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Ein Herz, rot wie Blut

Elisabeth-Herz Ein Herz, rot wie Blut

Siebensiebenzwölfnullsieben: Hinter diesem sperrigen Namen verbirgt sich eine der Sehenswürdigkeiten von Marburg: das Elisabeth-Herz am Kaiser-Wilhelm-Turm.

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Das Elisabeth-Herz am Kaiser-Wilhelm-Turm leuchtet rot, wenn man es anruft.
 Foto: Thorsten Richter, Bearbeitung: Sven Geske

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Kleiner Tipp für Verliebte: Mit der Angebeteten zum Landgrafenschloss fahren, den unverbauten Blick zum Spiegelslustturm Richtung Südwesten suchen, heimlich eine Telefonnummer wählen, die lange hinausgeschobene Liebeserklärung machen und gleichzeitig auf den Spiegelslustturm zeigen. Wie durch Zauberhand erscheint dort, wenn Sie alles richtig gemacht haben, ein flammend rotes Herz.

Seit Anfang 2007 hängt das Herz am Spiegelslustturm. Damals - zum Beginn des Elisabethjahres - das aus Anlass des 800. Geburtstages der Heiligen gefeiert wurde, wollte die Stadt Marburg ein weithin sichtbares Symbol setzen. Kulturamtsleiter Dr. Richard Laufner hatte damals die Idee zu der Lichtinstallation, die von der Künstlerin Helmi Ohlhagen umgesetzt wurde: Das Herz, aus dem eine Efeuranke hervorrankt, leuchtet rot auf, wenn eine bestimmte Telefonnummer angerufen wird: eben die 09005/771207 - was an den mutmaßlichen Geburtstag der Elisabeth von Thüringen erinnern soll.

Friedenssymbol, Pop-Artund andere Deutungen

Seit seiner Installation hat das rote Elisabeth-Herz die Gemüter bewegt: Als „visuelles Zeichen“ für die Großherzigkeit der Heiligen Elisabeth von Thüringen sehen es die einen, als „Kitsch“ die anderen. Der frühere Präsident der Philipps-Universität, Professor Volker Nienhaus, witterte gar die Gefahr, dass das leuchtende Herz Assoziationen zur Werbung für ­Betriebe im Rotlicht-Milieu ­wecke. Auch die Nähe zu dem alten Symbol der DDR-Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“ wurde schon unterstellt.

Kulturamts-Chef Laufner findet keine der Interpretationen schlichtweg falsch; er fügt selbst eine weitere an, nämlich die Nähe zur „Pop-Art“ von Andy Warhol, die zu Marburg als einer Stadt der Kunst und Kultur passe.

Entsprechend unterschiedlich reagierten die Marburger in den vergangenen Jahren, wenn das Herz mal nicht funktionierte oder wenn Überlegungen ruchbar wurden, es zu entfernen.

Fest steht jedenfalls, dass das Herz - trotz gelegentlicher Rhythmusstörungen - schon viel länger lebt als ursprünglich angenommen. Von einer Betriebszeit von zwei, höchstens drei Jahren sei man damals ausgegangen, berichtet Laufner. „Heute hängt es immer noch.“

Das Elisabeth-Herz hat sogar den Sturm Cyrill Anfang 2007 überstanden, „im Gegensatz zu dem Wald drumherum“, wie Laufner betont.

Ganz nebenbei eindemografischer Seismograf

Das Prinzip: Mit einem Anruf bringt man das acht Meter hohe Herz zum Leuchten. Ursprünglich ging der Erlös aus der 0900er Nummer an einen guten Zweck. Das lohnte nicht wirklich - auch ein Argument, warum die Stadt auf die günstigere Festnetz-Nummer umgestellt hat: „Für die, die eine Flatrate ins Festnetz haben, ist der Anruf sogar kostenlos“, sagt Laufner.

Im Juni dieses Jahres brannte das Herz insgesamt 193 Minuten: 285 Mal hatte jemand die 09005/771207 gewählt, im Schnitt waren es zehn Anrufer am Tag. Im April waren es 366 Anrufe, im kalten Januar nur 261 Verbindungen mit 170 Minuten. Fast alle Anrufe kamen von einem Mobilfunk-Netz.

Wer möchte, dass das Herz die ganze Nacht leuchtet, kann das buchen für 77,12 Euro.

Für besondere Anlässe bucht die Stadt selbst diese sogenannte „Nachtwächter“-Funktion: Wenn ein Marburger seinen 100. Geburtstag feiert oder wenn ein Ehepaar aus der Universitätsstadt 65. Hochzeitstag hat.

Unfreiwillig, quasi als Nebeneffekt, wird das Elisabeth-Herz damit auch zum demografischen Seismografen. Buchte die Stadt im Jahr 2008 nur 18 Mal, waren es 2009 schon 22 Buchungen, 2011 aber schon 37. Im vergangenen Jahr stieg diese Zahl auf 42. „Leute werden halt älter“, kommentiert Laufner.

von Till Conrad

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