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Ei, Gewitter! Becker hat ein rollendes R

Mundart Ei, Gewitter! Becker hat ein rollendes R

Können dialektsprechende Kinder wie Ida und Clara aus Mengsberg verhindern, dass Mundart ausstirbt? Wohl kaum, wenn man der Prognose von Mundart-Feldforscher Karl-Wilhelm Becker folgt.

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Eher ein kleiner Gag als ernsthafte Literatur sind diese Miniaturausgaben des Wörterbuch-Herstellers Langenscheidt mit verschiedenen Dialekten der deutschen Sprache. Mancherorts droht die Mundart auszusterben - auch in Marburg und der Region

Quelle: Peter Kneffel/dpa

Wetter. Was wird aus der Bruder-Brouder-Grenze? Was aus Petze, Pull und Mistrbrui - Hochdeutsch: Jauche? Was wird aus all dem ganzen schönen „Durchehne“ (Hochdeutsch: Durcheinander)? Was aus der großen Vielfalt des heimischen Dialekts? Nicht mehr viel, wenn man den Prognosen des Lehrbacher Mundart-Feldforschers Karl-Wilhelm Becker (Foto: Carina Becker) glaubt.

„Noch wird Mundart gesprochen in den Dörfern, doch die Kinder lernen es kaum mehr, selbst wenn Eltern und Großeltern es vormachen“, sind seine Erfahrungswerte. Was bleibt irgendwann noch übrig? „Der Regiolekt, der von vielen jüngeren Menschen in Mittelhessen gesprochen wird“, sagt Becker und beschreibt dieses Phänomen: „Dialektworte fließen ins Hochdeutsche ein, Endungen werden weggelassen.“

Obwohl vielerorts noch tüchtig Platt gesprochen wird, ist manche Eigenheit der Mundart einfach nicht mehr in Mode. Man denke an das -„rollende R“, wahlweise hinten auf der Zunge gebildet und mit texanischem Klang, oder vorn auf der Zunge, wie man es aus slawischen Sprachen kennt: „Da ruft man in einer Firma an und es sitzt jemand am Telefon, der das ,R‘ so rollt, das will man heutzutage nicht mehr“, sagt Becker.

Mittelhessisches Platt landauf und landab an Küchentischen und im Kuhstall

Er selbst ist berufsbedingt dort unterwegs, wo der Dialekt noch zu Hause ist. Als landwirtschaftlicher Berater springt er ein, wenn der Bauer ausfällt, hört mittelhessisches Platt landauf und landab an Küchentischen und im Kuhstall, dort, wo das „R“ noch rollen darf, wie es möchte.

„Im Hochdeutschen gibt’s ja gar kein so richtiges ,R‘, findet der 56-Jährige und meint, dass dieser in Mittelhessen legendäre Buchstabe durch die Aussprache im Rachenraum zu etwas verkomme, das eher wie ein „Ch“ klingt. Schlechte Zeiten für die Leute aus „Drereff“ (Driedorf) im Westerwald, wo aus der Mücke eine „Morre“ wird und auch sonst im Dialekt gern „Rs“ in Worten untergebracht werden, die im Hochdeutschen problemlos ohne auskommen.

Dort verzichtet man auch aufs ansonsten hierzulande weitverbreitete Universalfragewort „Gelle“ und weicht auf ein temperamentvolles „Worre“ aus. „Obama und Sängerin ,Pink´“, so meint Mundart-Feldforscher Becker, die kämen in „Drereff“ mit ihrem „R“ auch bestens zurecht. Und wenn man sich über diese Annahme wundert, so möge man dies doch bekräftigen mit einem donnernden: „Ei, Gewirrer nochemol" (Hochdeutsch: So was aber auch! - Ausspruch der Verwunderung).

Und schon wird klar, wie unterhaltsam so ein gerolltes „R“ sein kann, was Karl-Wilhelm Becker bei seinen Mundart-Vorträgen, wie vergangenen Dienstag bei der Altenilfe in Wetter, mit einem „R“ aus Holz demonstriert. Den übergroßen Buchstaben auf Rädern zieht er an einem Seil hinter sich her.

"Bei uns daheim gab’s gar kein Hochdeutsch"

Vom gerollten „R“ zum Platt sprechenden Nachwuchs. Was für ihre Urgroßeltern und Großeltern noch selbstverständlich war und in der Generation ihrer Eltern schon zur Seltenheit wurde, dürfen die beiden Mädchen Ida (5 Jahre) und Clara (2 Jahre) in ihrem Alltag lernen und anwenden. So üben die Kinder von Mirjam und Richard Rudewig aus Mengsberg den heimischen Dialekt schon von Geburt an.

„Es klappt ganz gut“, sagt ihr Vater Richard (33 Jahre), der selbst zu den Wenigen seiner Generation gehört, die daheim noch von klein auf gelernt haben, platt zu schwätzen. Ebenso seine beiden jüngeren Schwestern Maren (21) und Frauke (17).

„Bei uns daheim gab’s gar kein Hochdeutsch“, berichtet Richard Rudewig und spricht über die seit schätzungsweise gut vier Jahrzehnten sehr verbreitete Sorge der platt-kundigen Landbevölkerung, man dürfe mit den Kinder nur Hochdeutsch sprechen, sonst kämen sie in Schule und Kindergarten nicht klar. „Bei mir war’s kein Problem, das weiß ich aus den Erzählungen meiner Eltern. Ich habe Hochdeutsch wirklich erst im Kindergarten gelernt, aber es hat dann gut geklappt, auch später in der Schule.“

Anders als er selbst, wachsen die Mädchen von Richard Rudewig quasi zweisprachig auf. Mutter Mirjam, die Hauptbetreuungsperson von Ida und Clara, spricht hochdeutsch mit ihren Töchtern. Der Vater ist fürs Platt zuständig. „Das läuft dann zunächst eher zögernd“, berichtet er über seine Erfahrungen. „Die Kinder haben teils doch Hemmungen, aber ich rede konsequent auf Platt mit den beiden und sie stellen sich dann auch darauf ein und antworten selbst auf Platt.“

Wird die Mundart irgendwann verschwinden?

Richard Rudewig findet es schön, auf diese Weise in der eigenen Familie einen Beitrag zum Erhalt der Mundart zu leisten. Auch wenn er sich keine Illusionen macht. „Er ist nicht mehr so verbreitet wie früher - und er wird irgendwann auch verschwinden“, sagt der 33-jährige Apotheker über den Dialekt, den er beispielsweise an seinem Arbeitsplatz in Stadtallendorf gar nicht zu hören bekommt.

In Mengsberg spricht man das Hecke-Schwälmer Platt mit vielen Einflüssen aus Ziegenhain, zu dem der heutige Neustädter Stadtteil früher gehörte. So weicht der dortige Dialekt auch ganz erheblich von dem Platt ab, das man beispielsweise entlang der Lahn zwischen Fronhausen und Gießen spricht. „Ein Gebiet, wo es kleine Variationen gibt, aber keine ganz großen Unterschiede“, sagt Dialekt-Kundler Becker.

In anderen Teilen Mittelhessens verlaufen Grenzgebiete teilweise in Form von regelrechten Mehr-Länder-Ecken, beispielsweise dort, wo Vogelsberg, Schwalm und der auslaufende Marburger Raum aufeinandertreffen. Nieder-, Mittel- und Osthessisch kommen dort vor. „Von Dorf zu Dorf sind die Unterschiede teils so groß, dass man einzelne Worte als Ortsfremder nicht verstehen kann“, sagt Becker und nimmt die Ausdrucksweisen für das Wort Auge als Beispiel: Es wird zum Aag, Oog, Aage, zum Oag. Und in vier Dörfern zwischen Kirtorf und Alsfeld sogar zum Öög.

"Mehrfach-Verneinungen" in einigen Gebieten Mittelhessens verbreitet

Vor allem Letzteres ist eine mittelhessische Besonderheit, „denn ,Ös‘ kennen wir ja eigentlich gar keine in unserem Platt“.

Dafür sind die Mittelhessen in einigen Gebieten Experten in der so genannten Mehrfach-Verneinung, vor allem im Ostkreis sei sie geläufig, sagt Becker und gibt ein Beispiel: „Wo willst du da dei Ha hie hu?“ Hochdeutsch: Wo willst du denn dein Heu hinhaben? Antwort mit Mehrfachverneinung: „Aich will hey nie namie Ha hie hu.“ Hochdeutsch: Ich will hier nie nicht mehr Heu hinhaben.

Und so wird’s selbst auf engstem Raum nie langweilig mit dem heimischen Dialekt, solange es ihn noch gibt in all seiner erstaunlichen Breite. „Er bringt uns dem Zauber der Heimat näher“, umschreibt es Becker.Und der Niederaspher Mundart-Kenner Walter Holzapfel findet: „Dialekt ist Identität, es ist ein Wohlgefühl, es ist Heimat.“

Durch Kinder wie Ida und Clara, die zu den jüngsten „Plattschwätzern“ im heimischen Raum gehören, bleibt die Mundart vorerst erhalten. Und für die Nachwelt? „Da müssen wir Tonträger vollschwätzen“, sagt Dialekt-Kenner Becker und wird freilich darauf achten, dass er dabei die Übersetzung ins Hochdeutsche nicht vergisst.

von Carina Becker

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