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Ein Jahr danach

Richtsberg-Brand Ein Jahr danach

Es war einer der größten Notfälle in Marburg: Am Mittwoch vor einem Jahr brannte es im Studentenwohnheim Am Richtsberg 88, mehr als 280 Bewohner mussten gerettet werden. Bis heute steht es leer – die Zukunft ist ungewiss.

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Dunkle Rauchschwaden hüllten das Studentenwohnheim Am Richtsberg 88 vor einem Jahr ein. 280 Bewohner verloren nach der Brandstiftung im Keller des
Gebäudes ihre Wohnung, mussten teils monatelang in Notunterkünften leben.

Quelle: Florian Gaertner

Marburg. Auch jetzt, ein Jahr nach dem Kellerbrand ist nicht sicher, ob das Haus wieder instandgesetzt, von Mietern bezogen werden kann. Das Gutachten und die Bewertung der Versicherungen sind weiterhin nicht fertig. Resultat: Die Betriebsgenehmigung für eine Vermietung des Hauses bleibt erloschen. „Wir sind auf die Ergebnisse dieser Untersuchung angewiesen, bevor wir selbst eine Entscheidung für oder gegen eine Sanierung des Hauses treffen können“, sagt Franziska Busch, Sprecherin des Studentenwerks auf OP-Anfrage.

Erst müssten Kosten und Sanierungsaufwand klar sein. Auch ein Abriss des zwölfstöckigen Gebäudes ist nicht ausgeschlossen. Es könne auch sein, dass „ein Abriss mit anschließendem Neubau wirtschaftlicher wäre“, sagt Busch. Grundsätzlich sei das Studentenwerk „für beide Lösungen, also Sanierung oder Neubau, offen“, sagt Busch. Grund für die Hängepartie: Für das 1973 gebaute Haus, das größte Wohnheim in der Universitätsstadt, gelten nach dem Kellerfeuer aktuelle Brandschutz-Standards.

So lange die Dutzenden Apartments im Studentenwohnheim  nicht vermietet werden können, fehlt es speziell Familien und ausländischen Hochschülern an Unterkünften. Das Studentenwerk plant nun eine Kompensation: Nahe dem Studentendorf im Waldtal soll ein Neubau mit 80 Wohnungen, je Zwei- und Dreizimmer-Apartments, entstehen. Baubeginn nach Angaben von Busch: Sommer 2016.

Feuerwehr lernt und optimiert die Abläufe

„Dieser Einsatz war außergewöhnlich und hat uns ebenso viel gelehrt, wie er uns Selbstbewusstsein gegeben hat“, sagt Carmen Werner, Marburgs Feuerwehr-Chefin. Die regelmäßigen Übungen, der Drill der Rettungskräfte habe sich vor einem Jahr für jeden sichtbar ausgezahlt. In der Auswertung des Einsatzes sei den Brandbekämpfern aber auch aufgefallen, dass Verbesserungen nötig seien. „Wir haben damals sehr lange gebraucht, bis die Brand-Quelle lokalisiert war.

Auch weil der Rauch aus den oberen Stockwerken kam, gingen wir lange davon aus, dass dort irgendwo das Feuer ausgebrochen war“, erinnert sich Werner. Künftig werde man in ähnlichen Situationen mehrere kleine Trupps in verschiedene Zonen eines Hauses schicken, um schneller fündig zu werden.

„Das war ein echt schlimmer Brand, gesehen hat man angesichts des dichten Rauchs kaum etwas und im Keller war es extrem heiß, es brauchte viel Zeit, die Temperatur mit Löschschaum erstmal so runterzukühlen, dass man dort rein konnte.“ Externe Experten würdigten die Leistung der Brandbekämpfer mit der Verleihung des Feuerwehr-Oscars.

Anwohner erinnern sich: „unwirkliches Abenteuer“

Der Einsatz sei aber auch deshalb lehrreich gewesen, weil die Feuerwehr es erstmals bei der Rettung mit Dutzenden Migranten zu tun hatte – Bewohner, die aufgrund kultureller Prägungen ungewohnt etwa auf das Anfassen bei der  Hilfe zum Besteigen der Drehleiter reagierten. „Das zeigt, dass auch in solchen Situationen ein sensibler Umgang, Behutsamkeit erforderlich ist“, sagt Werner.

„Nach dem Auszug brach eine anstrengende Zeit an, das alles hat sich auf das Lernen und Arbeiten ausgewirkt. Ich bin froh, dass das vorbei ist“, sagt Abdel Hamed, der mittlerweile berufsbedingt nicht mehr in der Universitätsstadt wohnt.

„Auch nach einem Jahr fühlt sich das alles wie ein unwirkliches Abenteuer an, mit so einem Brand und einer folgenden Unbewohnbarkeit seiner Wohnung rechnet ja niemand“, sagt Jasmine Fatou.

Nach monatelangem Wohnen in Notunterkünften, starteten einige Bewohner eine Internet-Petition (1031 Unterzeichner), um auf ihre Lage aufmerksam zu machen. „Privatsphäre war damals null. Mit so vielen Leuten auf einem Haufen zu leben, war schon mehr als grenzwertig“, sagt Benno Hinkel und erinnert sich an die Monate vor dem Umzug in eine neue, eigene Wohnung.

Der Brandstifter, der das Haus in der Nacht zum 24. Juni 2014 in Brand gesetzt haben soll, ist bis heute – trotz ausgeschriebener Belohnung – nicht gefasst worden.

von Björn Wisker

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