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Ein Erlebnis für alle Sinne

Hessenwiese in Michelbach Ein Erlebnis für alle Sinne

Sie ist einzigartig, aus 
der Vogelperspektive 
am besten zu erkennen, und in ihrer vollen Pracht erleben kann man sie im Frühjahr und im Herbst: die Hessenwiese in 
Michelbach.

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Die 1997 angelegte Hessenwiese in Michelbach aus Richtung Osten fotografiert. Dort wird im nächsten Jahr der letzte von 134 Bäumen gepflanzt. 

Quelle: mr//media

Michelbach. Die derzeit größte Sammlung hessischer Lokalobstsorten ist – quasi als Landkarte angelegt – in dieser Form einzigartig in Hessen. Sie ist das Ergebnis einer guten Idee und kam durch viele Helfer und Unterstützer zustande.
Der Marburger Pomologe (Obstbaukundler) Dr. Norbert Clement weiß, dass dabei auch Zufälle eine Rolle spielten.

Apfel, Michelbach. Foto: Tobias Hirsch

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Er ist in der Kreisverwaltung im Fachbereich Ländlicher Raum und Verbraucherschutz Fachdienstleiter für Klimaschutz und Erneuerbare Energien. Darüber hinaus ist er Kreisobstbauberater.

Von 1994 an war Fulda zwei Jahre lang sein Dienstort. Auf den langen Bahnfahrten sei ihm der Gedanke gekommen, es wäre schön, wenn man 
eine Fläche hätte, auf der alle hessischen Lokalobstsorten angepflanzt werden könnten, 
berichtet er. Aus der Idee wurde ein Plan, als ihm zu Ohren kam, dass die Absicht bestand, in Michelbach auf einer Fläche von zehn Hektar Streuobstwiesen anzulegen, als Ausgleichsflächen für das damals neu entstandene Baugebiet.

Der für Herbst 1996 geplante Beginn der Bepflanzung verzögerte sich. „Zum Glück“, sagt Dr. Clement, und erklärt: „Dort sollten konventionelle Sorten angepflanzt werden.“ Der Pomologe stellte den Verantwortlichen sein Konzept vor, fand Gehör und vor allem Mitstreiter.

Eine etwa 1,3 Hektar große Fläche wurde in 134 Standorte eingeteilt und genauestens vermessen. Maßstabsgetreu übertrugen Fachleute die Grenze Hessens auf die Anlage, sie ist als Hecke abgebildet und leuchtet im Herbst in den hessischen Landesfarben rot-weiß. Dafür sorgen die rote und weiße Schneebeere, die alle zehn Meter abwechselnd gepflanzt wurden.

Die meisten Lokalsorten gibt es keiner Baumschule

Im Herbst 1997 pflanzten die Obstbaufreunde die ersten hochstämmigen Apfelbäume, „solche, die in normalen Baumschulen erhältlich waren“, erinnert Dr. Clement und nennt als Beispiele den „Heuchel­
heimer Schneeapfel“ und „Ausbacher Roter“.

„Die meisten Lokalsorten bekommt man in keiner Baumschule“, betont der Fachmann und erklärt: „Sie sind selten, man muss den entsprechenden Baum finden, Reiser schneiden oder sich Reiser schicken lassen und diese dann an eine Baumschule zur Veredlung geben.“ Das sei eine langwierige Angelegenheit, sagt er.

Und wenn später der Baum gepflanzt ist, muss man ihn pflegen und wieder viel Geduld aufbringen, bis er die ersten Früchte trägt. Dann wird überprüft, ob es sich wirklich um die gewünschte Sorte handelt. Zu diesem Zweck werden die Früchte an die Pomologische Kommission geschickt.

Bisher stehen auf der Hessenwiese 122 Bäume

Erfahrene Sortenexperten übernehmen die Echtheitsüberprüfungen. „Bisher trugen mehr als 30 Sorten, die nach erfolgreicher Verifizierung auch als Reiser weitergegeben werden“, berichtet Dr. Clement. Seit 1997 wurden 107 Apfelbäume, 5 Birnbäume, 7 Kirschbäume und 3 Pflaumenbäume 
gepflanzt, in der Summe 122 Bäume.

Im Herbst sind weitere Pflanzungen geplant. 2017 soll der letzte von 134 Bäumen seinen Platz finden. Im Oktober nächsten Jahres – 20 Jahre nach ihrer Anlage – soll die Hessenwiese offiziell eingeweiht werden. Der Festakt findet im Zuge von Michelbachs 1200-Jahr-Feier statt. Betreut wird die Wiese von der Stadtentwicklungsgesellschaft Marburg und dem Verein zur Förderung Historischer Obstsorten Görzhausen.

Der Verein betreut zwei weitere bedeutende Wiesen. Auf einer stehen Obstbäume, die vor 1880 gezüchtet wurden. Auf der sogenannten Bürgerwiese findet man Sorten aus der Zeit von 1880 bis 1950. Nach 1950 begann eine Ära mit dem amerikanischen Apfel Golden Delicious und seinen Nachzüchtungen. Er gilt als die wichtigste Apfelsorte im Welthandel. Dr. Norbert Clement beschreibt ihn als „süß und super knackig“.

Er eigne sich gut zur Lagerung im 
Supermarkt. „Aber sie schmecken alle gleich“, sagt der Experte und weist auf ein großes Problem hin: „Es gibt viele Menschen, die auf den Golden Delicious und verwandte Sorten allergisch reagieren.“

von Hartmut Berge

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