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Ein Loblied auf deutschen Erfindergeist

CDU-Neujahrsempfang Ein Loblied auf deutschen Erfindergeist

„Den Blick auf die wesentlichen Themen lenken“ - das empfahl Frank Gotthardt, Kreisvorsitzender der CDU, beim Neujahrsempfang von Stadt- und Kreisverband seiner Partei den gut 300 Gästen im Marburger Cineplex-Kino.

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Landrat Robert Fischbach (von links), CDU-Ehrenkreisvorsitzender Friedrich Bohl und der Kreisvorsitzende Frank Gotthardt im Gespräch mit Bundesumweltminister Peter Altmaier.Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg.. Marburg. Zur Erklärung griff Gotthardt tagesaktuelle Themen auf. Sicher sei es nicht gut, wenn Pferdefleisch als Rindfleisch deklariert in Tiefkühlprodukten auftauche, so Gotthardt. Es sei auch schlimm, dass in Russland am Freitag viele Menschen durch einen Meteoriten verletzt wurden. Und bisweilen sei in den Medien auch von Streit oder gar Zerreißproben in Volksparteien die Rede.

Doch sei zu unterscheiden: durch das Pferdefleisch „ist ja noch niemand krank geworden“ und die Gefahr von auf die Erde stürzenden Meteoriten werde man nie völlig ausschließen oder abwenden können, so Gotthardt. Und: Wenn beim Fußball ein Spieler eine Gelbe Karte gezeigt bekomme, werde deswegen „auch nicht gleich die Bundesliga in Frage gestellt“. Soll heißen: Dass es in einer Partei mal Streit gebe, könne durchaus passieren. „Wir sind uns einig, dass es dabei fair bleiben muss.“ Aber solch ein Streit sei auch nicht das Ende der Politik, stellte Gotthardt fest, ohne damit zuletzt öffentlich gewordene interne Querelen im Kreisverband der CDU (die OP berichtete) direkt anzusprechen.

„Den Blick auf das Wesentliche lenken“ - Gotthardts Einleitung zielte eigentlich natürlich in erster Linie auf das Thema „Energiewende“ hin, für das seit gut neun Monaten der prominente Gastredner Peter Altmaier als Bundesumweltminister Mitverantwortung trägt.

Dem Parteifreund bescheinigte Gotthardt „nicht nur inhaltlich, sondern auch stilistisch“ gute Arbeit. Und dem so Gelobten gelang es in einer einstündigen Rede, frei und ganz ohne Manuskript, in einfachen Worten das zu skizzieren, was die schwarz-gelbe Bundesregierung unter der Herausforderung Energiewende versteht. Am Ende brachte es der 54-Jährige auf eine klare Aussage und fand dafür großen Beifall im Kinosaal. Die Energiewende könne nur gelingen, wenn sie nicht auf Kosten des Wohlstandes gehe, stellte Altmaier fest: „Die Energiewende wird erst ein Erfolg, wenn wir zugleich unser Wohlstandsniveau halten können und unsere Wirtschaft leistungsfähig bleibt.“ Es müsse heißen: „Wohlstand und Umweltschutz“, nicht „Wohlstand oder Umweltschutz“.

Dies zu erreichen, habe für uns sowohl ein egoistische als auch eine teils eigennützige, teils „selbstlose“ (altruistische) Komponente. Als traditionell rohstoffarmes Land müsse Deutschland künftig daran interessiert sein, möglichst viel Energie selbst produzieren zu können. Denn der Energiehunger der rasant ansteigenden Weltbevölkerung werde immer stärker zu einem Wettlauf um Rohstoffe wie Erdöl und Gas, mit weiter steigenden Weltmarktpreisen. Deshalb sei alles sinnvoll, was bei uns die Abhängigkeit von Energieimporten verringert.

Das zweite sei, mit dem eigenen Beispiel auch anderen Ländern den Weg zu zeigen und davon zu profitieren. Die Weltbevölkerung wachse nicht in den ärmsten Ländern am schnellsten, sondern vor allem im aufstrebenden Asien. Auch dort wollten junge Menschen künftig einen mit uns vergleichbaren Wohlstand erreichen: von der Wohnung über Kühlschrank und Fernseher bis zum Auto und Urlaub in anderen Ländern. Hier liege eine Chance für Deutschland, für Forscher und die Wirtschaft. Wenn Deutschland zeige, dass es funktioniert, würden andere Länder nachziehen. Denn auch in China sei man sich bewusst, welche Probleme es mit sich bringe, wenn man wie dort jede Woche ein neues großes Kohlekraftwerk ans Netz bringen müsse, um den steigenden Energiehunger zu befriedigen.

Um dahin zu kommen, sei es unerlässlich, die Infrastruktur nach den Notwendigkeiten umzubauen und den Ausbau nicht dem Zufall zu überlassen, etwa durch das parallele Planen von 16 Bundesländern. „Wir brauchen keinen Masterplan“, wie es in 30 Jahren aussehen soll, sagte Altmaier, „aber wir brauchen klare Rahmenbedingungen, auf die man sich verlassen kann“.

Altmaier erinnerte an die lange Zeit, in der der Streit über die Sicherheit der Atomkraft die Gesellschaft gespalten habe. Nach Fukushima habe Deutschland mit dem beschlossenen Atomausstieg dies überwunden. Er wisse, dass das in der CDU für viele schwierig sei, die die ganze Zeit über etwas anderes vertreten haben. Das sei nicht falsch gewesen, meinte Altmaier, aber es könne heute das richtige sein, diese Spaltung zu beenden und sich den neuen Herausforderungen zu stellen.

Die Angst, dass es durch den Verzicht auf Atomstrom Engpässe geben könnte, sei jedoch unbegründet. Es sei auch ein Märchen, dass wir im Winter billigen Atomstrom aus Frankreich importierten, wie es selbst die Franzosen glaubten. Im Gegenteil: In der Bilanz liefere Deutschland mehr Strom aus Erneuerbaren Energien nach Frankreich als von dort importiert werde.

Allein die derzeit in Deutschland installierten Fotovoltaikanlagen mit einer Leistung von 31000 Megawatt produzierten an einem wolkenlosen Sonnentag so viel Strom wie 20 Kernkraftwerke. Aber eben nicht gleichmäßig. Und darin besteht die Herausforderung: Strommengen aus Solaranlagen, deren Höchstleistung zwischen 11 und 16 Uhr liegt, oder die unterschiedlich anfallenden Windstrommengen in den Netzen richtig zu integrieren und zu verwerten.

Diese Fragestellung bietet aus Altmaiers Sicht große Chancen für die deutsche Forschung und die Wirtschaft. Es sei neben dem Alltagsgeschäft immer auch wichtig, sich mit der Frage zu beschäftigen, wie die Welt in 20 oder 30 Jahren aussehen könnte. Deutschland habe da im vergangenen Jahrhundert nicht immer eine gute Figur gemacht, erinnerte Altmaier an die Veränderungen in der Unterhaltungselektronik, wo deutsche Unternehmen wie Grundig aus einer starken Position heraus die Trends verschlafen hätten, wovon vor allem japanische Firmen bis heute profitierten. Ähnlich sei es in der Computertechnik gewesen.

Was die erneuerbaren Energien angeht, sei Deutschland in einer besseren Position, die gleichwohl nicht verschenkt werden dürfe. Das Hauptaugenmerk müsse neben dem Umbau der bestehenden Stromnetze auf der Speicherung von Strom liegen, worüber in den vergangenen zehn Jahren zu wenig geredet worden sei, wie Altmaier meint. Am günstigsten wäre es, wenn man den Strom „wie Pflaumen dörren oder einwecken“ könnte, um ihn in stromschwächeren Wintermonaten zu nutzen. Vielversprechende Ideen gebe es, die Umsetzung müsse gefördert werden.

Sein Ministerium habe deshalb 200 Millionen Euro für Forschungen auf diesem Gebiet bereitgestellt. Und Altmaier setzt große Hoffnung auf die Erfindungskraft der deutschen Forscher, Ingenieure und Handwerker, die heute schon an Lösungen für die Probleme tüftelten, etwa um Energie kurz- oder langfristig zu speichern - sei es in Hausspeichern oder durch die Umwandlung in Wasserstoff oder Methangas. Letzteres koste heute noch dreimal so viel wie importiertes Gas. Doch er sei zuversichtlich, dass die Entwicklung positiv sein wird. Schließlich habe man am Beispiel des Handys gesehen, welches kleine Wunderwerk innerhalb weniger Jahre aus einer Erfindung geworden sei, die doch anfangs „groß war wie ein Brikett, schwer wie ein Brikett und dumm wie ein Brikett.“

von Michael Agricola

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