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Ein Blick zurück - nach vorn

Bildmeditation Ein Blick zurück - nach vorn

Auch scheinbar aussichtslose Geschichten können ein gutes Ende nehmen - das gilt nicht nur im Kino. Birgitta Marx lädt mit ihrer Bildmeditation zu einem persönlichen Jahresrückblick ein.

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Die Schlussszene aus „Lichter der Großstadt“ und das Cover der DVD von Arthaus.

Quelle: Arthaus

Marburg. Erkennen Sie ihn? Charlie Chaplin als der Tramp. Er lächelt. Gerade stellt er die letzte Frage in diesem Film: „Kannst du jetzt sehen?“ Die Begegnung mit der Frau, der er die Frage stellt, und ihre Antwort berühren ihn so, dass sein Lächeln bleibt. Es ist das letzte, das wir in diesem Film sehen, es begleitet die Abblende - das Schlussbild aus dem Film „Lichter der Großstadt“ (Originaltitel „City Lights“). Nicht nur für mich eines der schönsten und romantischsten Bilder der Filmgeschichte, wenn nicht sogar die berührendste Liebesgeschichte in einem Film überhaupt. Filmgeschichte - Geschichte. Silvester und Neujahr machen auch aus 2012 wieder Geschichte. Wenn Sie einen Augenblick Zeit haben, schaue ich mit Ihnen zurück, nicht allein - zusammen mit dem Tramp.

Als der Film 1931 ins Kino kam, waren Stummfilme eigentlich schon Geschichte. Charlie Chaplin hatte die Arbeit an „Lichter der Großstadt“ jedoch lange vorher begonnen und blieb bei seinem Konzept. Seine Figur, der Tramp, lebt im Stummfilm. Die durchschnittliche Filmfigur profitiert vom gesprochenen Wort, der Tramp benötigt es nicht, denn seine Sprache besteht aus Pantomime, Spiel und Tanz. Doch Chaplin wusste die neue Tonspur trotzdem zu nutzen, denn er komponierte eine Musik, die seine Geschichte mit trägt. Wenn man so will, ein sehr früher Videoclip, in abendfüllender Länge, mit Witz und voller Poesie.

Aus dem Bettler wird ein Retter für Arm und Reich

Die eigentlich recht simple Geschichte des Films soll ausführlich erzählt werden: Der mittellose Tramp mit seinen viel zu großen Schuhen und zu weiten Hosen, mit seiner Melone auf dem Kopf und seinem Spazierstock in der Hand, ist kaum mehr als ein Spottobjekt, der schon von Zeitungsjungen ausgelacht wird. Eines Tages begegnet er einer blinden jungen Frau, die Blumen verkauft. Durch einen bestimmten Umstand, den ich hier nicht verraten will, hält sie ihn für einen reichen Mann. Von seinem einzigen Geld kauft er ihr eine Blume ab, die sie ihm ans Revers heftet. Dabei berühren sich ihre Hände. Augenblicklich verliebt sich der Tramp in die Blumenverkäuferin, schleicht sich aber davon.

In der folgenden Nacht trifft er einen Millionär, der sich mit Strick und Stein beladen in einem Fluss ertränken möchte. Der Tramp versucht ihn vom Wert des Lebens zu überzeugen: „Und morgen singen die Vöglein wieder“ heißt das Motto auf der Tafel und Chaplin zeigt es ihm und uns mit seiner Pantomime und seiner Musik. Dazu kommen die in den Filmen der Zeit üblichen Verwirrungen und Slapstick-Szenen, es wird viel ins Wasser gefallen und heraus gezogen, doch am Ende erscheint der Millionär überzeugt: „Ich bin geheilt. Sei mein Freund auf immer und ewig!“

Daraufhin trinken sie im Haus des Millionärs auf ihre Freundschaft und setzen dies in der Stadt fort: „James, den Rolls Royce. Wir trinken die Stadt leer.“ Natürlich gibt es im Lokal Turbulenzen, schwungvolle Tanzeinlagen, fast Prügeleien und alles gipfelt in einer legendären Szene mit Luftschlangen und Spaghetti.

Nachdem der Millionär den Rolls-Royce seinem Retter und Freund geschenkt hat, trifft der die Blumenverkäuferin wieder, kauft ihr vom Geld des Millionärs alle Blumen ab und fährt sie mit der stolzen Limousine in ihre bescheidene Wohnung in der sie mit ihrer Großmutter lebt. Am nächsten Tag und ausgenüchtert erkennt der Millionär den Tramp nicht wieder und jagt ihn fort. Fortan wird das immer wieder geschehen, denn der Millionär erkennt seinen Retter nur im betrunkenen Zustand. Indes sucht der Tramp das Blumenmädchen, doch der Platz, an dem sie sonst Blumen verkauft, ist leer. Heimlich schleicht er sich zu ihrer Wohnung. Durch das Fenster sieht er, ein Arzt ist bei ihr, sie ist krank, hat Fieber. Um ihr helfen zu können, sucht der Tramp Arbeit und nimmt eine Stelle bei der Straßenreinigung an. In jeder Mittagspause, besucht er sie und liest aus der Zeitung vor. Dabei entdeckt er die Geschichte eines Arztes, der mit einer Operation, einem Erblindeten das Augenlicht zurück geben konnte. Kurz darauf bemerkt er jedoch in der Wohnung einen Brief mit einer Mahnung: Die Blumenverkäuferin und ihre Großmutter sind deutlich im Mietrückstand und müssen, wenn sie die Schulden nicht begleichen, die Wohnung räumen. Geschockt verspätet sich der Tramp an seiner Arbeit, verliert deshalb seine Stelle und heuert bei einem abgesprochenen Boxkampf an - sie teilen Fifty-fifty, keinem passiert etwas, so die Absprache: Sein Anteil würde die Mietschulden decken!

Kurz bevor der Kampf beginnt, erhält der Tramp allerdings einen neuen Gegner. Es gibt keine Absprache mehr und im Boxring beginnt ein faszinierender Tanz. Doch trotz aller Geschicklichkeit, der Tramp kann nur verlieren und mit dem Geld verliert er die Hoffnung. Aber er hat Glück, denn der betrunkene Millionär trifft ihn wieder und will ihm helfen. Alles verspricht gut zu werden, doch erst bringen Diebe alles durcheinander und nach einem Schlag auf den Kopf kann sich der Millionär wie sooft nicht an den Tramp erinnern und schon gar nicht daran, ihm das Geld gegeben zu haben, das die Polizei bei ihm findet. Im letzten Moment schafft es der Tramp noch dem Blumenmädchen die Summe für die Miete und die Augenoperation zu geben, dann wird er festgenommen und landet im Gefängnis.

Monate später wird er aus der Haft entlassen. Er hat nichts mehr, sieht noch lächerlicher aus als zuvor und ist nur noch Spott für die Welt. Das Blumenmädchen hat sich inzwischen mit ihrer Großmutter einen wunderschönen Blumenladen aufgebaut. Beide tragen hübsche Kleider, aber das wichtigste ist, das Mädchen kann sehen. Bei jedem reichen Mann, der den Blumenladen betritt, hält sie den Atem an: Könnte er es sein? Der Tramp wandert am Laden vorbei, sieht sie durch die Glasscheibe und ist wie gebannt. Ihr Anblick berührt ihn. Er hebt eine der herausgekehrten Blüten aus dem Rinnstein auf. Das Blumenmädchen lacht ihn zwar aus, aber hält ihm eine Blume als Geschenk hin. Er bewegt sich nicht, sieht sie einfach nur an und lächelt. Sie geht aus dem Laden und hält ihm auch ein Geldstück hin: Will er die Blume oder doch lieber Geld? Der Tramp lächelt, das Geld will er nicht. Als er die Blume nimmt, ergreift sie seine Hand, zieht ihn zu sich und gibt ihm auch das Geldstück. Doch als sie seine Hand und dann sein Revers berührt, stutzt sie. Ihr Blick verändert sich, sie versteht...

„Du?“

Er nickt: „Kannst Du jetzt sehen?“

„Ja, ich kann jetzt sehen.“

Selbstlos und unsagbar glücklich schaut er sie an, die Welt will stehen in diesem Moment. Sie drückt seine Hand an ihr Herz, er lächelt und kaut auf seinen Fingern.

Vielleicht würde man die gesprochenen Worte gar nicht benötigen. Die Kamera fängt abwechselnd seinen und ihren Blick ein. Und diese Blicke voller Zärtlichkeit sagen genug. Manche nennen diese Szene sogar den „heiligsten Moment der Filmgeschichte“.

Für mich ist dieser ganze Film eine Art Meditation, eine Betrachtung über das Leben, und daher am Ende eines Jahres sehr passend.

Unsichtbare Helfer im eigenen Leben erkennen

Das Jahresende ist eine Zeit der Rückblicke. Fernsehprogramme und Zeitungen liefern dazu Sonderausgaben. Wir schauen zurück. Manches, vielleicht sogar vieles, haben wir schon vergessen. Manchmal stellt man verwundert fest: Ach, das war auch dieses Jahr? Aber neben den Rückblicken im Großen, schauen wir meist auch persönlich zurück. Was habe ich eigentlich in diesem Jahr erlebt? Welche Menschen sind mir begegnet? Manches ist uns nicht mehr bewusst und kaum passiert, fast vergessen. Und doch ist so viel los gewesen! In der Hektik der Zeit und dem vielen, was alles getan und gemacht wird, läuft man oft dahin wie die Tage. Man tut und verrenkt sich, landet - manchmal ganz wie eine Slapstick-Figur - im Wasser, wird herausgezogen und bekommt doch wieder nur auf die Nase. Aber wie der Tramp sein Leben in allen Punkten, die uns von Bedeutung sind, zu verlieren scheint, kann am Ende etwas anderes bleiben als das Treiben und Getue. Der Blick auf die berührende Geschichte eines Menschen, das zunächst selbstlose Dasein für einen anderen Menschen, der seine Hoffnung aus der Suche nach Nähe bezieht.

Sehen wir einfach noch mal genau hin, tasten dem vergangenen Jahr nach. Vielleicht haben wir darin auch Menschen erlebt, die uns begleiteten, ohne dass wir es richtig gemerkt haben. Solche, die im Hintergrund wirkten, für uns da waren, die wir aber nicht wirklich wahr genommen, nicht gesehen haben.

Vielleicht konnten auch wir umgekehrt ein solcher Mensch für einen anderen sein. Ohne großes Aufhebens zu machen, einfach mit tiefer innerer Freude für einen Menschen dagewesen zu sein, dem es jetzt besser geht. Schauen wir genauer hin - denn bei all dem Getriebe - genau das zu vergessen, wäre unendlich schade: „Ja, ich kann jetzt sehen.“

An Weihnachten haben wir auf das neugeborene Jesuskind in der Krippe geschaut und uns von ihm anrühren und berühren lassen. Dieser Jesus bleibt nicht das Kind in der Krippe, er hält auch im neuen Jahr viel für uns bereit. Er berührt nicht nur zu Weihnachten - er kann uns auch durch andere Menschen berühren und wir können seine Berührung auch ohne große Worte und Bedingungen weiter verschenken. Sowohl in einem fast vergangenen als auch im Neuen Jahr! Vielleicht nehmen wir dann einen freundlichen Blick mit hinüber, der uns begleitet.

von Birgitta Marx

Zur Person:

Birgitta Marx ist Gemeinde-?referentin der Katholischen Hochschulgemeinde Marburg. Privatfoto

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