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Ein Kämpfer für den Standort Marburg geht

Personalie am UKGM Ein Kämpfer für den Standort Marburg geht

Der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Gießen und Marburg, Professor Jochen A. Werner, wechselt als Vorstandsvorsitzender zum Uniklinikum nach Essen.

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Der scheidende Ärztliche Direktor Professor Jochen A. Werner sieht das UKGM gut aufgestellt.

Quelle: Michael Hoffsteter

Marburg. Lange hat sich Werner mit der Entscheidung herumgeplagt, letztendlich entschieden „persönliche Gründe“: Der 56-Jährige wechselt zum Uniklinikum nach Essen. Auch das künftige Mehr an Verantwortung reizt Professor Werner, sich dort neuen Aufgaben mit mehr Gestaltungsmöglichkeiten zu stellen, die das Essener Universitätsklinikum seiner Einschätzung nach bietet.

Werner war seit Frühjahr 2011 Ärztlicher Direktor des Marburger Universitätsklinikums und des UKGM. Der Hals-Nasen-Ohren-Heilkundler hatte als Prodekan zwischen 2004 und 2006 die Privatisierung der Marburger Universitätsklinik begleitet.

„Ich habe gelernt“, sagt Werner, „wie ein privater Krankenhauskonzern wirtschaften kann, ohne dass die medizinische Qualität leidet – man kann Ökonomie erreichen, ohne dass ein Nachteil für Wissenschaft, Lehre und Krankenversorgung entsteht.“

Sorge um das Klima am Standort Marburg

Der Kern allen universitären Tuns müsse aber die Forschung und Lehre sein – auch da sieht Werner Marburg auf einem guten Weg. Der Preis an Professor Dr. Jürgen Schäfer, den „Dr. House“ des Marburger Universitätsklinikums, für die beste Lehre in Deutschland sei ebenso ein Indiz dafür wie das Dr. Reinfried Pohl Zentrum für Medizinische Lehre, das Werner als „eines der besten Lernzentren Deutschlands“ bezeichnet.

Schließlich gehe es bei dem Bemühen um eine gute Lehre auch um einen harten Wettbewerb: einen Wettbewerb um die besten Schüler und Studenten, „den wir doch gewinnen wollen“. Dazu müsse aber endlich wieder Ruhe einkehren in Marburg.

Jochen A. Werner sagt dies nicht umsonst so: Er war in einer aufregenden Zeit Ärztlicher Direktor am UKGM. 2012 eskalierten die schon jahrelang schwelenden Konflikte am Standort Marburg an der Frage, ob Stellen gestrichen werden sollten. Die Kritik hat Werner immer als ungerecht empfunden, und er hat dies in öffentlichen Veranstaltungen auch immer wieder geäußert. So wurde er selbst zur Zielscheibe von Kritik, für einige auch zur Reizfigur.

Den gebürtigen Flensburger hat das, jedenfalls nach außen hin, wenig getroffen. Mehr Gedanken macht sich Werner um das Klima am Standort Marburg. „Leider“, so sagt er, „hat sich der Marburger Standort nicht so ungestört entwickeln können, wie dies in Gießen der Fall war.“ Er spricht von „Anfeindungen“ gegen das Klinikum, was natürlich auch bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Spuren hinterlassen habe. „Bei stetiger Kritik von außen sinkt nicht nur die Motivation, sondern auch die Identifikation mit dem eigenen Haus.“

Betriebsratsvorsitzende bedauert Werners Weggang

Ein weiteres Problem thematisiert Werner im Gespräch mit der OP: Die Schwierigkeit für einen Ärztlichen Direktor, sich nicht nur für ein privatisiertes, sondern eben auch für ein aus zwei Standorten bestehendes Klinikum einzusetzen. Zwei Universitäten, zwei Fachbereiche, zwei Standorte: Schwer, hier die Balance zwischen allen Beteiligten zu halten.

Dass Werner dabei immer die Interessen des Standorts Marburg im Auge gehabt hat, bescheinigt ihm Oberbürgermeister Egon Vaupel (SPD), den der Weggang Werners „traurig“ macht. Beide verbindet die Sorge um den Standort Marburg, beide waren einander deswegen persönlich eng verbunden.

Sein Weggang sei ein „großer Verlust für das UKGM, für den Standort Marburg und für die Stadt Marburg“, sagte Vaupel. Der international anerkannte Mediziner habe sich in der schwierigen Zeit nach der Privatisierung „mit Herzblut“ für den Standort Marburg eingesetzt und sich große Verdienste um die Entwicklung der Medizin in Marburg erworben, etwa durch die Einrichtung des Anneliese Pohl Krebszentrums (Comprehensive Cancer Center).

Auch Betriebsratsvorsitzende Bettina Böttcher bedauert den Weggang von Professor Jochen Werner. „Er hat den Standort Marburg gestärkt“, sagt Böttcher. Sein Weggang setze aber kein positives Signal für die Entwicklung des Standorts Marburg. Das UKGM brauche wieder eine starke Stimme für Marburg. Standortsicherung bedeute, den onkologischen Schwerpunkt auszubauen. „Wir brauchen ein Konzept für die Standortsicherung – es geht um Qualität der Krankenversorgung und die Sicherung der Arbeitsplätze.

Dankbar für am UKGM entgegengebrachtes Vertrauen

Universität, der Marburger Medizin-Fachbereich, die Landesregierung und nicht zuletzt die Rhön Klinikum AG haben versucht, Professor Werner zum Bleiben zu bewegen. Und auch die Klinikdirektoren haben ihn, so erzählt er, in einem Brief einmütig gebeten, doch in Marburg zu bleiben. „Dafür bin ich sehr dankbar“, sagt er – schlussendlich ist die Aufgabe in Essen für ihn aber zu reizvoll.

Das dortige Universitätsklinikum verfügt über das renommierte Westdeutsche Tumorzentrum einschließlich eines hochmodernen Protonentherapiezentrums und hat weitere Schwerpunkte in der Transplantation, in Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Infektiologie – überwiegend Themen, die Werner auch in Marburg beschäftigt haben.

Werner hat neben seiner Tätigkeit als Ärztlicher Direktor auch das „Medical Board“ des Rhön-Konzerns mit aufgebaut: Hier arbeiten die Spitzenmediziner der fünf Rhön-Standorte (neben Marburg und Gießen noch Bad Berka/Werra, Bad Neustadt an der Saale und Frankfurt/Oder) zusammen, um Lösungen für medizinische Fragen zu finden.

Wechsel zum 1. Oktober wahrscheinlich

„Vernetzung“ heißt die Strategie, für die Werner immer stand und die auch hier eine Rolle spielt. Und, im Medical Board ganz wichtig: „Zuerst kommt die medizinische Expertise, dann folgen die Analysen zur Ökonomie.“ Rhön-Vorstandsvorsitzender Dr. Dr. Martin Siebert sagte über Werner: „Als Sprecher unseres Medical Boards hat er maßgeblich die strategische Neuausrichtung des gesamten Unternehmens begleitet und mitgestaltet.“

Werners künftiger Arbeitgeber verkündete, dass der neue Vorstandsvorsitzende zum 1. Oktober sein Amt antrete. „Mit Professor Jochen A. Werner gewinnen wir einen erfahrenen und hochqualifizierten Ärztlichen Direktor, der im Laufe seiner Karriere bereits mehrfach bewiesen hat, wie Institutionen strategisch, strukturiert und erfolgreich entwickelt werden können“, sagte der Vorsitzende des Aufsichtsrates des Universitätsklinikums Essen, Professor Dr. Dieter Bitter-Suermann.

Das UKGM wollte am Dienstag den 1. Oktober als Termin für das Ausscheiden von Werner nicht bestätigen. „Wir bemühen uns, dass der Wechsel zu diesem Zeitpunkt vollzogen werden kann“, sagte Sprecherin Christine Bode.

Ein Nachfolger für Professor Werner als Ärztlicher Direktor steht noch nicht fest. Bode bestätigte lediglich, dass „auch eine interne Lösung“ denkbar sei. Die Funktion Werners als Sprecher des „Medical Boards“ von Rhön wird bis auf Weiteres von Professor Bernd Griewing (Bad Neustadt) ausgeübt.

von Till Conrad

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