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Ein Fotograf, der fliegen kann

Drohnen-Flug Ein Fotograf, der fliegen kann

Für Luftaufnahmen vom Marburger Schloss musste man früher ein Flugzeug oder einen Helikopter chartern. Heute gibt es ferngesteuerte Fluggeräte für solche Projekte.

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Arnulf Stoffel und seine Drohne, die die spektakulären Aufnahmen von Marburg gemacht hat.

Quelle: Thomas Strothjohann

Marburg. Sie summt wie ein Hornissenschwarm und schraubt sich dann langsam in die Luft. Acht kleine Propeller an jeweils einem Arm – in der Mitte eine orangene Halbkugel vollgestopft mit High-Tech. Was da am Schloss in die Luft geht ist eine Drohne.
Drohnen sind unbemannte Flugobjekte, die sich komplett fernsteuern lassen. Wie beim Internet und vielen anderen technische Innovationen, hat zuerst das Militär das Potenzial in der Drohnentechnik entdeckt.Die US-Armee setzt Drohnen immer häufiger gegen Terroristen ein, auch wenn die „chirurgische Präzision“ der unbemannten Kampfflugzeuge, von der Militärs und Politiker gerne schwärmen, bislang Wunschdenken ist.

Der Flug- und Fotoroboter

Die Drohne, die am Samstag in Marburg ums Schloss schwirrte hat dagegen sehr harmlose Ziele. Der so genannte Octokopter gehört dem Fotografen Arnulf Stoffel, der sie für Luftaufnahmen einsetzt. Der Name des Flugroboters setzt sich aus der altgriechischen Silbe Octo für acht und „-kopter“ von Helikopter zusammen – ein Helikopter also mit acht Rotoren. Er eignet sich besonders gut für Foto- und Videoaufnahmen, weil er mit den vielen Rotoren auf der Stelle fliegen kann. Außerdem liegt der Hubschrauber so ruhig in der Luft, dass die Aufnahmen nicht verwackeln. Im Gegensatz zu kleineren Drohnen, kann er eine professionelle Spiegelreflexkamera mit Objektiv tragen, die rund zwei Kilogramm wiegt.

Der Fotograf Arnulf Stoffel macht mit seinem "Octokopter" imposante Aufnahmen rund um das Marburger Schloss.

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Stoffel ist zwar Pilot und hat vorher schon aus Flugzeugen fotografiert, der Octokopter eröffnet ihm trotzdem neue Perspektiven: „Mit einem Flugzeug muss man immer rund 300 Meter Abstand zum Boden einhalten. Mit meiner Drohne komme ich viel näher an das Objekt heran, damit darf ich maximal 100 Meter hoch steigen.“
Mit wenigen Metern Abstand fliegt die Drohne jetzt ums Schloss. Stoffels blaue Augen wandern von der Drohne am Himmel auf die Fernbedienung. Von hier unten kann er kaum erkennen, wie nahe sie an den Mauern vorbeifliegt. Die Drohne sendet aber nicht nur Daten von Höhen-, und Beschleunigungsmesser, sondern auch das aktuelle Kamerabild. Mit dem so genannten „Live-View“ der Kamera kann Stoffel das Objektiv genau ausrichten und gleichzeitig prüfen, ob er Hindernissen zu nahe kommt. Er wirft mit seinem ferngesteuerten Auge noch einen Blick auf die Uhr und dreht dann ab in Richtung Stadt.

 

Je weiter die Drohne vom Schloss wegfliegt, desto größer wird der Abstand zum Boden. Was passiert eigentlich, wenn die Drohne so weit weg fliegt, dass sie keine Signale mehr von der Fernbedienung empfängt?
„Dann fliegt sie zum Startpunkt zurück“, sagt Stoffel und beruhigt sich damit auch ein bisschen selbst. Sein Octokopter ist nämlich nicht nur leistungsfähiger als ein Spielzeug, sondern auch sehr viel teurer. Preislich gesehen ist es ungefähr  so, als ob er einen 5er BMW in 60 Metern Höhe über die Stadt fliegen ließe. Die Drohne wurde von einer Firma in Paderborn auf Bestellung in Handarbeit gebaut. Für jede Kamera passen die Ingenieure die Schwenk- und Auslöseautomatik an.
Wenn sein Schatz wirklich abstürzen würde, kämen natürlich auch noch Schäden am Boden dazu. Um überhaupt im Stadtgebiet fliegen zu dürfen, musste Stoffel deshalb eine Haftpflichtversicherung abschließen, die Schäden in Millionenhöhe abdeckt. Doch auch gut versichert bleibt ein mulmiges Gefühl, wenn der Octokopter um den schiefen Kirchturm der Lutherschen Pfarrkirche surrt, wenn ihn starke Windböen vom Kurs abbringen und als der Akku in der kalten Januarluft schneller nachlässt. Die Drohne hat keinen Fallschirm. Wenn sie fällt, ist der Spaß vorbei.

Das Ufo zieht die Blicke an

Spaziergänger recken ihre Hälse zum Himmel und suchen einen Urheber für das ungewöhnliche Geräusch. Einige kommen zum Piloten und beobachten, wie er die Landung einleitet.
Auch wenn militärische Drohnen in aller Munde sind, haben bisher nur Wenige wirklich eine gesehen. Stoffel ist in Deutschland einer der Pioniere auf dem Gebiet. Er ist einer der ersten Fotografen, die eine Drohne einsetzen und obwohl er sie erst seit drei Monaten fliegt, sind seine Dienste gefragt. „Für mich ist es der Traum solche Bilder machen zu können. Ich bin selbst immer noch total begeistert, wenn ich die Resultate sehe“, schwärmt Stoffel. Bisher hat er vor allem Gebäude fotografiert. Nächste Woche wird er zum Beispiel aus der Vogelperspektive dokumentieren, wie der Hochofen 4 vom Thyssen-Krupp Stahlwerk in Duisburg abgerissen wird.
Die Technik eignet sich aber auch, um bei Großbränden, Hochwasser und anderen Katastrophen Informationen im Krisenherd zu sammeln. Anstatt der Kamera ließe sich zum Beispiel ein Instrument transportieren, das gefährliche Gase identifiziert und Einsatzkräfte warnt. Visionäre gehen davon aus, dass das Drohnenzeitalter vor der Tür steht und in wenigen Jahren die Pizza per Drohne ausgeliefert wird.
Aber das ist Zukunftsmusik. Stoffel hat mit dem Octokopter vor allem seine Gestaltungsspielräume erweitert. Im Frühjahr will er weitere Sehenswürdigkeiten von Marburg aus der Luft fotografieren und mit der Videokamera über die Dächer der Oberstadt fliegen. Diese Aufnahmen will der Fotograf, dessen Bruder Siegbert Stoffel in Marburg als Zahnarzt praktiziert, der Stadt zur Verfügung stellen – für die Bewerbung um den Status des Unesco Weltkulturerbes.

Im Blickpunkt:

  • Arnulf Stoffel wurde 1957 in Wesel am Niederrhein geboren. Er fotografierte schon als 15-Jähriger und machte sein Hobby schließlich zum Beruf. Heute arbeitet er als Presse- und Agenturfotograf mit Basis in Nordrhein-Westfalen. Stoffel hat einen Pilotenschein und langjährige Erfahrung mit Luftaufnahmen. Der Octokopter hat ihm, wie er sagt, nach 40 Jahren Berufserfahrung noch einmal „richtig Auftrieb gegeben.“ Er muss lernen die Drohne zu steuern und ist täglich begeistert von den neuen Gestaltungsspielräumen.

von Thomas Strothjohann

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