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Ein Jahr als Hessentags-Maskottchen

Das wär mal eine(r) Ein Jahr als Hessentags-Maskottchen

Als Marburg 1972 den Hessentag ausrichtete, wurden zwei Kinder zu Maskottchen des Volksfestes: Frank Fischer und Ulrike Rhiel lächelten bei zahlreichen Terminen in die Kameras der Presse.

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Frank Fischer und Ulrike Jennemann (geborene Rhiel) waren 1972 die kleinen Maskottchen des Marburger Hessentags. Heute erinnern sie sich gerne an die Zeit zurück.Foto: Patricia Grähling

Quelle: Patricia Graehling

Erfurtshausen. Die Oberhessische Presse begleitet seit 150 Jahren die Geschehnisse im Landkreis. Dazu gehört auch der Marburger Hessentag, der im Jahr 1972 die Berichterstattung dominierte. Das wird deutlich, wenn Frank Fischer durch seinen großen, grauen Ordner blättert. Darin sind - fein säuberlich ausgeschnitten - alle Berichte über das hessische Volksfest in Marburg gesammelt. Schwarz-weiß waren die Fotos damals noch. Dazwischen findet sich aber Farbe: ein süßes, blondes Mädchen und ein kleiner, blonder Junge in Tracht zieren Plakate, Aufkleber und Postkarten. Es ist das Marburger Hessentagspaar - damals ein Kinderpärchen. Und eben diese beiden blättern gerade durch den Ordner und schwelgen in Erinnerungen.

Frank Fischer war damals sechs Jahre alt. Ulrike Rhiel war ein fünfjähriges Mädchen. Sie lebten beide in Erfurtshausen und zusammen wurden sie zu Maskottchen für den Hessentag in Marburg. „Es gab ein kleines Casting“, erinnert sich Fischer zurück. Sein Vater sei damals in der Brauchtumsgruppe Mardorf-Erfurtshausen aktiv gewesen und wollte seinen Jungen gerne als Teil des Hessentagspaares sehen. Fehlte nur noch der weibliche Teil: „Mein Vater hat im Dorf nach einem Mädchen gesucht, das vom Alter her zu mir passte“, sagt Fischer. So sei die Wahl dann auf Ulrike Rhiel gefallen. Beide zogen dann niedliche Trachten aus dem Familienbesitz an und wurden - wie andere Kinderpaare auch - probeweise fotografiert. Offensichtlich machte das niedliche Pärchen aus Erfurtshausen das Rennen. Bereits 1971 hatten die Kleinen ihren ersten Auftritt beim Hessentag in Eschwege, wo sie der Öffentlichkeit vorgestellt wurden.

Elektroauto und Klapprad als Geschenke

„Eigentlich haben wir damals nur gesagt bekommen: ,Zieht das mal an und kommt mal mit!‘ Und plötzlich waren wir das Hessentagspaar“, sagt Fischer lachend. Dabei habe er manches Mal lieber mit den Kumpels Fußball spielen wollen, statt in die Kamera zu lächeln und Hände zu schütteln.

„Aber es war auch eine tolle Zeit“, erinnert sich Ulrike zurück, die heute den Nachnamen Jennemann trägt. Sie habe viel erlebt - und durfte sich zum Abschluss sogar etwas wünschen. Als Dankeschön bekam sie von der Landesregierung ein kleines Auto mit elektrischem Motor. Fischer bekam ein Klapprad. „Das waren super Geschenke für die damalige Zeit“, erinnert sie sich. Fischer ergänzt lachend: „Wir haben uns direkt sowas teures gewünscht. Dabei dachten die vielleicht eher an Puppen und einen Fußball als Geschenk.“

Dafür hat das Hessentagspaar aber auch bei allen Terminen rund um das Landesfest brav in die Kamera gelächelt, Bändchen zerschnitten und Veranstaltungen eröffnet - zumindest meistens. „Ulrike blieb ja immer brav sitzen“, sagt der heute 50-Jährige. „Aber ich bin immer aufgesprungen und habe Bonbons gesammelt.“ Seine Mama habe zudem immer aufpassen müssen, dass Fischer sich benehme und gut ausdrücke - schließlich habe er einmal den „Onkel Osswald“, also Ministerpräsident Albert Osswald, mit derben Worten auf einen großen Pferdehaufen hingewiesen. „Aber er war ein echt netter Onkel“, sagt Fischer mit einem Lachen.

Nur einmal blieb das fünfjährige Mädchen, das heute ein eigenes Reisebüro hat, nicht so brav sitzen: „Eine Minute bevor die Fernsehsendung Hessenjournal begann, sprang Ulrike weinend auf und rannte weg“, erinnert sich Fischer. Er wollte hinterherlaufen, musste aber sitzen bleiben.

Double beim Besuch des Bundeskanzlers

Auch Willy Brandt hat das Hessentagspaar getroffen - zumindest war Frank Fischer dabei. Ulrike Jennemann durfte nicht mit und musste kurzfristig von einem anderen Mädchen gedoubelt werden. „Und ich wusste ja noch nicht, was ein Bundeskanzler war“, sagt Fischer. „Für mich war das nur ein Mann mit einem feuerroten Gesicht und einer kratzigen Stimme, die ich noch heute im Ohr habe.“

Auch wenn der Hessentag nach einer Woche wieder vorbei war: Das Hessentagspaar trug weiter Tracht, zumindest manchmal. Sie wurden Mitglieder der Volkstanzgruppe, die Fischers Eltern in Erfurtshausen mitgegründet hatten. „Wir waren die ganze Jugend dabei. Es war immer sehr schön“, sagt Jennemann. Bei Hessentagen trat die Gruppe auf oder sogar in München. Mittlerweile hat Jennemann jedoch nichts mehr mit der Brauchtumsgruppe zu tun. Und auch der Industriemechaniker hat viele Jahre pausiert - bis er mit seiner Ehefrau zur Sing-, Spiel- und Trachtengruppe in der neuen Heimat Rüddingshausen ging.

Heute präsentieren erwachsene Paare den Hessentag. Das mag seinen Grund haben, denn viele Termine warten auf die Maskottchen. Und so viel Spaß das Marburger Kinderpaar damals auch hatte - ihre eigenen Kinder würden sie nicht zum Hessentagspaar machen. „Es war schon stressig - auch für unsere Eltern. Ich wurde jeden Tag herausgeputzt und das hat mit meinen Haaren gedauert“, sagt Jennemann. Die Zeit möchten beide jedoch nicht vergessen, denn die positiven Erinnerungen überwiegen doch. Das wird schnell klar, als sie beim Blättern in den alten Berichten in Erinnerungen schwelgen.

von Patricia Grähling

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