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Ein Eldorado für Schatzsucher

"Regalbrett" Ein Eldorado für Schatzsucher

Mekka für Bummler, Künstlertreff oder Tratsch-Café: Es gibt viele Bezeichnungen, die durchaus zutreffend für den Laden von Moritz Petri sind. Auf diese Vieldeutigkeit ist der Jungunternehmer besonders stolz.

auf seiner Couch

Marburg. „Das ist genial“, sagt der Mann mit dem Fotoapparat. Er knipst die weißen Wände, dann die blank geputzten Regale. Fasziniert schlendert er durch den ansonsten noch völlig leerstehenden Laden. Dann hält er inne und macht noch ein Foto von Moritz Petri, der mitten in dem knapp 50 Quadratmeter großen Raum auf einem Drehstuhl sitzt. „Super“ sagt der Fremde, der eben einfach so hereinspaziert ist. Bis zu dieser Unterbrechung drehten sich die Gedanken von Petri noch um seine Zukunft. Darum, wie dieses Projekt- sein erster eigener Laden - wohl am besten funktionieren könnte. Die grundlegende Geschäftsidee hatte er schon lange mit sich herumgetragen.

Menschen sollten gegen eine geringe Gebühr Regalfläche mieten können, um auf dieser ihre eigenen, handgefertigten Arbeiten für Kunden anbieten zu können. Um alles andere - den eigentlichen Verkauf, die Abrechnung, ja sogar die Deko der verschiedenen Regal-„Abteile“ im Laden - würde sich Moritz Petri selbst kümmern. Nur der Start müsse gelingen. Aber eben ohne aufwendige Werbung - denn dafür fehlt das nötige Geld. Alles steckt in jenen angemieteten Räumlichkeiten in der Marburger Oberstadt.

Und bis zu diesem Zeitpunkt gibt es nur den Schriftzug „Myregalbrett“ draußen auf der Schaufensterscheibe. Petri muss irgendwie auf seinen Laden aufmerksam machen. Nur wie? Aus diesen Gedanken gerissen, blickt er nun aber irritiert von seinem Laptop auf. Der Mann mit dem Fotoapparat ist immer noch da. „Kann ich Ihnen irgendwie helfen?“, fragt Petri. Der Fremde schaut freundlich drein und sagt: „Ich finde das einfach nur großartig: Die Regale sind komplett leer. Denn alles, was es zu kaufen gibt, befindet sich ja schließlich in Ihrem Computer. Fantastisch. Wie lange sind Sie mit der Ausstellung noch hier?“

Moritz Petri muss lachen: „Er hatte wohl gedacht, das sei eine Art Kunstprojekt“, sagt der Jungunternehmer heute, etwas über zwei Jahre nach dieser ersten von vielen weiteren skurrilen Begegnungen, die sich seither in seinem Geschäft zugetragen haben. Ein Mann wollte ihm schon die Regale für eine Messe abkaufen, weil er den Laden-Namen falsch interpretiert hatte. Ein anderer Kunde versuchte, einen aufgerissenen Teddybär und einen alten Aschenbecher zu verkaufen.

Trotz dieser lustigen Missverständnisse hat „Myregalbrett“ seit Eröffnung im Januar 2014 eine echte Erfolgsgeschichte hingelegt. 94 „Aussteller“ haben derzeit Regalflächen gemietet und zeigen ihre kreativen Machwerke. Davon sind 46 „Dauerkunden“: Das bedeutet, sie mieten die Fläche über ein komplettes Jahr. Die meiste Miete muss man dabei für die Regalbretter bezahlen, die sich auf Augenhöhe befinden. Günstiger sind die tieferliegenden Flächen.

Die beständig wechselnde Angebotspalette ist so bunt wie das Publikum selbst. Es gibt selbstkreierten Schmuck, Taschen, Stofftiere, Postkarten, Accessoires und sogar Kaffee und Tee. Vieles davon mit Marburg-Bezug: Gürtelschnallen, auf denen das Schloss-Panorama abgebildet ist, Marburg-Schlüsselbretter oder -Kunstdrucke. Es geht aber auch besonders ausgefallen: Ein Kunde hat sich sogar schon selbst zum „Verkauf“ angeboten, berichtet Petri. Er habe seine Regalfläche als eine Art Single-Börse genutzt. Inklusive eines kleinen Porträtfotos von sich mit ein paar persönlichen Informationen. Der einzige Unterschied für Petri bestand nun darin, dass er nicht, wie sonst üblich, die Ware abkassierte und aushändigte, sondern den Kontakt herstellte.

„Die Menschen, die hierher kommen, bringen mich immer wieder auf neue Ideen“, sagt Petri. Im Prinzip könne man in dem Laden alles kaufen, außer der Couch, dem Tresen und der Kasse. Es gibt viel zu sehen, weswegen an manchen Tagen schon mal bis zu 30 Leuten gleichzeitig nach den kleinen und großen Schätzen suchen. „Über einen ganzen Tag können es dann schon mal so 600 bis 700 Leute werden“, sagt Petri. Unter Umständen kann das Umschauen auch mal etwas länger dauern. Einsamer Rekordhalter sei bislang ein asiatischer Tourist: „Viereinhalb Stunden war der hier. Ich habe ihn dabei mit Kaffee versorgt und sogar ein Müsli gemacht.“

„Das war wirklich die beste Entscheidung, die ich jemals getroffen habe. Es ist null eintönig, und ich weiß nie, was als Nächstes kommt. Der Laden verändert sich ständig“, sagt Petri rückblickend zu seinem Schritt in die Selbstständigkeit. Und seine Zukunft? Zurzeit arbeitet der 24-Jährige an einer App. „Streng geheim“, wie er sagt. Man darf gespannt sein...

von Dennis Siepmann

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