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„Ein Foto muss knallen wie eine Backpfeife“

Marburger Fotograf Patrick Sinkel „Ein Foto muss knallen wie eine Backpfeife“

Ghana, Bangladesch, Australien – Der Marburger Patrick Sinkel kommt viel herum, seit die Nachrichtenagentur „dapd“ pleite gegangen ist. Aber seinen Traum vom Leben als freier Reportagefotograf muss er sich hart erarbeiten.

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Der Boxring steht mitten auf einer Straßenkreuzung in einem Vorort von Accra. An diesem Abend findet ein Nachwuchs-Wettbewerb statt. Vor professionellen Boxtrainern und mehreren hundert Zuschauern kämpfen die 12- bis 16-Jährigen um ihre Chance auf eine Karriere als Profiboxer.

Quelle: Patrick Sinkel

Marburg. Er kam, drückte ab und ging. So ungefähr erleben Menschen Fotografen in der Regel. Wenn Patrick Sinkel seine Reportagen fotografiert, sieht das Verfahren anders aus. Er kommt – unter Umständen erst einmal ohne Kamera. Er unterhält sich mit seinen Protagonisten und geht ihrer Geschichte auf den Grund. Später kommt er zum Fotografieren – und: „Ich will, dass auch immer etwas zu den Protagonisten zurückfließt“, sagt der Marburger.

Der Marburger Fotograf Patrick Sinkel

Er findet es unfair, Menschen zu fotografieren und ihnen nichts dafür zurückzugeben. Denn auch wenn seine Bilder zum Beispiel auf die Situation der Fischer an der überfischten ghanaischen Küste aufmerksam machen, werden sie – erschienen in einer deutschen Zeitung – wenig bewirken. Um die Situation der Ghanaer zu verbessern, müssten eher Politiker vor Ort die Bilder sehen.

Deshalb bleibt Sinkel mit seinen Protagonisten in Kontakt. Bezahlt ihnen unter Umständen den Arbeitsausfall, den sie hatten, weil sie ihre Zeit genutzt haben, um den deutschen Fotografen herumzuführen. Als Sinkel aus Ghana zurückgekehrt war, ließ er den Protagonisten seiner Reportage Abzüge zukommen.

Alle ghanaischen Box-Weltmeister kommen aus demselben Stadtteil

Dass ihm die Menschen irgendwann alles erzählen, um Geld dafür zu bekommen, davor hat Sinkel keine Angst: „Es gibt Interviewtechniken, mit denen ich herausfinde, ob wirklich wahr ist, was sie erzählen.“ Die Ghanaer hassten es zum Beispiel, „nein“ zu sagen. Wenn man das verstanden habe, könne man die Frage noch einmal umformulieren und später erneut stellen.

In Ghana war Patrick Sinkel mit dem „Beyond-Your-World“-Stipendium der Europäischen Union, das in Deutschland durch die Deutsche Welle (DW) vertreten wird. Eine der Reportagen, die Sinkel der DW anbot, handelt davon, dass alle ghanaischen Boxweltmeister aus demselben Viertel der Hauptstadt Accra kommen. Das liegt nicht daran, dass sie zum Trainieren in den armen Stadtteil Bukom gezogen sind, sondern daran, dass sie dort geboren wurden. Ethnisch gehören die großen Boxer des Landes zum Volksstamm der Ga. Einem Stamm, der zwar nur rund 25 000 Angehörige, aber eine eigene Sprache hat. Die Ga entwickelten unter dem Einfluss der Briten ihre eigene Selbstverteidigungs-Kampftechnik weiter zum Boxen.

„Boxen ist in Bukom mehr als eine Freizeitbeschäftigung. Das ist ein Lebensstil. Und es geht um was“, sagt Sinkel. Wenn ein Nachwuchsboxer in Accra den Durchbruch schafft, kann er der Armut seiner Heimat entfliehen – das haben Stars wie Azumah Nelson bewiesen. Trotzdem, sagt Sinkel, ist die Stimmung bei den Nachwuchskämpfen nicht aggressiv, sondern gut und die Schiedsrichter achten auch im provisorischen Ring inmitten einer Straßenkreuzung peinlich genau auf die Regeln. „Die geben im Ring alles und liegen sich nach dem Kampf trotzdem in den Armen.“

Retusche und Bildbearbeitung sind tabu

Sinkel hat festgestellt, dass die ghanaische Mentalität sehr gut zum Boxsport passt. „Immer weiter machen, nicht aufgeben, sich durchboxen“, das ist eine Lebenseinstellung, die er nicht nur bei den Boxern in Accra, sondern auch bei den ghanaischen Fischern erlebt hat.

Die Reportage hat Patrick Sinkel im Rahmen des "Beyond-Your-World"-Stipendiums der Europäischen Union für die Deutsche Welle im Fischerhafen von Accra fotografiert. Zum Artikel

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Patrick Sinkel wurde 1983 in Eringshausen geboren, 2003 kam er nach Marburg, um Politik, Soziologie und Friedens- und Konfliktforschung zu studieren. Während des Studiums arbeitete er schon als Fotograf für Gießener Tageszeitungen. Nach dem Diplom stand Sinkel vor der Frage, ob er promovieren oder lieber fotografieren wollte. Er entschied sich für die Fotografie und fand darin eine „künstlerische Ausdrucksform“ für seine wissenschaftlichen Interessen. Patrick Sinkels Art, an die Themen heranzugehen, ist einerseits von seinem Studium geprägt und andererseits von der Ausbildung, dem Volontariat bei der Nachrichtenagentur dapd.

Fotos müssen wahr sein

„Für mich ist nicht nur das Visuelle an einem Foto wichtig. Die Bilder müssen auch wahr sein.“ Retusche und Bildbearbeitung, die über Ausschnitt und Belichtung hinausgehen, scheiden für ihn deshalb aus. Auch die Art, wie die Protagonisten auf die Kamera reagieren, ist für Sinkel wichtig: „Ich würde einem Demonstranten niemals sagen, dass er sein Schild hochheben soll“; bei einem Porträt würde er sein Motiv aber schon bitten, ins Licht zu treten.

In Myanmar hat Sinkel sogar schon einmal eine ganze Serie gelöscht. Er hatte feststellt, dass die Einbeinfischer extra für ihn posierten und normaler­weise nicht auf einem Bein in ihren Booten herumgondeln. „Als Reisefotograf kann man solche Bilder machen, aber es existieren viel zu viele schöne Bilder. Ein Bild lebt für mich nicht von Schönheit, sondern vom Inhalt“, sagt Sinkel. Stilmittel will er damit nicht ausschließen: „Mit fotografischen Stilmitteln hält man die Menschen fest. Ein Foto muss knallen wie eine Backpfeife, dann brennt es sich in die Köpfe ein“, sagt Sinkel.

Eines seiner Vorbilder in der sozialdokumentarischen Fotografie ist der Brasilianer Sebastião Salgado, über dessen Werk kürzlich Wim Wenders einen Kinofilm gemacht hat. „Der spielt natürlich in einer ganz anderen Liga“, relativiert Sinkel.

Er findet es schade, dass Reportagen wie die von Salgado heutzutage in Museen ausgestellt, aber nicht mehr in den Magazinen gedruckt werden. Aufwendige Fotoreportagen über Themen wie Flüchtlingsströme, die Arbeitswelt oder Unterdrückung indigener Minderheiten, sagt er, würden heute kaum noch Platz und Budget bekommen.

Das Geierartige ist ihm zuwider

Der Stern nehme nur noch Serien zu den abgefahrensten Themen. Dass er bei den Themen nicht in die Tiefe gehen konnte, war Patrick Sinkels Problem bei der Presseagentur: „Ich bin manchmal wie ein Flummi von Termin zu Termin gesprungen – das war eine Welt, die ich nicht mehr wollte.“ Besonders unangenehm fand er Aufträge, bei denen sich die Fotografen und Kameramänner förmlich um das beste Bild prügeln mussten – „das Geierartige ist mir zuwider“, sagt er.

Die Entscheidung, etwas anderes zu machen, wurde Sinkel schließlich abgenommen: Auf einer Reise nach Brasilien hatte er sich überlegt, dass er weiter in der Agentur arbeiten und seine hintergründigen Reportagen damit finanzieren würde. Aber „als ich zurückkam, war dapd pleite“, erzählt Sinkel.

Seit April 2013 ist der Marburger deshalb freiberuflich in der Welt unterwegs. In den nächsten Tagen wird er für eine Reportage nach Bangladesch reisen und dann weiter für mehrere Monate nach Australien. Dort will er sich mit der unterdrückten indigenen Bevölkerung beschäftigen und, wenn die Fotohonorare nicht ausreichen, zwischendurch für einen befreundeten Landschaftsgärtner arbeiten.

Für den Rückweg ist eine Reportage im Iran geplant. „Finanziell musste ich seit dem Ende der dapd Abstriche machen, aber ideell geht es mir jetzt sehr viel besser.“

Ein Nachwuchsboxer steht im Vorfeld seines Kampfes hochkonzentriert in einer Ringecke.

Text: Thomas Strothjohann, Fotos: Patrick Sinkel

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