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Echte Pässe mit falschem Namen

Spionage-Prozess Echte Pässe mit falschem Namen

Im Prozess gegen das Ehepaar, das vom Marburger Ortsteil Michelbach aus für den russischen Geheimdienst spioniert haben soll, geben sich die Auslandszeugen die Klinke in die Hand.

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Die Rechtsanwälte Peter Thiel und Nadine Nitz unterhalten sich in einem Gerichtssaal des Oberlandesgerichts in Stuttgart mit der Angeklagten Heindrun Anschlag (Deckname).

Quelle: Archivfoto

Stuttgart. Ein hoher Beamter des österreichischen Verfassungsschutzes berichtete beim Prozess vor dem Landgericht in Stuttgart, wie professionell der russische Auslandsgeheimdienst SWR die falsche Identität des Ehepaars gestrickt haben soll. Ein Ermittlungsbeamter der niederländischen Behörden gibt Auskunft über Raymond P. - über den Mann also, der den mutmaßlichen Spionen Informationen geliefert haben soll.

Es ist schon beeindruckend, wie die Russen ihre Agenten mit einer fast perfekten Legende ausstatten. So sind die angeklagten Eheleute, die nur unter ihren falschen Namen Heidrun und Andreas Anschlag bekannt sind, angeblich in Argentinien und Peru geboren. Das hat sich im Zuge der Ermittlungen als unwahr erwiesen - die Geburtsurkunden sind gefälscht.

Trotzdem konnten die Angeklagten, die in Moskau unter den Decknamen Tina und Pit geführt werden, unter ihren falschen Namen echte österreichische Pässe bekommen. Und zwar indem die Russen österreichische Beamte bestochen haben.

Der wahrscheinlich 55-jährige Andreas Anschlag hat bereits im Dezember 1984 den österreichischen Staatsbürgerschaftsnachweis erhalten. Seinen Reisepass holte sich der Ingenieur am 19. Dezember 1984 in Wildalpen in der Steiermark ab. Seine Frau Heidrun, wohl 51 Jahre alt, wurde 1989 in einer Gemeinde im Burgenland offiziell Österreicherin. Der Beamte, der sie einbürgerte, soll mehrere 10000 österreichische Schilling und allerlei Geschenke dafür bekommen haben. „Die Einbürgerung war eine Gefälligkeit für einen russischen Botschaftsangehörigen“, sagt der Zeuge. Niemand habe damals überprüft, ob die Angaben Heidrun Anschlags, die seinerzeit noch Freud hieß, korrekt gewesen seien. So habe sie eine nicht existente Wohnanschrift angegeben. Tatsächlich befindet sich unter der Adresse lediglich ein Bootsschuppen. „Die Ausstellung der Staatsbürgerschaften waren nicht rechtsmäßig“ so der Zeuge.

Der Einsatz des Paares, das damals offiziell noch gar nicht verheiratet war und sich angeblich erst in Österreich kennenlernte, war vom russischen Geheimdienst generalstabsmäßig vorbereitet. 1988 siedelte Andreas Anschlag nach Aachen um, Heidrun folgt ihm 1990. Seither soll das Paar für Russland geheime Informationen beschafft haben - zuletzt von Michelbach aus, wo die Anschlags in einem schmucken Haus mit ihrer ahnungslosen Tochter wohnten.

Eine der schillerndsten Figuren in dem Agententhriller ist Raymond P. Über den Beamten des niederländischen Außenministerium, der die Anschlags seit 2008 mit ungezählten Geheimdokumenten auf USB-Sticks versorgt haben soll, gibt ein holländischer Beamter im Zeugenstand Auskunft. Der hochverschuldete Mann war offenbar sehr empfänglich für das Angebot der Anschlags, 70 000 Euro für hochsensible Informationen zu zahlen. Raymond P., der in seiner Heimat auf seinen Prozess wartet, schweigt ebenso beharrlich wie das Paar aus Michelbach. Ob Raymond P. als Zeuge im Stuttgarter Verfahren gehört werden wird, steht in den Sternen.

von George Stavrakis

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Urteil

Das Oberlandesgericht Stuttgart verurteilte das russische Agentenpaar aus Marburg-Michelbach zu einer Haftstrafe von sechseinhalb bzw fünfeinhalb Jahren.

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