Volltextsuche über das Angebot:

10 ° / 5 ° Regen

Navigation:
Ein Idyll zwischen den Verkehrsachsen

Neue Serie "Achtung, laut" Ein Idyll zwischen den Verkehrsachsen

Es ist eine beschauliche Straße mitten in der Stadt - wären da nicht Stadtautobahn und Bahnstrecke. In der Straße „Bei St. Jost“ ist Verkehrslärm allgegenwärtig.

Voriger Artikel
Zusammenspiel von Mensch und Tier
Nächster Artikel
Lautes Gekicher dringt aus den Tanzsäcken

Die OP macht den Test: Wo im Landkreis ist die Lärmbelastung am größten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Eigentlich hat man sich an die Lautstärke hier gewöhnt“, sagt Simon Reinhardt. Der Student wohnt seit gut zwei Jahren gemeinsam mit seiner Frau und Tochter Marie in einem Haus „Bei St. Jost“ - ein idyllischer Fleck nahe des Stadtzentrums. Es gibt hier eine Kapelle mit Friedhof, ein griechisches Restaurant und der überwiegende Teil der Wohngebäude sind Altbauten, die Bäume in den Vorgärten fügen sich in das beschauliche Bild. Die Marburger Innenstadt oder das Aquamar sind zu Fuß in wenigen Minuten zu erreichen.

Hintergrundgeräusche sind ständig da

Immobilien in bester Lage könnten Makler anpreisen, wenn nicht zwei Faktoren den ersten Schein trügen würden. Der eine ist die Stadtautobahn, die Hauptverkehrsachse in Marburg, auf der täglich 40000 Fahrzeuge unterwegs sind. Die konkrete Auswirkung: Ein Hintergrundgeräusch von 75 bis 79 Dezibel zu den Hauptverkehrszeiten, wie Messungen der OP ergaben. Rauschen Lastwagen über die Stadtautobahn, kam es bei den Tests in der Spitze zu 84,3 Dezibel. Zum Vergleich: Regen verursacht etwa 50 Dezibel, ein Rasenmäher 70 Dezibel, Discomusik 110 Dezibel und ein Düsenjäger 130 Dezibel.

„Irgendwann hört man das nicht mehr“, erklärt Reinhardt, der in der zweiten Häuserreihe zur Stadtautobahn wohnt und auch den zweiten Lärmfaktor Bahnstrecke nicht so schlimm sieht. Dort fahren regelmäßig Linienzüge vorbei. Ein Großteil erzeugt dabei weniger Lärm als die Stadtautobahn. 71,7 Dezibel ergibt zum Beispiel die Messung eines Regionalzugs. Anders sieht es dagegen bei Güter- und Durchfahrtszüge aus, die mit deutlich höheren Geschwindigkeiten durch Marburg fahren. Hier schnellt die Anzeige leicht über 90 Dezibel.

Freiheit konkurriert mit Mietpreis

„An das fast immer gleichmäßige Rauschen der Stadtautobahn habe ich mich gewöhnt“, sagt Marcel Gerten, der in der ersten Reihe und nur wenige Meter entfernt von der vierspurigen Fahrbahn wohnt. Schlimmer seien jedoch die Züge: „Man weiß ja nie, wann sie durchfahren. Vor allem abends und in der Nacht merkt man das aber deutlich, zum Teil auch durch Vibrationen.“ Seine Freiheit hat Student Gerten bewusst auch wegen des Mietpreises eingeschränkt, der unter dem in der Innenstadt üblichen Niveau liegt. Sein fünffachverglastes Fenster im Wohnzimmer hat er nur selten geöffnet - meist dann, wenn er nicht zuhause ist. Das Grillen mit Freunden im Garten ist selten.

Einige Meter entfernt von Gertens Wohnung auf Höhe der Tankstelle wird der Verkehr etwas leiser, wovon die Menschen „Bei St. Jost“ aber nicht profitieren. Dort wurde im vergangenen Jahr auf 1,15 Kilometern sogenannter Flüsterasphalt verlegt. Dieser senkt die Lautstärke um vier Dezibel, wie OP-Messungen bestätigen. Eine Lösung sei das jedoch nicht, so Gertens: „Man sollte alles tun, um die Lautstärke zu senken. Eine Geschwindigkeitsbegrenzung hilft mit Sicherheit. Wirklich helfen würde aber nur eine Eintunnelung.“

Hintergrund
Dezibel ist die Maßeinheit für den Schalldruckpegel. Da das menschliche Gehör Töne unterschiedlicher Frequenz als verschieden laut empfindet, werden die Schallsignale im Messgerät so gefiltert, dass die Eigenschaften des menschlichen Gehörs nachgeahmt werden. Man spricht dann von einer sogenannten A-Bewertung, kurz dB(A). Null dB(A) entspricht der Hörschwelle, 130 dB(A) der Schmerzgrenze. Eine Verdoppelung der Schallleistung (zum Beispiel zwei identische Schallquellen statt einer) bewirkt eine Erhöhung des Schalldruckpegels um 3 dB(A). Um eine Lautstärkeverdoppelung hervorzurufen muss der Schalldruckpegel um etwa 10 dB(A) erhöht werden. Bei zunehmenden Abständen zur Schallquelle haben Witterungseinflüsse wie Wind, Luftfeuchtigkeit oder Temperatur große Auswirkungen auf den Schalldruckpegel. Dieser kann bei einem Abstand von 200 Metern um bis zu 20 dB(A) schwanken. Reiner Lkw-Verkehr bewirkt bei 100 Stundenkilometern zulässiger Höchstgeschwindigkeit eine Schalldruckpegelerhöhung um etwa 10 dB(A) gegenüber reinem Pkw-Verkehr.
Die Serie

Die OP macht in den kommenden Wochen den Test und geht in der Serie „Achtung, laut“ der Frage auf die Spur, wo die Belastungen im Landkreis Marburg-Biedenkopf besonders hoch sind. Denn nach Luftverschmutzung stellt Verkehrslärm das zweitgrößte Gesundheitsrisiko dar, wie die Weltgesundheitsorganisation mitteilt. Die schwerwiegensten Folgen sind Herzinfarkte und andere Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Gerade die nächtliche Lärmbelastung führen zu Schlafstörungen und erhöhtem Stress. Zwar gelten in vielen Bereichen gesetzliche Höchstgrenzen für die Lärmbelastungen, eingehalten werden diese aber nicht immer. Ob Geräusche als Störung empfunden werden, ist subjektiv und von einer Reihe von Faktoren abhängig.

Sind auch Sie von Lärm direkt oder indirekt betroffen, schreiben Sie uns eine E-Mail an: online@op-marburg.de

von Andreas Arlt

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr zum Artikel
OP-Serie: Achtung laut
Das Panorama-Bild zeigt den Weihnachtsmarkt rund um den Marburger Marktplatz.

Die Diskussion um Lärm in der Oberstadt wird auch in diesem Jahr heftig geführt. Gerade zur Zeit des Weihnachtsmarktes könnte man annehmen, dass es besonders laut zugeht. Zeit für einen Test.

Kostenpflichtiger Inhalt mehr

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr