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Eigentümer will Fachwerkhaus retten

Brandruine Eigentümer will Fachwerkhaus retten

Kampf für das Kulturdenkmal: Der Eigentümer des bei einem Brand beschädigten Fachwerkhauses in der Marbach will das Gebäude erhalten. Ob der Rettungsplan funktioniert, ist aber fraglich.

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Das um 1880 gebaute Fachwerkhaus in der Brunnenstraße musste nach einem Brandanschlag im August 2014 von der Feuerwehr 
gelöscht werden. Bereits wenige Monate zuvor, im Mai 2014, legten Unbekannte Feuer am Haus.

Quelle: Nadine Weigel

Marbach. „Dieses Haus ist der Lebensinhalt unserer Familie. Mit aller Kraft, die wir noch haben, kämpfen wir für dessen Erhalt“, sagt Jakob Seibert. Dem 67-Jährigen gehört das um 1880 erbaute Haus, das im Mai und August 2014 bei Brandanschlägen stark beschädigt wurde und seitdem verwittert. Seit der Unternehmenspleite des Vaters vor vielen Jahren plagen die Familie nach eigenen Angaben hohe Schulden. Deshalb könne man die Denkmalsanierung, nicht mal den Schutz – Schätzungen der Stadtverwaltung zufolge würde dieser zwischen  10 000 und 50 000 Euro kosten – bezahlen.

Der Plan, der die Rettung bringen soll: Das der Familie ebenfalls gehörende, rund 11 000 Quadratmeter große Baugebiet „Auf der Eich“ in der Marbach an einen Investor verkaufen und mit rund 50 Prozent des kalkulierten Erlöses – eine sechsstellige Summe – das Fachwerkhaus wieder aufbauen. In einem Schreiben, das der OP vorliegt, beteuert die Familie gegenüber dem Marbacher Ortsbeirat und der Stadtverwaltung, dass sie mit dem Grundstücksverkauf die Immobilie sanieren werden.

Im Dezember 2010 stand Zwangsversteigerung an

Das Innere sowie Äußere des Gebäudes samt der Freiflächen sollen „in einen akzeptablen Zustand versetzt werden“ , damit die Ortsmitte des Stadtteils „aufgewertet“ werde. „Es soll keinesfalls der Eindruck entstehen, dass mit dem Grundstück Spekulationen betrieben werden“, heißt es in dem Brief. „Das ist ein Versprechen, das wir abgeben und das bestehen bleibt“, sagt Seibert. Die Familie „hatte nie und hat nicht vor, das Gebäude und das Grundstück an einen Investor zu verkaufen, so dass dort etwa neue Wohnungen entstehen könnten“.

Problem: Das Fachwerkhaus stand bereits – wohl wegen der Schuldenlast der Familie – im Dezember 2010 zur Zwangsversteigerung an. Vor dem Amtsgericht soll ein Zuschlag erteilt worden sein, zum Verkauf kam es jedoch nie. „An diesem Haus hängt das Herz, die Erinnerung und Identität einer ganzen Familie dran“, sagt der 33-jährige Sohn, der ebenfalls Jakob Seibert heißt.

Die Mehrheit des Stadtparlaments stimmte einer Bebauung des Areals „Auf der Eich“ bereits am 30. März 2012 zu –  zuvor hatte auch der Ortsbeirat Marbach mehrfach Beschlüsse gefasst, wonach auf dem Grundstück nahe des ehemaligen Europabads Wohnhäuser entstehen sollten. Acht Ein- und Zweifamilienhäuser sieht die Vorlage vor. „Einer maßvollen Bebauung stimmen wir zu, wir wollten der Familie schließlich auch helfen. Aber Maximalforderungen mit viel mehr Bauplätzen lassen sich dort nicht durchsetzen“, sagt Dr. Ulrich Rausch (SPD), Ortsbeirats-Chef im Stadtteil.

Nach OP-Informationen schwankte die Zahl der zulässigen und geplanten Baugrundstücke in den vergangenen Jahren zwischen vier und 25. Seibert signalisiert nun Zustimmung: Mit zwölf auszuweisenden Flächen könne er „gut leben, weil das auch für einen Investor wirtschaftlich wäre“.

Im Ortsbeirat zweifelt man,  trotz der schriftlichen Zusicherung, aber derzeit daran, dass „die Verquickung von möglichem Baugebiet und Sanierung des Fachwerkhauses zu einem guten Ende führt“, sagt Rausch. Auch der Magistrat arbeitet OP-Informationen zufolge daran, den vom Parlament 2012 gefassten Beschluss zu „Auf der Eich“ zurückzunehmen.

Skepsis im Ortsbeirat, Warnung der IG MARSS

Die Initiativgruppe Marburger Stadtbild und Stadtentwicklung (IG MARSS) will der Eigentümerfamilie helfen und hat eine Resolution verabschiedet: Das Haus sei mit seiner „historischen Fachwerkskonstruktion prägend und repräsentativ für den alten Ortskern der Marbach“ und müsse daher „unbedingt erhalten werden“. Die Gruppe befürchtet, „dass durch Untätigkeit der Boden bereitet werden soll, damit an dieser Stelle hochwertige Eigentumswohnungen errichtet werden können“. Investoren hätten bereits Interesse an dem  rund 5000 Quadratmeter großen Grundstück angemeldet. Für eine Bebauung müsste allerdings das nach wie vor denkmalgeschützte Fachwerkhaus abgerissen werden.

„Es wäre vorstellbar, dass man es weiter so verfallen lässt, dass sich eine Renovierung, die das Hessische Denkmalschutzgesetz vorschreibt, nicht mehr lohnt, und dann durch die Bauaufsichtsbehörde die Abrissgenehmigung erteilt werden kann“, heißt es von der IG MARSS. „Es wäre nicht das erste denkmalgeschützte Bauwerk, das die Stadt zugunsten eines Bauinteresses der Abrissbirne opfert, wie zum Beispiel das Haus Rosenstraße 9 für das Bauvorhaben der DVAG.“
Im historischen Ortskern der Marbach dürften „keine Wohnblocks hochgezogen werden“, fordert die Initiative.

von Björn Wisker

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