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Ein Arbeitsplatz so heiß wie in der Sauna

Marburgs heißeste Orte (2) Ein Arbeitsplatz so heiß wie in der Sauna

Seit mehr als 30 Jahren arbeitet Rainer Härtel bei Temperaturen bis mehr als 40 Grad. Er ist Kesselwärter im Heizkraftwerk Ortenberg. Von dort werden Teile des Stadtgebiets mit warmem Wasser und Strom versorgt.  

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Er kennt hier jede Schraube – seit über 30 Jahren arbeitet Rainer Härtel im Heizkraftwerk Marburg. Im Untergeschoss wird es bis zu 45 Grad heiß.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Sprosse für Sprosse klettert Rainer Härtel den Schacht in das Erdgeschoss des Heizkraftwerkes hinunter. Mit jedem Schritt, den er in die Tiefe steigt, wird es wärmer. Unten angekommen, wirft er einen Blick auf sein Thermometer: 45 Grad.

Länger als 15 Minuten darf er sich hier unten nicht aufhalten – so schreibt es die Richtlinie für hitzebelastete Arbeitsplätze der Berufsgenossenschaft vor. Um die Wärmemengenzähler zu eichen, welche die Energie messen, die aus dem Heizwerk in das Fernwärmenetz gefördert wird, hat er also nicht viel Zeit.

Härtel geht einen langen Gang entlang, der in ein Schummerlicht getaucht ist und an den Schacht einer Zeche erinnert. An den Wänden sind viele große und kleine Stahlrohre zu erkennen. Sie sind der Grund für die Hitze. Durch sie fließt das Wasser, das in den großen Gaskesseln des Werkes erhitzt wurde und über das Fernwärmenetz  hinaus zu den Kunden im Stadtgebiet transportiert wird.

„Nicht berühren, die sind heiß“, warnt Härtel und bückt sich, um unter einem dicken Rohr durchzukriechen. Auf der anderen Seite angekommen, richtet er sich langsam auf und nimmt für einen kurzen Moment seinen gelben Schutzhelm ab, um sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn zu wischen. Hier unten gerät selbst er, der seit über 30 Jahren als Kesselwärter im Heizkraftwerk am Ortenberg arbeitet, ins Schwitzen.

Schutzkleidung ist im Heizkraftwerk Pflicht

Das passiert normalerweise nicht sehr häufig. „Ich bin verwöhnt“, sagt der 60-Jährige. Er hat sich an die Wärme, der er jeden Tag ausgesetzt ist, gewöhnt. In die Sauna geht er schon lange nicht mehr. Während andere in T-Shirts herumlaufen, trägt er einen Pulli.

Außer im Werk. Hier trägt er eine spezielle Schutzkleidung aus flamm- und hitzefestem Nomex, einem dichten, schweren Faserstoff. Null Prozent atmungsaktiv. Dafür 100 Prozent sicher – vor Schmutz, Chemikalien und Verbrennungen.

Die meiste Zeit arbeitet er im Obergeschoss des Heizwerkes, wo er drei Gaskessel, eine riesige Gasturbine und eine nachgeschaltete Dampfturbine beaufsichtigt, die eine thermische Leistung von insgesamt rund 38 Megawatt erzeugen.

„Damit lassen sich umgerechnet rund 1 500 Einfamilienhäuser mit Wärme versorgen“, erklärt er.

Hauptabnehmer sind  die Liegenschaften der Universität und der Stadt Marburg, wie etwa die naheliegenden Gebäude der Philipps-Universität, das Uni-Klinikum oder die Stadtbibliothek.

Im Moment ist nur ein Gaskessel in Betrieb, um das Wasser auf bis zu 90 Grad zu erhitzen. „Bei den Temperaturen heizt ja keiner und für warmes Wasser reicht es völlig aus“, so Härtel. Im Sommer könne man hier auch mal ein Fenster öffnen. In der Heizperiode von April bis Oktober, wenn alle Geräte auf Hochtouren laufen und das Wasser  auf bis zu 130 Grad erhitzen, sei dies aufgrund des Lärms nicht mehr möglich. Dann steigt auch hier die Umgebungstemperatur bis ins Unerträgliche.

„Ich mag die Vielfalt. Es wird nie langweilig“

Warum hat er sich trotzdem für diesen Beruf entschieden? „Ich mag die Vielfalt. Es wird nie langweilig“, sagt Härtel. Erst neulich musste er durch einen schmalen Einstieg, das sogenannte „Mannloch“,  in den im Sommer still gelegten Abhitzekessel klettern, um  die Schrauben und Schweißnähte zu kontrollieren. Und gegen die Hitze könne man ja etwas unternehmen: viel trinken. Mindestens drei Liter Wasser trinke er am Tag.  Die Faszination für seinen Job nimmt man Rainer Härtel ab, wenn er durch die Gänge des Heizkraftwerkes geht und an den einzelnen Geräten stehen bleibt, um den Wärmetransportkreislauf zu erklären. Er kennt jede Schraube, jedes Ventil und weiß somit mehr über die Anlage als manch ein examinierter Maschinenbauingenieur.

von Ruth Korte

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