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Ein Lockstoff namens Geld und die Zielgruppe Kind

Lobby Control Ein Lockstoff namens Geld und die Zielgruppe Kind

Nehmen Unternehmen und Verbände Einfluss auf den in Schulen vermittelten Unterrichtsstoff? Und wenn ja - wie? Darüber sprach Felix Kamella von der Organisation Lobby Control in Marburg.

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Felix Kamella von Lobby Control sprach in Marburg über „Lobbyismus an Schulen“.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Etwa 60 Besucher kamen auf Einladung der Gewerkschaft GEW, von Attac, dem Verein Strömungen, dem Weltladen und dem Buchladen Roter Stern ins Marburger TTZ. Die meisten waren aktive und ehemalige Lehrer sowie Lehramtsstudenten, doch auch einige Schüler waren am Thema „Lobbyismus“ offensichtlich interessiert.

Doch die Skandalwirkung des Nachmittags war überschaubar. Das meiste von dem, was den Schulen von außen angeboten wird, ist nicht verboten. Es braucht nichtsdestotrotz wachsame Schulleitungen, Lehrer, Schüler und Eltern, die erkennen, wo Grenzen überschritten werden und die Werbewirkung nicht mehr „hinter dem schulischen Nutzen zurück tritt“, wie es recht unverbindlich in vielen Schulgesetzen formuliert ist. Und genau dafür, so die Forderung von Lobby Control, braucht es den Willen der Politik, den Einfluss auf Schulen zunächst mal als Problem wahrnehmen zu wollen und ihm dann einen Riegel vorzuschieben. Bisher werde in den Kultusministerien der Länder oft noch bestritten, dass es überhaupt ein Problem mit Lobbyismus an Schulen gibt, so Kamella.

Agenturen spezialisieren sich

Dass es sich jedoch keineswegs um Hirngespinste handelt, zeige sich daran, dass es Agenturen gebe, die die Einflussnahme auf Kinder und Jugendliche zu ihren Spezialitäten zählen und die damit werben, Marken oder Produkte gezielt an Kinder heranzuführen. Häufig werde auch mit vertrauenerweckenden Partnern geworben, etwa Unesco oder wissenschaftliche Institutionen. Es lohne sich, genau darauf zu achten, was diese Siegel wert sind.

Die Hauptziele von Lobbyarbeit sieht Kamella in dem Versuch, Inhalte über bewusst einseitig gestaltete Darstellungen zu vermitteln, mit dieser Bildungsarbeit den Ruf und das Image des Unternehmens oder der Branche zu verbessern und Kontakte zu den Entscheidungsträgern vor Ort, zum Beispiel zum Bürgermeister, aufzubauen. Die Firma Amazon habe dies mit ihrem Lesewettbewerb beispielgebend umgesetzt. Als Preise gab es für die Schüler natürlich Kindle-E-Book-Lesegeräte und Gutscheine für den eigenen E-Book-Shop. Doch diese Art von Kundenbindung war nach Ansicht Kamellas nur ein Nebeneffekt.

Image- und Kontaktpflege im Vordergrund

Da die Wettbewerbe gezielt dort stattfanden, wo das wegen seiner Arbeitsbedingungen durchaus umstrittene Unternehmen große Logistikzentren unterhält, stand für Amazon das weitergehende Ziel im Vordergrund: über den Wettbewerb und die Preisverleihung in Anwesenheit des Bürgermeisters Image- und Kontaktpflege zu betreiben. Ähnliches Vorgehen bescheinigt der Lobby-Control-Mitarbeiter dem Wirtschaftsverband Erdöl- und Erdgasgewinnung (WEG), der zum Beispiel ein Gymnasium in Niedersachsen jährlich mit mehreren tausend Euro sponsert. Der Ort liegt mitten in einem Gebiet, in dem Gas mit der umstrittenen Fracking-Methode gefördert werden soll. Mit Geld wird dabei ganz gezielt gelockt, da Schulen finanziell selten üppig ausgestattet sind.

Die Deutsche Vermögensberatung (DVAG) werbe in Unterrichtsmaterialien für „die spannende Tätigkeit“ als Vermögensberater. Das Fischinformationszentrum (FIZ), ein Verband der Fischindustrie, führt Kinder mit seiner „School of fish“ an die Produkte seiner Mitglieder heran, sodass diese wissen, was sie später kaufen sollen.

Die Firma Intersnack (unter anderem Funny-frisch-Chips) bot in Zusammenarbeit mit der Sporthochschule Köln ein Fußballfitnesstraining für Schüler an. Für Kamella steht dahinter die klare Botschaft: Übergewicht ist nur ein Problem fehlender Bewegung. Dass auch falsche Ernährung, etwa über fetthaltige Snacks oder Süßwaren, eine wichtige Rolle spielen, gehe dabei unter.

von Michael Agricola

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