenträger suchen kann, führt der Geschäftsführer aus: „Mit der Konsequenz, dass die Abwassergebühren in großen Teilen Mittelhessens gegen  fünf Euro pro Kubikmeter tendieren.“

Naturschützer sind kritisch

Bei der Aktionsgemeinschaft „Rettet den Burgwald“ und der Schutzgemeinschaft Vogelsberg, deren Mitglieder sensible Gebiete wie etwa die Auen im Wohratal von der Austrocknung bedroht sehen, kommt man zu dem Ergebnis, dass „dauerhafte Wasserlieferung aus Oberhessen in den Ballungsraum Rhein-Main kein Mensch braucht“. So formuliert es Cécile Hahn, Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Vogelsberg. Und Dr. Anne Archinal von der heimischen AG „Rettet den Burgwald“ betont, dass „der Bedarf extra so gerechnet wurde, dass die Leitung gebaut werden kann, weil viele damit Geld verdienen“.

Archinal verweist auf eine Studie der Arbeitsgemeinschaft Wasserversorgung Rhein-Main, die zusammen mit dem Regierungspräsidium Gießen und dem hessischen Umweltministerium vor einigen Jahren erstellt worden sei. „Weder das Wassersparpotenzial noch die Brauchwassernutzung sind da in die Bedarfsrechnungen eingeflossen“, sagt Archinal und führt an, dass es in Südhessen beispielsweise in Groß-Gerau und in Dossenheim Brunnen gebe, deren Kapazitäten nicht ausgeschöpft würden. Mit Verweis auf den schlechten Zustand von Grundwasserkörpern „besonders im Frankfurter Raum“ rät Umweltschützerin Archinal: „Besser die Grundwasserkörper dort sanieren als Wasser von uns zu importieren.“

Naturschützerin rät: Brunnen in Südhessen besser nutzen

Durch Kooperation mit Landwirten, die sich verpflichten könnten, weniger Dünger auszubringen, könne dies erreicht werden. Gegenüber dem ZMW schlägt sie vor, den Wasserpreis zu reduzieren „statt 13 Millionen Euro für den Fernleitungsbau auszugeben und lieber zwei Brunnen im ZMW-Gebiet stillzulegen, um sich dem gesunkenen Wasserbedarf anzupassen“. Naturschützerin Cécile Hahn beurteilt die Situation ähnlich. „Die neue Fernwasserleitung soll das dauerhafte Stilllegen von Frankfurter Brunnen befördern, die zurzeit angeblich unwirtschaftlich betrieben werden. Ein solches Verlagern von ungeliebten Wasserschutzgebieten, ökologischen Risiken und damit verbundenen Kosten in den ländlichen Raum erinnert an das Frankfurter Wasser-Raubrittertum der 80iger Jahre – und ist nach dem Wasserhaushaltsgesetz unzulässig.“
Die ortsnahe Versorgung habe grundsätzlich Vorrang vor einem Fernwasserbezug, sagt Hahn. „Damit liegt der Schwarze Peter nicht nur bei den Leitungsbauern und beim RP Gießen, sondern auch bei denjenigen im Ballungsraum und in der Landesregierung, für die billiges Wasser wichtiger ist als die Übernahme von Verantwortung für die Frankfurter Wasserwerke.“

Noch können Bürger ihre Bedenken äußern

Die Umweltschützer vertreten ihre Argumente – und auf Behördenseite nimmt die Sache ihren Gang. Bei der Übergabe des Planfeststellungsbeschlusses für den Fernleitungsbau Anfang Februar gab es von Regierungspräsident Dr. Lars Witteck Lob für die Vorgehensweise der Antragsteller: „Sie hätten Ihr Vorhaben auch durch ein einfaches Plangenehmigungsverfahren ohne Umweltverträglichkeitsprüfung durchsetzen können, haben sich aber für ein aufwendigeres Verfahren mit Beteiligung der Öffentlichkeit entschieden.“ Witteck betonte, dass es für die Akzeptanz derart großräumiger Verfahren wichtig sei, die Konzeptionen offen und transparent darzustellen und den Betroffenen die Möglichkeit der Beteiligung zu geben.
Noch bis zum 2. März wird der Planfeststellungsbeschluss in den betroffenen Kommunen öffentlich ausgelegt. Bedenkenträger in den von dem Fernleitungsbau betroffenen Kommunen können ihre Einwände und Bedenken innerhalb dieser Frist geltend machen.

von Carina Becker

Hintergrund
Nach vorläufigem Wasserrecht für die Brunnen im Wohratal, das das RP Gießen dem ZMW als Betreiber im Dezember 2014 erteilt hat, dürfen jährlich 7,8 Millionen Kubikmeter Grundwasser gefördert werden. Dass es keine größere Menge geworden war, verbuchten Umweltschützer damals als Erfolg für sich. Beantragt hatte der ZMW 9,8 Millionen Kubikmeter als jährlich zulässige Höchstfördermenge. Um dies genehmigen zu können, forderten die Fachleute im Dezernat Grundwasserschutz und Wasserversorgung noch Angaben des Antragstellers nach. Vor allem ging es darum, das hydrogeologische und landschaftsökologische Monitoringkonzept in Abstimmung mit dem RP zu konkretisieren. Dies passiert derzeit. Bis Dezember 2014 galt für die Brunnen im Wohratal und im Stadtallendorfer Raum ein Wasserrecht, das vor 50 Jahren erteilt wurde. Eine Entnahme von bis zu elf Millionen Kubikmeter pro Jahr war danach erlaubt. Für einen Zeitraum von 30 Jahren will das RP das  neue Wasserrecht für die Brunnen im Wohratal aussprechen. Nach der vorläufigen Genehmigung plant das RP, das endgültige Wasserrecht im Sommer 2015 zu erteilen, wie RP-Sprecherin Gabriele Fischer gestern mitteilte.
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