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Ein Blick in den Rückspiegel

Willi will helfen Ein Blick in den Rückspiegel

Sechs Tage hat die Reise von der syrischen Grenze zurück nach Hessen gedauert. Zeit genug für Willi und Manuel Weitzel, über ihre Hilfsaktion und die damit verbundenen Höhen und Tiefen nachzudenken.

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Und er rollt und rollt und rollt – nach etwa 7500 Kilometern haben Willi und Manuel Weitzel den Lkw gestern Abend wieder sicher in Gießen abgegeben. Nach drei Wochen kehren die Brüder von ihrer Hilfsreise zurück. 

Quelle: Thomas Strothjohann

Marburg . OP: Ihr habt mit der Aktion „Willi will helfen“ 25 000 Euro Spenden und drei Tonnen Hilfsgüter gesammelt. Ihr seid rund 3500 Kilometer bis an die syrische Grenze und wieder zurück gefahren, um die Spenden persönlich zu übergeben. Das habt Ihr geschafft – aber konntet Ihr wirklich helfen?
Willi Weitzel: Ja. Einerseits konnten wir den Flüchtlingskindern und ihren Eltern mit einfachen Sachen wie Handbüchern, Handcreme und Deo den Alltag im Ausnahmezustand ein wenig erleichtern. Und darüber hinaus war unser Transport auch ein Zeichen, das den Flüchtlingen gezeigt hat, dass es viele Menschen in Deutschland gibt, denen ihr Schicksal nicht egal ist.
Manuel: Für die Helfer vor Ort war es ein echter Motivationsschub. Wir haben in persönlichen Gesprächen mit Andrea und ihren Kollegen vom Kinderhaus, erklärt, wie beeindruckend wir ihre Arbeit finden – mit welcher Hingabe sie sich um die traumatisierten Kinder kümmern. Damit konnten wir die positive Energie und die guten Wünsche, die wir mitgebracht haben, wirklich auf die Helfer vor Ort übertragen. Das war mir persönlich sehr wichtig und es hat mich sehr berührt, das zu erleben.

Gastfreundschaft als prägende Erfahrung

OP: Welche Erlebnisse bleiben Euch in Erinnerung?
Manuel: Da gibt es viele: Die Spendenübergabe in Bulgarien, die drohte, aus dem Ruder zu laufen. Die zermürbenden 24 Stunden bei Ein- und Ausreisen in die und aus der Türkei. Die Gastfreundschaft und Aufgeschlossenheit der vielen Menschen, denen wir von Deutschland aus bis ans Ende Anatoliens begegnet sind. Wie wir trotz unserer Sprachschwierigkeiten so einfach gute Geschäfte in Istanbul machen konnten. Auch die Ankunft an der syrischen Grenze – wo der Krieg geradezu in der Luft lag – werde ich nicht vergessen. Aber vor allem die bunte Oase – das Kinderhaus in Antakya – und die Menschen, die wir dort erlebt haben, bleiben mir in Erinnerung.

Willi: Ich erinnere mich an viele Blicke und Augen. Wir haben uns mit großen Problemen beschäftigt und in den Augen der Menschen hat sich die ganze Bandbreite der Gefühle von wahrer Freude bis Verzweiflung gespiegelt.In Istanbul habe ich die Augen der syrischen Helferin Rana gesehen, die zu weinen begann, als wir über die Zukunft ihrer Heimat gesprochen haben.
Den leeren Blick der Frau, die mit ihren zwei Kindern nachts auf der Straße kauerte. Ich habe auch den entschlossenen Blick von Andrea vor Augen, die ihr Leben in Kanada aufgegeben hat, um ihren Landsleuten zu helfen.
Aber auch mit meinem Bruder habe ich viele Blicke gewechselt – darin lag mal die Freude über den Erfolg der Aktion, aber auch Angst und Zweifel an der syrischen Grenze.

Andrea begrüßt jedes der Kinder mit Küsschen. Wie sie sich kleidet, wie sie mit Männern umgeht ist für konservativere Syrer - wie die Eltern der meisten Kinder aus dem Projekt - ungewöhnlich. Aber sie akzeptieren die Psychologin, die ihren Kindern das Leben leichter macht. Die Wort hält und auch den Familien hilft.

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OP: Habt Ihr mal gefürchtet, dass die Aktion scheitert?
Willi: Ich hatte mir so fest in den Kopf gesetzt, es zu schaffen, dass ich nie wirklich daran gezweifelt habe, dass wir bis an die syrische Grenze kommen. Aber wir mussten manchmal ganz schön kämpfen, um es wirklich hinzukriegen: Mit bürokratischen Hürden, den vielen Polizei- und Grenzkontrollen oder auch den steilen Karpartenpässen. Die guten Wünsche der Spender haben uns dabei einerseits getragen, aber andererseits auch unter Druck gesetzt – die wollten wir auf keinen Fall enttäuschen.
Manuel: Wenn ich zurückschaue, muss ich allerdings sagen, dass es durchaus hätte schief gehen können: Es ist ja nicht selbstverständlich, dass uns so viele Menschen unterstützen, uns sogar einen Lkw kostenlos zur Verfügung stellen und ihn dekorieren.

Normalität im Krisengebiet

OP: Was würdet Ihr Menschen empfehlen, die auch helfen wollen?
Manuel: Ein positiver Nebeneffekt vom Helfen: Wenn man sich um die Sorgen anderer kümmert, werden die eigenen ganz klein. Aber grundsätzlich muss man sagen: Es geht nur gemeinsam mit Helfern und Partnern. Wir alleine können uns nicht nachhaltig um die Kinder in Antakya kümmern. Aber wir unterstützen mit der Hilfe von zu Hause diejenigen, die das machen. Wir haben die Welt mit dieser Aktion nicht gerettet. Aber vielleicht ein bisschen besser gemacht. Ich finde, man sollte machen, was machbar ist. Hilfe brauchen Menschen auch gleich nebenan.

OP: Über drei Wochen in einem Führerhäuschen, zum ersten Mal seit 20 Jahren als Brüder so lange zusammen – wie war das?
Willi: Wir haben uns ja nicht nur das Führerhäuschen, sondern auch das Schlafzimmer geteilt. Das war ein bisschen wie früher, als wir noch im selben Kinderzimmer gewohnt haben. Obwohl wir seit 20 Jahren so weit voneinander entfernt leben, habe ich in diesen Tagen festgestellt, wie ähnlich wir uns immer noch sind: Angefangen mit der DDR-bedingten Grenzphobie, aufgehört mit gemeinsamen Witzen und Geschichten. Mitten in Rumänien haben wir eine runde Tischtennis gespielt – wie früher jeden Tag in Stadtallendorf im Keller.

OP: Wie war es auf der Tour um Eure Ernährung bestellt?
Manuel: Wir sind da voll ins Trucker-Leben eingestiegen: Tagsüber gab es nur, was an der Autobahn verkauft wird. Tütenweise Salzstangen und der Vorrat an Schokolade und hessischer Land-Salami haben bis Anatolien gehalten. Da musste ich das letzte Stück Salami wegschmeißen – sie war der Hitze im Handschuhfach nicht gewachsen. Wahrscheinlich war es seit langem die letzte Schweinewurst, die auf türkischen Autobahnen gegessen wurde.
In der Türkei gibt es an den Autobahnen allerdings sehr viel besseres und günstigeres Essen, als in Deutschland. Da gibt es zum Beispiel Moussaka mit Reis und Kichererbsen, oder frisch gegrilltes Dönerfleisch – und zum Abschluss einen Chai aufs Haus. Oder einen selbstgekochten Espresso vom Gaskocher.

OP: Worauf freut Ihr Euch jetzt am meisten?
Manuel: Ich freue mich am meisten, meine Kinder und meine Frau wiederzusehen und morgen früh nicht wieder rein in den Lkw steigen zu müssen, sondern einfach einen Tag zu Hause zu verbringen.
Denn die Tour hat natürlich auch ein paar Spuren hinterlassen – die ich erst mal verarbeiten muss.
Willi: Ich freue mich natürlich auch auf meine Familie. Aber auch darauf, die vielen Fotos anzugucken und die ganze Aktion noch einmal Revue passieren zu lassen.

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