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Ein Ausflug in die verborgene Welt der Pilze

Lecker, giftig, nützlich Ein Ausflug in die verborgene Welt der Pilze

Wer mit offenen Augen durch den Wald geht, wird viele verschiedene Pilzarten entdecken. Nicht jeder Pilz ist jedoch verträglich für den Menschen.

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Vom Grünblättriger Schwefelkopf sollten Sammler die Finger lassen - der Pilz ist hochgiftig.

Quelle: Verena Pophanken

Marburg. Gemeinsam mit Peter Grzybowski, Pilzsachverständiger aus Marburg, geht die OP im Wald am Klinikum Sonnenblick auf den Marburger Lahnbergen auf die Suche nach Speisepilzen. Das Wetter ist heute zum Glück beständig trocken - ab und zu schaffen es sogar einige Sonnenstrahlen, sich durch die Wolken zu kämpfen.

Auf den ersten Metern im Wald finden sich nur wenige Pilze. Meist handelt es sich dabei um sogenannte Täublinge - das sind sogenannte Sprödblättler-Pilze. „Erkennbar sind Täublinge meist an ihrer kompakten Form. Sowohl Hut als auch Stiel sind kräftig“, erklärt Grzybowski und macht gleich fachkundig deutlich: „Diese Pilze sind zwar nicht giftig, aber ungenießbar.“ Der passionierte Pilzsammler und Pilzsachverständige ist Feuer und Flamme für sein Hobby - das ist deutlich spürbar, während er von den verschiedenen Pilzgattungen spricht. Es geht tiefer in den Wald hinein. Viele von den massenhaft wachsenden Schwärztäublingen werden Sammlern wohl noch im nächsten Jahr als vertrocknete Pilzleichen auffallen. Pilzsammler sollen die Finger lassen von angeschimmelten oder alten Pilzen, da ihr Verzehr zu einer Lebensmittelvergiftung führen kann, weiß Grzybowski.

200 bis 300 giftige Pilze

„Es gibt bis zu 6 000 verschiedene Großpilze in Europa. Als Großpilze werden die Pilze bezeichnet, deren Fruchtkörper voneinander mit bloßem Auge unterschieden werden können“, erklärt der Fachmann. 200 bis 300 davon sind als giftig einzustufen. Die Zahl der essbaren Pilze ist jedoch sehr viel größer. „Essbarkeit bedeutet aber nicht immer auch Schmackhaftigkeit“, fügt der Pilzsachverständige verschmitzt hinzu.

„Pilze haben drei große Aufgaben“, sagt Grzybowski. Zum einen als Parasiten, die sich auf lebenden Organismen ansiedeln, wie Birnen-Gitterrost und Sparriger Schüppling. Diese parasitären Pilze setzen sich auf Obstbäumen ab. Sie dienen dazu, Schwaches zu beseitigen, damit Lebensfähigeres nachwachsen kann. „Hinzu kommen Pilze, die den Bakterien bei der Zersetzung von organischen und pflanzlichen Stoffen den Löwenanteil der Arbeit abnehmen“, erklärt Grzybowski. Sie fungieren als natürliche Recycler. Als dritte Aufgabe fällt den Pilzen in Verbindung mit den Baumwurzeln die Versorgung der Bäume und Kräuter zu. „Das sogenannte Myzel, ein spinnwebartiges Geflecht im Erdboden, ist der eigentliche Pilz. Was im Sprachgebrauch als Pilz bezeichnet wird, ist der Fruchtkörper“, erklärt Gryzbowski, während er auf das netzartige Geflecht zeigt.

Die Verbindung zwischen Pilzmyzel und Baumwurzel nennen Fachkundige Mykorrhiza. Auffällig ist, dass Bäume, deren Wurzeln mit Mykorrhiza zusammen„arbeiten“ kräftiger sind, da die Wasser- und Nährstoffversorgung besser ist, als bei anderen ohne diese Form der Symbiose. „Manchmal ist es auch nützlich, den Blick vom Boden zu heben und an den Stämmen der Bäume zu suchen“, hält Grzybowski einen Tipp parat, den Pilzsammler sich merken sollten. „Und immer darauf achten, dass keine freistehende Baumwurzel oder Äste im Weg sind, da sonst die Gefahr eines Sturzes droht“, fügt er verschmitzt hinzu.

Oft an helleren Orten

Bei der Pilzsammelexkursion mit der OP gab es glücklicherweise keine Verletzten. Während der Wanderung über die Waldwege stellt sich heraus, dass Pilze bevorzugt an hellen Orten wachsen, wie auf Lichtungen oder etwas freieren Stellen im Gehölz. Als verantwortungsbewusster Pilzsammler sollte man darauf achten, dass die ausgezeichneten Wege und Waldpfade benutzt werden, damit die Tier- und Pflanzenwelt nicht zu stark beeinträchtigt wird. Wer doch einmal quer durch den Wald wechseln möchte, nutzt am besten bestehende Trampelpfade, um den Wald nicht noch mehr zu schädigen. Häufig wachsen die Fruchtkörper der Pilze auch an den Wegesrändern - also immer Augen auf!

Insgesamt erwies sich die Ausbeute an Speisepilzen an diesem Tag nicht als sehr ergiebig. Andere Pilzsammler haben in den zurückliegenden Tagen der in diesem Jahr früh angebrochenen Pilzsaison bereits sehr erfolgreich gesammelt.

„Milchlinge, gehören zu den Pilzarten, die weniger gesammelt werden“, sagt Grzybowski. Als Milchlinge werden die Pilze bezeichnet, die „Milch geben“ sobald die Blätter an der Unterseite des Hutes verletzt werden. „Dafür sind Röhrlinge heiß begehrte Pilze, die vordringlich gesammelte werden, weil nur wenige Röhrlinge in Deutschland vorkommen, die nach der Zubereitung noch giftig sind“, erläutert er.

Selbstgesammeltes zum Braten und Kochen

Die gesammelten Pilze eignen sich nach dem Putzen zum Braten und Kochen. Bestimmte Pilze schmecken auch roh im Salat, etwa Steinpilze. Grzybowski räumt mit einem Irrtum auf: Pilze dürfen auch abgebraust werden, allerdings möglichst nur die Hutoberseite. Denn bei Röhrlingen sollte die Unterseite, deren Röhren sich sonst zu stark vollsaugen, unbedingt trocken bleiben.

Höchste Vorsicht ist bei Knollenblätter-Pilzen geboten, sie gehören mit zu den giftigsten Vertretern. Es kann zu Verwechslungen kommen - so etwa kann der essbare Perlpilz mit dem sehr ähnlich aussehenden giftigen Pantherpilz verwechselt werden. Peter Grzybowski bietet an der Volkshochschule Marburg einen Kurs zum Thema Pilze sammeln an. Der Kurs beginnt mit einer von sieben Wanderungen am Sonntag, 21. September, um 14 Uhr. Ergänzend zu den Wanderungen gehören fünf Abendseminare ab Mittwoch, 24. September, im wöchentlichen Rhythmus (Kontakt unten).

Infos und Anmeldung bei der VHS Marburg unter Telefon 06421/201-246 oder E-Mail: vhs@marburg-stadt.de

von Verena Pophanken

Sammler-Tipps
Ausschließlich die Pilze sammeln, die eindeutig bestimmt werden können.Den kompletten Stiel freilegen und aushebeln, so dass alle kennzeichnenden Merkmale erhalten bleiben, wenn man sich nicht sicher ist und den Pilz zur Bestimmung mit nach Hause nehmen will. Zu junge, altersweiche und befallene Pilze am Fundort zurücklassen.Keine Apps für das Smartphone verwenden. Die Apps bieten keine hilfreichen Beschreibungen für die Bestimmung von Pilzen.Zum Verzehr bestimmte Pilze nicht in Plastiktüten oder geschlossenen Plastikgefäßen transportieren, da es zum Zerfall von Pilz-Eiweißen in giftige Verbindungen kommt. Daher sollte ein luftiger Korb verwendet werden, da die Beute darin nicht zerquetscht wird. Einen Pilzkurs besuchen. Wer nach dem Pilzkurs schon Erfahrung gesammelt hat, sollte anfangs noch mit einem geübten Pilzsammler auf Suche gehen. Zur Bestimmung der Pilze nicht an den Fotos orientieren, sondern die Beschreibung gründlich mit dem gefundenen Pilz vergleichen. Im Zweifelsfall: Finger weg! Mit bis zu drei Pilzen zu einem Pilzberater oder einem anderen Kundigen gehen und anhand eines Fachbuches den bestimmten Pilz genau einprägen.Wer Pilze sammelt, sollte wachsam bleiben: Die Verwechslungsgefahr von essbaren mit giftigen Pilzen besteht immer.
Was tun bei Pilzvergiftung?
Vergiftungserscheinungen treten nicht direkt nach dem Verzehr von Pilzen auf – es kann einige Stunden dauern. Allerdings kommt es auf den Pilz an. Peter Grzybowskis Tipps: Alle Teilnehmer der in Frage kommenden Mahlzeit verständigen.Arzt anrufen oder aufsuchen, wenn dieser nicht erreichbar ist, dann den Notarzt verständigen. Ruhe bewahren! Pilzberater verständigen (Toxikologie Mainz, Telefon 06131/19240). Alle Pilzreste für den Pilzberater aufbewahren (gegebenenfalls auch Erbrochenes). Der Pilzberater kann Putzreste oder ganze Pilze zur Identifizierung nutzen.
Heimische Pilze - eine Auswahl von essbaren Sorten, die im Landkreis vorkommen
  • Steinpilze, wie der Sommersteinpilz: hell-lederbrauner Hut, Stiel mit einem weißen, im Alter bräunlichen Netz, vorwiegend in Laubbaumbeständen, Hauptsaison von Juni bis September
  • Maronen-Röhrling: dunkler bis hellbrauner Hut, längsgefaserter bräunlicher Stiel, meist bei Fichten und anderen Nadelbäumen zu finden, Hauptsaison von August bis Oktober
  • Gold-Röhrling oder auch Lärchenröhrling: schleimige hellgelbe Huthaut, die später orangerötlich wird, strenger Lärchenbegleiter, Hauptsaison von Juli bis Oktober
  • Riesenschirmling (wie Parasol): hellbrauner Hut mit gezonten, weichen und wolligen Schüppchen; Rand ist behangen; schlanker, zäher und faseriger hellbrauner Stiel mit dunkelbrauner Natterung, am Stiel befindet sich ein wollig-weißlicher Ring, zu finden in Mischwäldern und an Waldrändern, Waldwegen sowie Heiden, Hauptsaison von Juni bis Oktober; Krause Glucke: Hirnartige, schwammartige gekräuselte Struktur, erst weißlich, später gelb, bei Laubbäumen und Tannen zu finden, Hauptsaison von August bis Oktober
  • Champignons: weiße feinschuppige Huthaut über Hutrand hinaus und abziehbar, weißer brüchiger Stiel mit verkümmertem Ring, in Gärten, auf Wiesen und Weiden sowie Maisfeldern zu finden von Frühsommer bis Spätherbst
  • Pfifferlinge: trichterförmiger Hut mit eingerolltem Rand, zu finden in Laub- und Nadelbäumen, Hauptsaison von Juli bis September; Hallimasche: rotbrauner Hut mit abwischbaren braunen Schüppchen darauf; Stiel ist längsfaserig mit einem dicken Ring, nicht jeder verträgt ihn, wächst im Nadel- und Laubholzbestand, Hauptsaison von September bis November; Edel- und Fichten-Reizker: orange-weißlich bereifter Hut und Stiel, der zusätzlich mit Grübchen auftritt, nach Anschnitt nimmt der weißliche Stiel eine karottenrote Farbe an, zu finden im Nadelwald, Hauptsaison von August bis Oktober
  • Stockschwämmchen: Sie haben Schuppen am Stiel unter dem Ring und wachsen im Landkreis nur im Laubholz-Wald, Hauptsaison von Mai bis November
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