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Ein Kämpfer für die Abgehängten

OB-Wahl Marburg Ein Kämpfer für die Abgehängten

Tatort-Fan, Politiksüchtiger und Architekt der Marburger Linken: Jan Schalauske (34) treibt der Wille zu grundlegenden gesellschaftlichen Veränderungen an - wenn er nicht gerade am Herd steht. Ein Porträt.

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Ein Ort mit hoher Symbolkraft für den Linken Oberbürgermeisterkandidaten Jan Schalauske: Das Deserteursdenkmal im Südviertel. Der 34-Jährige ist in vielen Initiativen aktiv. Foto: Tobias Hirsch

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Wie ernst Politik ist, lassen die Augen erkennen. Wenn Jan Schalauske über die Wohnungsnot oder Busanbindung in Marburg spricht, wenn er seine Haltung zum Kriegerdenkmal in Bortshausen oder der Rüstungsforschung an der Universität erläutert, wirken diese streng, fokussiert. Ein Lächeln huscht ihm nicht über die Lippen, zu wichtig die Probleme, zu wichtig die Lösungen. „Alle Dinge sind änderbar, wenn man sie ändern will“, sagt er.

Es gibt aber auch den anderen, den Freizeitgenießer Schalauske. Das fängt am Herd, in der heimischen Küche an. „Kochen ist für mich noch eine sehr sinnliche Tätigkeit.“ Mediterran, deutsch, osteuropäisch: Er beherrsche immer mehr Rezepte. Im Gegensatz zur Studentenzeit, „wo gutes Essen nicht immer den höchsten Stellenwert hatte“, pflegt er nun den Genuss. Mit seiner Freundin schnippelt er Gemüse, wäscht Fleisch, schmeckt Saucen ab. Höhepunkt in jedem Jahr: Wenn der Winter gekommen ist, bereitet er für Freunde traditionell Grünkohl und Mettwurst zu. Auch bei den Wochenendreisen, die er regelmäßig mit seiner Freundin im Landkreis oder in Nordhessen via Fahrrad unternimmt, „gibt es Besseres als nur Dosen-Ravioli“.

 

Und doch: Das Politische holt Schalauske immer wieder ein.In Lüneburg südlich von Hamburg geboren, wuchs er in einer „politisch denkenden Familie“ auf. „Ich bin mit dem liberalen Gedankengut der 1970er-Jahre großgeworden, meine Eltern waren an den Themen der Zeit sehr interessiert, spürten den damals herrschenden Aufbruchsgeist.“ Mama am Herd, Papa an der Arbeit: Die Rollenverteilung, die auch in seiner Kindheit noch üblich war und die er schon symbolisch mit seinem Koch-Hobby durchbricht, lernte er zuhause nicht kennen. „Bei uns war es umgekehrt, meine Mutter war Beamtin und mein Vater zog mich lange groß. Es war alles andere als normal, dass ein Mann den Kinderwagen durch die Stadt schiebt.“

Der Politikwissenschaftler, der seine Doktorarbeit für das aufwendige Politikgeschäft vorerst unterbrochen hat, entwickelte früh ein Gespür für Gerechtigkeit. Ob es daran lag, dass es während der Kindergeburtstage, wo Cowboy und Indianer gespielt wurde, „man in meiner Familie immer auf der Seite der Indianer war“? Jedenfalls erlebte Schalauske in der eigenen Familie, was Ungerechtigkeit bedeuten kann. Sein Vater, ein Lehrer, litt unter den Folgen von Langzeitarbeitslosigkeit. „Diese Erfahrung ist sehr prägend für mich. Ich sah, was es heißt, keine Chance auf Teilhabe am Leben zu besitzen und wie so etwas einen Menschen kaputt machen kann.“

"Wir brauchen einen massiven ÖPNV-Ausbau"

In der Kommunalpolitik hat er sich auch aufgrund dieser Erfahrungen dem Kampf für die Armen, die Abgehängten, die Benachteiligten verschrieben. So wirbt er seit langem für eine Gewerbesteuer-Erhöhung, um mit dem eingenommenen Geld etwa die Bus- und Nahverkehrssituation in der Stadt zu verbessern. „Jeder Marburger, und nicht nur Studenten, sollen Busse immer mehr nutzen können. Es geht um Teilhabe, soziale Infrastruktur, Mobilität als Grundrecht. Und dafür brauchen wir einen massiven ÖPNV-Ausbau.“

Im Gegensatz zu Zehntausenden Studenten, die aus anderen Städten stammen und ein paar Jahre in Marburg studieren, sich in ihrer Hochschul-Blase aufhalten, suchte Schalauske früh den Weg nach draußen. „Der rote Fleck, der Geist der Universität war der Reiz, hierher zu kommen. Aber ich wollte mit den Menschen in der Stadt sprechen, etwas aufbauen, das brachte viele schöne Erfahrungen und Kontakte.“ Er schwärmt von den Gesprächen, die er als junger Student mit Alt-Linken und Aktivisten in der Stadt führte.

"Global denken, lokal handeln"

„Das Deserteursdenkmal im Südviertel etwa ist auch deshalb für mich ein wichtiger Ort. Da haben viele engagierte Leute eine Menge Kritik aushalten müssen, nur weil sie diejenigen ehren wollten, die mutig waren, die sich am Nazi-Krieg nicht beteiligen wollten.“ An den Kriegsdienstverweigerern lasse sich erkennen, dass Menschen zu Ungerechtigkeiten „Nein“ sagen müssten. Er erzählt die Geschichte von Wolfang Abendroth, dem Universitätsprofessor, der zum Krieg nach Griechenland geschickt wurde, „um verheizt zu werden“ und sich stattdessen den Widerstandskämpfern anschloss.

„Nein“ sagen - das tat er früh. An seiner ersten Demonstration nahm er 1990 teil. Es war eine gegen den Irak-Feldzug der USA, der zweite Golfkrieg. „Ich weiß noch, dass ich damals ein Schild hochgehalten habe, wo ‚kein Blut für Öl‘ daraufstand.“ Auch an das Motto - „ein etwas gezwungener Reim, zugegeben“ - erinnert er sich noch: „Stoppt den Krieg, weil keiner siegt.“ Schalauskes politisches Credo lautet „global denken, lokal handeln“.

"Grundsätzliches verändern"

Wenn er mal nicht handelt, sondern einfach entspannt, schaltet er den TV-Krimi Tatort ein. Der Kieler, nicht mehr der Münsteraner, ist sein Favorit. „Da herrscht ein guter Mix aus Witz und ernstem Konflikt, Elemente aus Schweden-Krimis.“ Fernsehen ist für Schalauske aber weniger wichtig als Lesen - „nur so kann man sich das Wissen um die Welt aneignen“. Zuletzt las er den Titel „Sterntaler-Verschwörung“, der die Pattsituation bei der hessischen Landtagswahl 2008 sowie Verstrickungen von Politik und Wirtschaft fiktiv aufarbeitet. In dem Buch gibt es auch einen Bezug zu Marburg - einen, der Schalauske auch persönlich berührt. Beschrieben wird darin die Beerdigung eines Linken-Vordenkers in der Stadt: Eberhard Dähne.

Vor einigen Jahren traf Schalauske den mittlerweile verstorbenen, ehemaligen kommunistischen Marburger Stadtverordneten. „Eine beeindruckende Persönlichkeit, ein Mann mit ganz viel Lebenserfahrung, Ideen und einer Haltung. Er stand für das Verlangen nach politischem Wandel“, sagt er. Und das ist auch Schalauskes Antrieb. Er, der als einer der Architekten maßgeblich am Aufbau der Partei Marburger Linke beteiligt war, will die Demokratie stärken, „Grundsätzliches verändern, alles andere ist mir zu wenig“.

von Björn Wisker

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