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Ein Leben für die Natur und Menschen

Bundesverdienstkreuz für Dr. Wiltraud Ackermann Ein Leben für die Natur und Menschen

Hessens Finanzminister Dr. Thomas Schäfer (CDU) überreicht heute im Rathaus der Kinderärztin und Naturschützerin das Verdienstkreuz am Bande - als Dank für ihr ehrenamtliches Engagement.

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Dr. Wiltraud Ackermann serviert dem OP-Journalisten in ihrem Büro am Krummbogen selbst gekelterten Apfelsaft von Früchten aus dem Heiligen Grund. Die Naturschützerin erhält für ihr Engagement das Bundesverdienstkreuz.

Quelle: Yannic Bakhtari

Marburg. Dass sie das Bundesverdienstkreuz bekommen soll, erfuhr Dr. Wiltraud Ackermann vor etwa einem Monat durch einen Brief des hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier (CDU). Weshalb sie die Auszeichnung erhält, stand nicht im Brief. „Vermutlich wegen meines Ehrenamts“, sagt die 80-Jährige gelassen.

Trotz der augenscheinlichen Unordnung im BUND-Büro am Krummbogen macht Ackermann einen organisierten Eindruck. Sie wirkt voller Lebensfreude, als sie von sich erzählt. Ackermann ist am 23. April 1936 in Crailsheim nahe Schwäbisch Hall geboren worden, wuchs aber von 1947 an in Tübingen auf. „Ich ging dort zur Schule, habe mein Abitur gemacht.“ Danach ging es ein halbes Jahr nach England, bevor sie, zurück in der Heimat, ihr Medizinstudium aufnahm.

Im Jahre 1962 heiratete sie Dr. Hans Ackermann, der von 1979 bis 2000 als Professor für Physik an der Philipps-Universität tätig war.

Mit Umzug nach Marburg begann Arbeit für BUND

Bevor die beiden nach Marburg zogen, wohnten sie seit 1966 erst noch in Heidelberg. Dort kamen ihre beiden ersten Söhne zur Welt. Zwischenzeitlich lebte die junge Familie 1973 und 1974 im Ausland, in Grenoble in Frankreich. Mit dem Umzug nach Marburg begann auch gleich das Engagement beim BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland), der erst drei Jahre zuvor gegründet worden war. Warum sie ausgerechnet zum BUND ging? „Er ist parteipolitisch ungebunden, das finde ich gut“, offenbart die Naturschützerin.

Seit 1988 ist sie im Vorstand, erst im Ortsverband, dann lange auf Kreisebene. Bis heute kämpft sie unermüdlich gegen die Zerstörung der Natur und für den Erhalt der Biodiversität direkt vor unserer Haustür. „Vor allem unseren Kindern und Enkelkindern möchten wir eine möglichst intakte Natur hinterlassen. Daher machen wir auch viele Projekte mit Kindern.“ Schon seit Jahren veranstaltet der BUND den „Flusskindergarten“, der in einer Woche vielen Kindergärten aus der Region die Flora und Fauna an der Lahn zeigt. „Dieses Projekt macht mir unglaublich viel Freude“, erzählt Ackermann, und ihre Augen leuchten.

„Auch die Streuobstwiesenpflege im Heiligen Grund ist sehr schön, wir pflücken dort mit etwa 20 bis 25 Helferinnen und Helfern vor allem die Apfelbäume ab und machen später den Saft daraus, den Sie gerade trinken.“ Für zwei Euro bekommt man schon eine Flasche, das Geld wird zur Aufforstung der Ockershäuser Streuobstwiese verwendet.

Ackermann arbeitet nach eigenen Angaben täglich mindestens vier Stunden in der Geschäftsstelle am Krummbogen, kümmert sich um die Finanzen, Betreuung von Praktikanten, überlegt sich Stellungnahmen für die Politik. Der BUND unternimmt Exkursionen in die Natur, berät Gremien, setzt sich vor allem für eine fahrradfreundlichere Verkehrsplanung ein.

„Damals, in den Neunzigern, waren wir gegen den Ausbau der A49, aber leider erfolglos. Heute streben wir eine verkehrsberuhigte Elisabethstraße an. Stadtweites Tempo30 möchten wir auch“, sagt Ackermann.

Auslöser für Engagement: Kampf gegen Atomkraft

Viele der Angebote scheinen bei den Bürgern beliebt zu sein. „Wir haben zum Beispiel einen Geschirrverleih, der gut angenommen wird. Statt Wegwerf-Teller zu verwenden, holen sich die Leute bei uns richtiges Geschirr aus Porzellan und Besteck aus Edelstahl für große Gesellschaften.“

Der Anstoß für das Ehepaar Ackermann, sich beim BUND einzusetzen, war der Kampf gegen Atomkraft. Ende der 70er-Jahre waren sie damit aber noch weitestgehend allein auf weiter Flur.

Die damals im Bundestag sitzenden Parteien CDU/CSU, SPD und FDP priesen Atomenergie als das Nonplusultra an. Ein Kampf gegen Windmühlen. In Marburg und anderen Orten in Hessen sollten Wiederaufbereitungsanlagen gebaut werden, Dr. Hans Ackermann hielt damals bei seiner Antrittsvorlesung ein Plädoyer dagegen. Ungewöhnlich für einen Physiker seiner Zeit. „Ich könnte die Rede heute eins zu eins wieder halten“, erklärt er, denn geändert habe sich seitdem nichts.

1986 kam dann Tschernobyl, der Super-GAU, mit dem keiner aus der Politik gerechnet hatte oder rechnen wollte. Kurzzeitig hatten die Atomkraftgegner Konjunktur, doch schnell flaute die Angst ab, so schlimm war es dann doch nicht mehr.

Auch heute noch versucht der BUND, Atomkraftwerke zu verbannen, hinzu kommt der Kampf gegen Braun- und Steinkohle. Die Naturschutzorganisation will aber nicht nur „dagegen“ sein, sondern setzt sich mit dem Ausbau erneuerbarer Energien für sinnvolle Alternativen ein, betont Ackermann.

„Ich mache weiter,weil es wichtig ist“

Dr. Wiltraud Ackermann engagiert sich über den BUND hinaus noch beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu) und beim IPPNW, was für „International Physicians for the Prevention of Nuclear War“ steht, zu Deutsch: Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges, Ärzte in sozialer Verantwortung.

Die bisher größte Enttäuschung war, dass in Marburg keine Solarsatzung eingeführt wurde, offenbart Ackermann. Doch das hält sie nicht auf in ihrem Kampf für eine gesunde Umwelt, für ein achtsames Miteinander, für mehr Natur. Seit Jahren schon. Ans Aufhören ist nicht zu denken.

von Yannic Bakhtari

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