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Ein Leben in der großen Stille

30 Jahre nach Tschernobyl-Katastrophe Ein Leben in der großen Stille

„Sie können diesem Land nicht helfen“, sagt der Musiker und Fotograf Alexander Kaschte. Sechs Mal hat er die Region um den Unglücksreaktor Tschernobyl besucht. Seine Desillusion ist groß.

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Rückkehrerin Maria vor dem Acker hinter ihrem Haus, den sie alleine bestellt - ihr Sohn kam beim Einsatz am Reaktor ums Leben.

Quelle: Alexander Kaschte

Marburg. Als am 26. April 1986 gegen 1:24 Uhr Teile von Block vier des Kernkraftwerks Tschernobyl explodierten und die bis dahin größte zivile Atom-Katastrophe auslösten, entstand das Sinnbild für die unkontrollierbare Nutzung der Kernenergie. Der Super-GAU - in der Ukraine spricht man bis heute von einer Havarie - stärkte vor allem die westdeutsche Anti-Atom-Bewegung. Literarisch etwa von Gudrun Pausewang - „Die Wolke“ - aufgearbeitet, sozialisierte die Katastrophe eine ganze Schüler-Generation. Zu ihr gehörte auch Alexander Kaschte, der 28 Jahre nach dem Unglück zum ersten Mal in die Ukraine reiste.

Der Marburger Fotograf Alexander Kaschte war bereits sechsmal in Tschenobyl und hat dort fotografiert und mit den "Rückkehrern" gesprochen.

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Sein tradiertes Bild von Tschernobyl erhielt schon bei dieser Reise starke Risse; fünf weitere Reisen in die Unglücksregion später hat es sich fast komplett aufgelöst und einem anderen Platz gemacht. Tausende Bilder hat der Musiker in der Ukraine gemacht, sich mit vielen Menschen unterhalten und erzählt heute ganz andere Geschichten von Tschernobyl.

Etwa die der Rückkehrer. Als - für tausende Menschen viel zu spät - die Region um den explodierten Atomreaktor evakuiert wurde, verloren Zehntausende ihre Heimat. Bei der Umsiedlung zeigte der Staat sich großzügig, den Familien wurden neue Wohnungen, beispielsweise in Kiew, geschenkt. Für die Bauern, die ihre Dörfer verlassen mussten, bot die Millionenstadt aber keine Alternative. So erhielten die Familien mitunter eine zweite Wohnung geschenkt - in die sie aber auch nicht umziehen wollten. Jetzt wohnen die Kinder in diesen Wohnungen, nicht wenige der Dorfbewohner aber kehrten schon früh in ihre alten Dörfer zurück.

„Wir haben alles gegessen und leben immer noch“

„Es sind Bauern, für die Heimat und Erde noch sehr viel mehr bedeuten, als wir uns das hier vorstellen können“, erklärt Alexander Kaschte. „Und es sind sture Dickköpfe“, fügt er hinzu, die sich auch von der Polizei nicht davon abhalten ließen, in ihre Häuser zurückzukehren, mit denen große Teile der Familien­geschichte verbunden sind. „Der Reaktor ist am 26. April explodiert, wir wurden erst am 3. Mai evakuiert und sind trotzdem nicht tot. Wir haben alles aus dem Gemüsegarten gegessen und leben noch. Also: Ich bleibe hier und verlasse mein Haus nicht, Sie können mich gerne erschießen“, erklärte etwa Maria Adamowna einem Polizisten, als sie wieder einmal umgesiedelt werden sollte.

Viele der Rückkehrer sind inzwischen über 80, nicht wenige haben vermutlich Krebs, aber die meisten bewirtschaften nach wie vor ihre Felder. Das Leben in der verbotenen Zone ist auch deshalb möglich, weil sich inzwischen eine Infrastruktur entwickelt hat, einmal pro Woche ein Verkaufsbus durch die Dörfer fährt und Lebensmittel und andere Produkte für den Alltag liefert. Die ärztliche Versorgung ist ebenso geregelt wie die Besuchsmöglichkeit - jeder Bewohner kann zehn Personen angeben, deren Namen auf einer Liste an den Checkpoints stehen.

Die Strahlenbelastung innerhalb der verbotenen Zone ist sehr unterschiedlich. Während es Gebiete gibt, in denen ein Aufenthalt auch heute noch gefährlich ist, wurden andere Bereiche fast gar nicht kontaminiert, weil der Wind die radioaktive Wolke in nordöstliche Richtung schob.

Zu Tschernobyl gehört auch die Geschichte der Liquidatoren. So werden die Menschen bezeichnet, die etwa als Mitglieder der Feuerwehr oder aber als Arbeiter des Kernkraftwerks eingeteilt wurden, um die besonders stark belasteten Bereiche zu entgiften. Bis Ende 1987 wurden etwa 200.000 Liquidatoren eingesetzt, registriert wurden insgesamt rund 400.000, und nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurden bis zu 800.000 Menschen für die Aufräumarbeiten eingesetzt.

Insbesondere diejenigen, die in den ersten Tagen im Einsatz waren, wurden einer zum Teil sehr hohen Strahlendosis ausgesetzt. Die WHO geht von rund 4000 Todesopfern aus, die direkt auf das Reaktorunglück zurückzuführen sind. Die Überlebenden leiden zum Teil auch darunter, dass sie zu den Überlebenden zählen - und deuten etwa den glücklichen Umstand, erst spät eingesetzt worden zu sein, in rechtfertigender Weise um.

Viele der Liquidatoren, mit denen Alexander Kaschte sich unterhalten hat, sind indes stark traumatisiert und krank, wie Elena, die als 14-Jährige beim morgendlichen Crosslauf die Warnungen eines Mannes ignorierte und zum Eingangstor des Kernkraftwerks lief, um nachzusehen, was dort passiert war. Heute hat Elena Krebs.

Tschernobyl ist untrennbar auch mit dem Schicksal der Kinder verbunden. „Jede zweite Rentnerin hat ein Hilfsprojekt für die Tschernobyl-Kinder“, erklärt Alexander Kaschte und fügt hinzu: „und jede zweite davon meint es ehrlich, die anderen kassieren die Hilfsgelder.“

Hilfe gibt es auch aus Deutschland. 16 Kinder kommen jährlich für zwei Wochen nach Hamburg, wo sie ärztliche Hilfe erhalten. „Das kostet 25.000 bis 30.000 Euro, mit dem Geld könnte man auch 2000 Kinder in den Karpaten unterbringen“, sagt Kaschte. Die Möglichkeiten in der Ukraine, wo man für 20 Euro eine Woche Urlaub machen kann, wären ganz andere.

Wären - denn zu den Geschichten, die Alexander Kaschte zu erzählen hat, gehört auch die einer allgegenwärtigen Korruption. Mit Beziehungen und etwas Kleingeld geht in der Ukraine praktisch alles, ohne nicht ganz so viel. Unter den Tschernobyl-Kindern sind längst auch solche, die niemals auch nur in der Nähe des Unglücksreaktors waren. Mit den passenden Beziehungen aber kommt man auf jede Liste, was auch eine Erklärung für die unterschiedliche Anzahl der Liquidatoren ist.

Dank der Flasche Wodka in die verbotene Zone

Und wer ohne eine Besuchserlaubnis in die verbotene Zone fahren möchte, verschafft sich am Schlagbaum mit einer Flasche Wodka das Recht dazu. „Jede meiner Reisen in die Ukraine war von Korruption gekennzeichnet“, sagt Alexander Kaschte. Wer sichergehen wolle, dass seine Hilfe ankomme, müsse jeden kontrollieren, der damit etwas zu tun habe. Was in der Praxis kaum zu leisten ist, weshalb der Marburger überzeugt ist, „dass diesem Land nicht zu helfen ist“.

Aber es fasziniert ihn, im Besonderen die Region um Tschernobyl. Dort, wo Menschen in einer verbotenen Zone leben, in der man nur die Vögel hört. Die Stille einer Region, um die es nach 30 Jahren still geworden ist.

von Frank Rademacher

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